Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

Zivilgesellschaft in Zahlen


31.5.2012
Stärke und Ausprägung der Zivilgesellschaft lassen sich auf verschiedene Weise erfassen. Allgemein lässt sich feststellen, dass die aktive Zivilgesellschaft in Deutschland stark ausgeprägt ist. Schwerpunktmäßig liegt sie vor allem in freizeitnahen Bereichen. Doch auch in karitativen Einrichtungen ist bürgerschaftliches Engagement in beträchtlichem Ausmaß zu beobachten.

Stärke und Ausprägung der Zivilgesellschaft können durch die Häufigkeit und Intensität des individuellen Engagements der Bürger und Bürgerinnen, durch die Anzahl der zivilgesellschaftlichen Organisationen, die Breite des Spektrums ihrer Tätigkeitsbereiche und durch die Art ihrer Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen und privatwirtschaftlichen Unternehmen erfasst werden.

Bürgerschaftliches Engagement

Wichtigste Grundlage zur Erfassung des individuellen Engagements in Deutschland ist der PDF-Icon Freiwilligensurvey, eine regelmäßige Befragung von jeweils 15.000 zufällig ausgewählten Personen über 15 Jahre. Es wird differenziert nach Gemeinschaftsaktivität als "aktive Beteiligung", die mehr umfasst als passive Mitgliedschaft (z. B. in einem Verein), und "freiwilligem Engagement" in Form regelmäßig und dauerhaft wahrgenommener Tätigkeiten (Gensicke u. a. 2006). Ein solches Engagement ist z. B. die Mitarbeit im Vorstand eines Vereins oder die regelmäßige, wenn auch informelle Übernahme von Aufgaben in einem Altenheim.

Die Ergebnisse der Befragung zeigen: Deutschland verfügt über eine aktive Zivilgesellschaft. Mehr als jeder Dritte ist freiwillig engagiert und regelmäßig unentgeltlich tätig. Ferner ist knapp ein weiteres Drittel zum Engagement bereit, wenn sich die Gelegenheit bieten und er oder sie konkret angesprochen würde. Männer sind in der Regel engagierter als Frauen. Allerdings spielen hierbei der Bildungsgrad sowie die Lebenssituation eine wichtige Rolle. Gut ausgebildete Frauen stehen den Männern im Engagement nicht nach. Frauen mit einer Doppelbelastung von Beruf und Familie sind weniger engagiert als ihre Partner. Bürgerschaftliches Engagement findet in der Regel in zivilgesellschaftlichen Organisationen und damit in einem Verein oder Verband, in einer Stiftung, Gewerkschaft, Partei oder Selbsthilfegruppe statt. Bürgerschaftliches Engagement in kommunalen oder staatlichen Einrichtungen, wie etwa als Ehrenamtlicher in der Stadtbücherei oder im Kontext von Schulen, ist noch selten, aber in der Tendenz zunehmend. Die beliebtesten Engagementbereiche sind Sport und Freizeit, danach folgen Soziales, Schule und Kindergarten. Vergleichsweise weniger attraktiv sind politische Engagementbereiche (Parteien, Gewerkschaften).

Das abnehmende Interesse an klassischen politischen Organisationen, nämlich Parteien und Gewerkschaften, zeigt sich auch deutlich an deren Mitgliederschwund. Während Sportvereine über die letzten Jahre Mitgliederzuwächse verzeichneten, geht die Attraktivität von Parteien und Gewerkschaften als traditionsreiche zivilgesellschaftliche Organisationen, die im Kontext der Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert entstanden sind, kontinuierlich zurück.

Doch ist es eine Gefahr für unsere Demokratie, wenn wir uns eher im Sportverein als in einer Partei engagieren? Befürworter sehen in einer aktiven Gesellschaft – ganz gleich, ob das Engagement im Sportverein, in der Kirche, in einer Gewerkschaft oder in einer Partei stattfindet – einen Unterpfand für Gemeinschaft und "starke Demokratie" (Barber 1994). Kritiker wenden dagegen ein, dass regelmäßiger Sport im Verein, Singen im Chor und Sitzungsleitung im Elternverein wenig mit "Zivilgesellschaft" als Projekt für die Verbesserung von Demokratie und Gemeinschaft zu tun hätten. Es sei daher zielführender, vor allem auf politisches Engagement zu fokussieren wie z. B. die Beteiligung an politischen Aktivitäten einschließlich des Sammelns von Unterschriften und der Teilnahme an Demonstrationen.

Protestereignisse und Teilnehmerzahlen in Deutschland 1950 - 2002Protestereignisse und Teilnehmerzahlen in Deutschland 1950 - 2002
Doch auch in dieser Hinsicht ist die Bevölkerung über die Jahre politisch interessierter und aktiver geworden. Allerdings verlagert sich das Engagement von traditionellen Formen wie der Mitgliedschaft in Parteien und Gewerkschaften oder der Wahlbeteiligung auf allen Ebenen (Europa, Bund, Land und insbesondere Kommune) auf die direktdemokratischen Beteiligungsformen wie Volksbegehren und Volksentscheide. Mit dem Aufkommen der "Neuen Sozialen Bewegungen" – der Friedens-, Frauen- und Ökologiebewegung – ab Ende der 1960er-Jahre haben die Protestaktivitäten im Vergleich zur Anfangszeit der Bundesrepublik deutlich zugenommen (Roth/Rucht 2007).

Deutschland verfügt also über eine aktive Zivilgesellschaft. Deren Schwerpunkt liegt zwar – rein quantitativ betrachtet – vor allem in freizeitnahen Bereichen (Sport, Geselligkeit). Doch auch in karitativen Einrichtungen, in Schulen und Kindergärten sowie bei der freiwilligen Feuerwehr und im Unfall- und Rettungsdienst ist bürgerschaftliches Engagement in beträchtlichem Ausmaß festzustellen. Ebenso hat das nicht-organisationsgebundene politische Engagement kontinuierlich zugenommen, ein deutliches Indiz für eine aktive Zivilgesellschaft und starke Demokratie.

Zivilgesellschaftliche Organisationen und ihre Tätigkeitsfelder

In Deutschland gibt es heute mehr als 550.000 Vereine, mehr als sechsmal so viele wie noch vor einem halben Jahrhundert. Infolge der DDR-Vergangenheit verfügten die Bundesländer in Ostdeutschland zunächst über eine geringe Vereinsdichte. Inzwischen haben sie fast das Niveau der westlichen Bundesländer erreicht (Alscher u. a. 2009: 73).
Mitgliedsschaftsentwicklung von Gewerkschaften, Parteien und Sportvereinen (1991 - 2007)Mitgliedsschaftsentwicklung von Gewerkschaften, Parteien und Sportvereinen (1991 - 2007) (© Mareike Alscher, u. a.: Bericht zur Lage und zu den Perspektiven des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland, Berlin 2009, S. 53)
Aufgrund ihrer großen Zahl sind Vereine die zentrale Grundlage der zivilgesellschaftlichen Infrastruktur: In den Kommunen sind sie bedeutende Dienstleister (z. B. Sportvereine oder Kindergärten), sie bilden gleichzeitig ein Forum für gesellschaftliches Miteinander und Integration uns sie tragen zur politischen Sozialisation bei (Zimmer 2007). Viele derjenigen, die heute in leitenden Ämtern in der Politik tätig sind, haben ihre "Karriere" im Verein begonnen, z. B. bei den Pfadfindern, im Sportverein oder auch bei einer als eingetragener Verein organisierten Umwelt- oder Dritte-Welt-Initiative. Doch der Gründungsboom der Vereine scheint an seine Grenzen zu kommen (Alscher u. a. 2009: 71). Auch klagen inzwischen viele Vereine über Schwierigkeiten bei der Gewinnung und dauerhaften Bindung von Mitgliedern. Besonders wird auf die Probleme bei der Besetzung von Leitungs- und Führungsposition im Verein hingewiesen (npm 2009). Die Bereitschaft, sich dauerhaft und auch längerfristig insbesondere für eine Leitungsaufgabe zu verpflichten, geht deutlich zurück. Daher ist das Gesamtbild durchaus gemischt: Einerseits blicken die Vereine in Deutschland auf eine Erfolgsgeschichte im Hinblick auf Größenwachstum und Aufgabenvielfalt zurück, andererseits wird die Vereinslandschaft zunehmend durch Konkurrenz um Mitglieder, ehrenamtliches Leitungspersonal, private Sponsoren- und Fördergelder wie Zuschüsse der öffentlichen Hand geprägt.

Allerdings haben auch zivilgesellschaftliche Organisationen mit Problemen des Managements und der Finanzierung zu kämpfen haben. In Deutschland sind Vereine traditionell auch maßgeblich in eine umfängliche Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen eingebunden. Beispielsweise ist das Sportangebot vor Ort auch deshalb so umfangreich, weil die Sportvereine eng mit den Kommunen zusammenarbeiten und diese die Vereine sowohl finanziell wie durch Zurverfügungstellung von Sportstätten unterstützen. Eine sehr enge Kooperation zwischen zivilgesellschaftlichen Organisationen und dem Staat hat sich historisch in den Bereichen Soziale Dienste und Gesundheit entwickelt. Bei Kindergärten, Alten- und Pflegeheimen und Behinderteneinrichtungen überwiegen private gemeinnützige Organisationen. Die überwiegende Mehrheit der im sozialen und Gesundheitsbereich tätigen zivilgesellschaftlichen Organisationen ist den Wohlfahrtsverbänden angeschlossen.

Das Stiftungswesen

Die Zahl der Stiftungen in Deutschland ist mit gut 15.000 (Bundesverband Deutscher Stiftungen 2009) deutlich geringer als die der Vereine, obgleich auch hier beachtliche Zuwächse gerade in jüngster Zeit zu beobachten waren und wohl auch künftig zu erwarten sind.

Während es sich bei Vereinen in der Regel um einen Zusammenschluss von Personen handelt (Mitgliederorganisation), wird die Stiftung durch einen auf Dauer gestellten Zweck (Stifterwille) konstituiert, zu dessen Verwirklichung ein Stifter oder eine Stifterin Vermögenswerte zur Verfügung stellt, deren Erträge zur Realisierung des Stiftungszwecks investiert werden. Als zivilgesellschaftliche Organisationen stehen Stiftungen vor allem deshalb im Zentrum der Aufmerksamkeit, weil sie im Unterschied zur Mitgliederorganisation Verein eher dem individualistischen Zeitgeist entsprechen. Um maßgebliche Akzente zu setzen und auch als Financier jenseits von Markt und Staat zivilgesellschaftliche Projekte und Organisationen effektiv unterstützen zu können, fehlt es vielen Stiftungen allerdings an einer soliden Finanzausstattung. Das Vermögen der meisten Stiftungen in Deutschland liegt unter 500.000 Euro. 18 % sind sogar Kleinststiftungen mit einem Vermögen bis zu 50.000 Euro (Alscher u. a. 2009: 74 f.). Zweifellos gibt es herausragende Beispiele für zivilgesellschaftliche Stiftungsaktivität. Ein solches ist Jan Philipp Reemtsma, der infolge des Verkaufs der ererbten Zigarettenfabrik zu einem die politische Kultur der Bundesrepublik prägenden Mäzen und Stifter wurde. Die Bosch- wie auch die Körber-Stiftung sind Beispiele für eine enge Verzahnung von Wirtschaftsunternehmen und zivilgesellschaftlichem Engagement im sozialen wie Wissenschafts- und Erziehungsbereich. Entsprechendes gilt für die Bertelsmann-Stiftung, die nicht zuletzt aufgrund ihrer engen Bindung an ein weltweit tätiges Medienunternehmen in vielen Bereichen, wie etwa bei der Reform bzw. Verbetriebswirtschaftlichung der öffentlichen Verwaltung, einschließlich Hochschulen und Stadtverwaltungen, meinungsbildend tätig wurde.

Neben diesen Stiftungen einzelner Personen oder Unternehmen gibt es "Bürgerstiftungen", deren Anzahl inzwischen auf 237 angewachsen ist. Bürgerstiftungen sind eine Mischform zwischen Verein und klassischer Stiftung, indem sie zum einen auf einer Vielzahl von größeren und kleineren Zustiftungen beruhen und zum anderen ihren Stiftungszweck im Rahmen von Projekten verwirklichen, die nicht primär eigenkapitalfinanziert sind, sondern durch projektbezogene Spenden- und Sponsoringmittel sowie durch bürgerschaftliches Engagement realisiert werden. Gerade die kleinen Bürgerstiftungen mit einem Volumen von weniger als 500.000 € machen in den Gemeinden den Vereinen bei der Einwerbung von Spenden und Sponsoringmitteln sowie bei der Anwerbung von freiwilligen Mitarbeitern und Leitungspersonal zunehmend Konkurrenz. Zusammenfassend bleibt festzustellen, dass das Stiftungswesen in Deutschland zwar nur ein Teil der Zivilgesellschaft in Deutschland und nicht ihr prägendster ist, aber vermutlich an Bedeutung zunehmen wird.



 
Hakenkreuz in Halberstadt. Foto: KulickSchwerpunkt

Zivilgesellschaft

Zivilgesellschaft ist die Welt der privaten Initiativen, der Vereine, der Kollegen, Freunde und Nachbarn. Sie gilt als der ''dritte Sektor'' neben der Wirtschaft und der Politik. Rechtsextremismus lässt sich nur erfolgreich bekämpfen, wenn sich alle drei Sektoren gleichermaßen daran beteiligen. Es geht darum, zivile Werte mit Zivilcourage zu verteidigen. Ohne Engagement der Zivilgesellschaft geht das nicht. Weiter...