Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

Neue Regulierungsformen der Arbeitswelt


31.5.2012
Mit dem Wandel der Arbeitsgesellschaft haben sich auch neue Regulierungsformen von Arbeit herausgebildet. Insbesondere die industriellen Beziehungen und das duale Berufsausbildungssystem haben sich hierdurch verändert.

Mit dem Wandel der Arbeitsgesellschaft verändern sich auch die Anforderungen an die gesellschaftliche Regulierung von Arbeit. Durch die Institutionen, die sich in der Industriegesellschaft entwickelt und konsolidiert haben, wurden die Arbeits- und Einkommenssituation der Beschäftigten innerhalb eines Landes weitgehend einheitlich geregelt. Zu nennen sind hier insbesondere die Ausbildungssysteme, die sozialstaatlichen Absicherungen, das Arbeitsrecht und die Tarifvertragsbeziehungen zwischen den Interessenvertretern von Arbeitnehmern und Arbeitgebern, die üblicherweise als industrielle Beziehungen bezeichnet werden. Dieses industriegesellschaftliche Institutionenset stößt nun an seine Grenzen. Zum einen verringern sich nationalstaatliche Regulierungsmöglichkeiten als Folge zunehmender Transnationalisierungs- und Globalisierungsprozesse (Vgl. Kapitel: Supranationalisierung). Zum anderen wandeln sich auch die Regulierungsmuster komplementär zur Flexibilisierung der Arbeitszeiten, der Pluralisierung der Arbeitsorte und der Diversifizierung von Beschäftigungsformen. Der Wandel nationalstaatlicher Regulierungsformen von Arbeit soll im Folgenden am Beispiel zweier zentraler Institutionen illustriert werden, am Beispiel der industriellen Beziehungen und des dualen Berufsausbildungssystems.

Die gewandelten industriellen Beziehungen

Die industriellen Beziehungen, also die überbetrieblichen Verhandlungssysteme zwischen Unternehmerverbänden und Gewerkschaften wie die betrieblichen zwischen Betriebsräten und Unternehmensführungen, sind eine zentrale Institution zur Regelung von Arbeitsbedingungen und Entlohnung. In den Tarifvertragsverhandlungen zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbänden wurde in der Nachkriegszeit die Entwicklung von Arbeitsproduktivität und Einkommen und damit das Wachstum von Produktion und Kaufkraft aufeinander abgestimmt. Kennzeichnend für das deutsche Modell ist einerseits die Dualität von Tarifautonomie und Betriebsverfassung, andererseits das hohe Maß an Verrechtlichung der Arbeitsbeziehungen. Tarifverhandlungen sind die "Arena", in der kollektive Akteure (Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände) Arbeits- und Einkommensbedingungen festlegen. In der betrieblichen "Arena" regeln die Akteure (Unternehmensleitung und Betriebsrat) die konkreten Arbeitsbedingungen. Das hohe Maß an Verrechtlichung verdankt sich dem Staat, der einerseits Mindeststandards festlegt (Kündigungsschutzgesetz, Arbeitszeitgesetz, Bundesurlaubsgesetz etc.), andererseits durch prozedurale Regelungen (Tarifvertragsgesetz, Betriebsverfassungsgesetz) den Rahmen für die Aushandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern absteckt.

Die in Deutschland üblichen, branchenweit gültigen "Flächentarifverträge" haben durch die Festlegung von Mindestbedingungen zu einer Vereinheitlichung der Arbeits- und Entlohnungsbedingungen und damit auch zu einer Homogenisierung der Industriestruktur beigetragen. Obwohl nur knapp ein Fünftel aller Beschäftigten (2007: 19,9 %) gewerkschaftlich organisiert ist, werden die Entlohnungsbedingungen von 64 % der westdeutschen und 51 % der ostdeutschen Beschäftigten entweder durch Branchen- oder durch Firmentarifverträge geregelt (2009). Hierdurch werden die Lohnunterschiede zwischen verschiedenen Beschäftigtengruppen, zwischen verschiedenen Branchen und zwischen größeren und kleineren Unternehmen und ansatzweise auch zwischen Ost- und Westdeutschland gering gehalten und der soziale Friede im Land gesichert.

Mit der Verschärfung der Wettbewerbsbedingungen tritt jedoch zunehmend die unterschiedliche Leistungsfähigkeit der einzelnen Unternehmen in den Vordergrund; dies dokumentiert sich in erheblichen Spannungen im Arbeitgeberlager, in Austritten aus Arbeitgeberverbänden und in anderen Formen der Tarifflucht. Viele Unternehmen setzen auf eine Verbetrieblichung der industriellen Beziehungen. Betriebsbezogene Regelungen und betriebliche Interessenvertretungen haben dadurch an Bedeutung gewonnen. Auf Seiten vertretungsstarker Beschäftigtengruppen (Ärzte, Piloten, Fluglotsen, Lokführer) ist mit der Infragestellung des Grundsatzes der Tarifeinheit ("Ein Betrieb, ein Tarifvertrag") eine komplementäre Entwicklung zu beobachten, die sich in der zunehmenden Bedeutung von Berufsgewerkschaften und damit in der Konkurrenz verschiedener Gewerkschaften innerhalb desselben Unternehmens dokumentiert.
Der abnehmende gewerkschaftliche Organisationsgrad (der noch 1978 und 1991 – nach der Wiedervereinigung – 36 % betrug) ist auch ein Ergebnis der weiter oben beschriebenen wirtschafts- und sozialstrukturellen Wandlungsprozesse. Die traditionelle Grundlage der gewerkschaftlichen Interessenvertretung war die Facharbeiterschaft in den industriellen Kernbereichen. Diese Gruppe schrumpft und die Zahl der schwerer organisierbaren Beschäftigten (Angestellte, Dienstleister, Frauen) wächst. Andere Gruppen sind für die die Gewerkschaften kaum erreichbar (Jugendliche, Beamte, Selbständige). Deshalb haben die im DGB zusammengeschlossenen Gewerkschaften in den letzten Jahren massive Mitgliederverluste hinnehmen müssen: Die nunmehr 8 Mitgliedsgewerkschaften hatten Ende 2009 6,3 Mio. Mitglieder. Vor der Wende lag diese Zahl noch bei 7,9 Mio. Mitgliedern (1990).

Der abnehmende gewerkschaftliche Organisationsgrad, der geringere Anteil von Beschäftigten, die in tarifgebundenen Unternehmen mit Betriebsrat arbeiten, und das zunehmende Gewicht beruflicher, betrieblicher und individueller Interessenvertretungsformen weisen somit auf die Grenzen des verrechtlichten, vereinheitlichten und repräsentativen Modells der industriellen Beziehungen hin, das sich in der Nachkriegszeit durchgesetzt hat.

Das Duale System der Berufsausbildung

Eine zweite zentrale Säule der deutschen Arbeitsgesellschaft ist das duale System der Berufsausbildung (vgl. Kapitel: Bildung). Trotz der Expansion weiterführender Ausbildungsgänge beginnen immer noch etwa zwei Drittel aller Schulabgänger eine Lehre oder eine schulische Berufsausbildung in einem der derzeit 349 anerkannten Ausbildungsberufe (2008: 67,7 %). Dieses System hat seine Bedeutung in der Nachkriegszeit ganz erheblich steigern können. Die Besonderheit dieses Systems liegt in dem Versuch, anwendungsbezogenes Erfahrungswissen und systematisierte, vorrangig schulisch vermittelte Wissensbestände zu integrieren. Die Berufsschule und der Betrieb sind die beiden zentralen Lernorte dieses deshalb dualen Systems.

Mit dem Wandel zu einer Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft verdichten sich die Hinweise auf Grenzen des dualen Ausbildungssystems. Bei vielen anspruchsvolleren Dienstleistungstätigkeiten greifen die Unternehmen in verstärktem Maße auf schulisch und akademisch ausgebildete Beschäftigte zurück. Im Bereich der einfacheren Dienstleistungstätigkeiten hat sich das Berufsausbildungssystem allerdings gut behaupten können. Seit Mitte der 90er-Jahre werden mehr Ausbildungsplätze in Dienstleistungsberufen als in Fertigungsberufen angeboten (2008: 349 691 im Vergleich zu 247 924). Auch ist die Ausbildungsquote, d. h. der Anteil der Auszubildenden an allen Beschäftigten des jeweiligen Sektors, im Verarbeitenden und im Dienstleistungsgewerbe mit 6,5 % (2007) gleich hoch. Diese Ausbildungen konzentrieren sich allerdings auf geringer entlohnte und weniger attraktive Tätigkeiten im Gastgewerbe, im Einzelhandel und in den personenbezogenen Dienstleistungen. Ein weiteres Problem ergibt sich aus der Tatsache, dass betriebliche Investitionen in eine berufliche Ausbildung nach der Ausbildung durch einen Arbeitsplatzwechsel verloren gehen können. Daher bilden in Westdeutschland nur jeder vierte (2007: 25,5 %) und in Ostdeutschland nur jeder fünfte Betrieb (18,8 %) aus. Vielfach wird auch kritisiert, dass das berufliche Ausbildungssystem von überholten, industriegesellschaftlichen Organisationskonzepten geprägt ist und mit übertriebenem Spezialistentum, Verkrustungen, Versäulungen und hierarchischen Abschottungen einhergeht.

Festgehalten werden kann, dass das duale Berufsausbildungssystem jahrzehntelang eine zentrale Stärke des deutschen Produktionsmodells war. Die Diversifizierung der Ausbildungs- und Arbeitsformen erschwert jedoch zunehmend die überbetriebliche Regulierung des Systems, während die Zunahme anspruchsvoller Dienstleistungstätigkeiten schulische Ausbildungs- und Rekrutierungskonzepte begünstigt.