Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Maurizio Bach

Die Sozialstruktur Europas

Führt die europäische Integration zu verschärfter sozialer Ungleichheit? Empirische Befunde zeigen, dass die Europäisierung zunehmend direkten Einfluss auf die Lebensumstände von Menschen und sozialen Gruppen nimmt. Der soziale Raum des integrierten Europas ist durch tiefgreifende strukturelle Spaltungen und Konfliktlinien charakterisiert.

Europäisierung sozialer Ungleichheit?

Die Strategie der "negativen Integration" und der Fokus auf die Wirtschaft stoßen aber auch an Grenzen und führen zu Problemen durch unerwünschte Nebenfolgen und Fehlentwicklungen. Verbreitet ist die Kritik, dass die europäische Wirtschaftspolitik die Entfesselung der negativen Seiten des Kapitalismus und einen Abbau von Sozialstandards in den Mitgliedstaaten betreibe sowie einen ruinösen Standortwettbewerb begünstige. Die Frage, ob die europäische Integration tatsächlich damit zu verschärfter sozialer Ungleichheit, gar zu einer neuartigen Ungleichheitsdynamik in der Europäischen Union führt, beschäftigt seit Beginn des 21. Jahrhunderts verstärkt auch die soziologische Europaforschung. Die vorliegenden empirischen Befunde zeigen, dass die Europäisierung direkten Einfluss auf die Lebensumstände von immer mehr Menschen und sozialen Gruppen nimmt. Der soziale Raum des integrierten Europas ist durch tiefgreifende strukturelle Spaltungen und Konfliktlinien charakterisiert, welche die Lebenschancen ausgedehnter Bevölkerungsgruppen bestimmen.

Das innereuropäische Wohlfahrtsgefälle und regionale Disparitäten

Eine bedeutende Rolle spielt das doppelte innereuropäische Wohlfahrtsgefälle zwischen Nord- und Südeuropa einerseits sowie zwischen West und Ost anderseits. Hinzu kommen erhebliche soziale Polarisierungen auf regionaler Ebene. In der reichsten Region Europas, Inner London, beträgt zum Beispiel das BIP pro Kopf 303 % des europäischen Durchschnitts, in der rumänischen Nord-Ost-Region nur 24 %. Auch gibt es große Unterschiede hinsichtlich des Bruttosozialprodukts pro Kopf, der Beschäftigung, der Arbeitslosigkeit sowie der Armutsrisiken innerhalb der Mitgliedsländer. In einigen Regionen liegt die Arbeitslosigkeitsquote bei etwa 2,5 %, während andere Regionen Quoten über 20 % aufweisen. Außerdem gibt es unterschiedliche Muster der Entwicklung im Vergleich ländlicher und städtischer Regionen Die große Mehrheit der städtischen Räume hat ein Pro-Kopf-Einkommen, das über dem EU-Durchschnitt liegt. "Die Hauptstadtregionen gehören überall in Europa zu den größten Wachstumszentren und sind Magneten für Arbeitskräfte und Investoren … Regionen in Randlagen hingegen haben häufig ein niedriges Pro-Kopf-Einkommen und überdurchschnittliche Arbeitslosigkeit." (Mau/Verwiebe 2009: 268) Darüber hinaus zeigen Untersuchungen, dass die ungleiche Ausstattung von Regionen mit Humankapital (Ausbildungs- und Qualifizierungsgrad der Bevölkerung) als eine mögliche Ursache für das Fortbestehen oder sogar die Verschärfung von Disparitäten angesehen werden kann. Es ist ein Kennzeichen der europäischen Sozialstruktur, dass soziale Ungleichheit im europäischen Maßstab deutlich stärker durch regionale und räumliche Disparitäten als durch Klassen- und Schichtenlagen, wie in den Nationalstaaten, geprägt wird.

Gewinner und Verlierer der Integration

Große Bedeutung haben auch die Prozesse der Marktbildung und Deregulierung, die spezifische Gruppen von Gewinnern und Verlierern hervorbringen. Insbesondere schwächere Marktteilnehmer und Standorte mit veralteten Industrien (u. a. Landwirte, Stahlindustrie, öffentliche Unternehmen, Staatsangestellte) geraten unter Druck. Als Folge davon gibt es eine wachsende Kluft zwischen jenen, die sich aufgrund ihrer Qualifikationen und Wettbewerbsfähigkeit auf den Märkten behaupten können, und jenen, die zu Marktverlierern und zu Outsidern des Arbeitsmarktes werden. Zu letzteren gehören insbesondere niedrig Qualifizierte, Arbeitnehmer mit veralteten Qualifikationen und ältere Menschen.

Die Grenzen der sozialen Solidarität in Europa

Als Gegengewicht zur "Vermarktlichung" der Lebenslagen entstanden auch neue Formen der sozialen Solidarität in Europa. Die europäische Solidarität bleibt aber im Wesentlichen auf Regional- und Agrarförderung beschränkt, die durch Transferzahlungen der diversen europäischen Strukturfonds (Sozialfonds, Fonds für Regionale Entwicklung, Kohäsionsfonds u. a.) finanziert wird. Eine darüber hinaus gehende "umverteilungsfeste", d. h. mit nennenswerten Transferzahlungen einher gehende Sozialpolitik (Vobruba 2007), wie sie sich in den europäischen Wohlfahrtsstaaten nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt hat, gibt es auf europäischer Ebene nicht und ist auf absehbare nicht zu erwarten.

Die positiven sozialen Wirkungen der europäischen Integration

Der Europäisierung sozialer Ungleichheit stehen allerdings auch schwer quantifizierbare soziale Verbesserungen und Wohlstandsgewinne gegenüber. Es gibt nicht nur Verlierer, es gibt auch Gewinner der Integration. Die neuen Möglichkeiten des Konsums, des Tourismus, der grenzüberschreitenden Mobilität, die Einführung europäischer Standards in vielen Lebensbereichen (z. B. bei der Gleichstellung der Geschlechter), die Entwicklung einer europäischen Infrastruktur des Transports und der Kommunikation und nicht zuletzt der europäische Studentenaustausch führen auch zu spürbaren Verbesserungen der Lebenslagen und -chancen von unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Fest steht, dass sich die Volkswirtschaften von Beitrittsländern im Zuge ihrer Umstrukturierung und Modernisierung in ihrer ökonomischen Produktivität, den Einkommensverhältnissen und der Beschäftigung mittel- und langfristig den Entwicklungsniveaus der Länder des ökonomischen Zentrums annähern. Das gilt in besonderem Masse für die neuen mittelost- und osteuropäischen Länder. Damit nimmt die ökonomische und soziale Konvergenz in der Europäischen Union tendenziell zu (vgl. Mau/Verwiebe 2009: 246 ff.).