Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Maurizio Bach

Einleitung

Der Begriff Europa ist mit unterschiedlichen Vorstellungen verbunden. Ebenso unklar lässt sich die politische, ökonomische und gesellschaftliche Einheit Europas skizzieren. Mit der Gründung der Europäischen Union stellt sich heute die Frage: Kann eine europäische Gesellschaft existieren und kann man von einer europäischen Sozialstruktur sprechen?

Die Folie zeigt Europa mit seinen politischen Grenzen. Was auf den ersten Blick einleuchtend und "objektiv" erscheint, hat jedoch seine Tücken. Tatsächlich liegen die Grenzen des europäischen Kontinents nicht objektiv fest, sie sind vielmehr eine Setzung.Europa politisch. (PDF und Kommentartext)
"Europa", ein unbestimmter Begriff

Mit dem Begriff "Europa" sind höchst unterschiedliche Vorstellungen verbunden. Europa wird als geographischer Raum oder als kulturelle Einheit, als ökonomisches und politisches Machtgebilde oder auch als europäische Gesellschaft gedacht. Eine diese verschiedenen Aspekte integrierende Konzeption der Einheit und Identität Europas existiert bis heute nicht, denn es mangelt den jeweiligen Europabildern an eindeutigen Grenzen ihrer Projektionsflächen. Die geografischen Grenzen Europas sind, besonders im Osten und Südosten seit jeher unbestimmt. Lange hielt man den Ural für die natürliche Kontinentalgrenze im Osten. Mittlerweile ist auch diese geographische Konvention umstritten. Ähnlich stellt sich die Problematik hinsichtlich der Wertefrage: Diejenigen Werte, die üblicherweise mit der griechisch-römischen Antike, dem jüdisch-christlichen Abendland, der Renaissance, der Aufklärung und der modernen Demokratie verbunden werden, haben zwar historisch ihre Ursprünge in Europa, sie sind aber lange schon integraler Bestandteil der globalen Kultur, mithin weitgehend universalisiert. Eine spezifisch europäische Kulturidentität lässt sich darauf nicht gründen.

Europa – ein Konglomerat von Nationalstaaten

Ebenso wenig klar konturiert stellt sich die politische, ökonomische und gesellschaftliche Einheit Europas dar. In dieser Hinsicht ist Europa in erster Linie ein Konglomerat von in sich geschlossenen Nationalstaaten. Die über Jahrhunderte prägende Dominanz des Nationalstaates als politisches und gesellschaftliches Ordnungsmodell in Europa bestimmt auch maßgeblich den Gesellschaftsbegriff. Gemeinhin wird unter Gesellschaft eine regionale, territorial begrenzte Einheit verstanden, so dass zum Beispiel Deutschland eine andere Gesellschaft bildet als Italien oder Frankreich. Angesichts der vielfältigen grenzüberschreitenden Prozesse im Rahmen der Europäischen Union hat diese verbreitete Auffassung allerdings ihre bisherige Selbstverständlichkeit eingebüßt. Heute stellt sich die Frage, ob eine europäische Gesellschaft existiert und ob man von einer europäischen Sozialstruktur sprechen kann. Die Beantwortung dieser Frage hängt wesentlich davon ab, worin man die Grundlagen und die Zielrichtung der europäischen Integration sieht.