Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Stefan Hradil

Wie lässt sich in die Zukunft schauen?

Wie kommt man dem starken Bedürfnis nach, Kenntnisse über die Zukunft zu erlangen? Grundsätzlich gibt es drei Arten um vorhersagen zu treffen: Prognosen, Vorausrechnungen und Szenarien. Da Prognosen und Vorausrechnungen sehr ungewiss sind, bietet es sich an Szenarien zu entwerfen.

Es gibt im Wesentlichen drei Arten, in die Zukunft zu schauen: Prognosen, Vorausrechnungen und Szenarien. Prognosen benennen mehr oder minder genau Ort, Zeitpunkt, Umfang und Wahrscheinlichkeit zukünftiger Gegebenheiten. Vorausrechnungen bestehen aus exakten, bestimmte Trends in ihrem Zeitverlauf quantifizierenden Berechnungen, die oft mehrere Varianten enthalten, je nachdem, welche Annahmen über Voraussetzungen und Begleiterscheinungen (z. B. die künftigen Zuwanderungen) zugrunde gelegt werden. Szenarien hingegen sind Vereinfachungen, die bestimmte Entwicklungen bewusst überzeichnen, um z. B. auf gefahrvolle Konsequenzen, auf zu treffende Maßnahmen oder verfügbare Optionen aufmerksam zu machen.

Prognosen, erst recht Vorausrechnungen, die sich auf gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Prozesse beziehen, gelten als schwierig und riskant. Denn sie müssen unter anderem die Entscheidungen »eigensinniger« individueller und kollektiver Akteure einkalkulieren, die sich nicht hinreichend vorhersagen lassen. Zudem erzeugt eine Vielzahl von Einflussfaktoren in ihrem Zusammen- und Entgegenwirken schwer prognostizierbare Gesamtwirkungen. Schließlich können die Voraussagen selbst die Gesellschaft verändern. Es fragt sich nur, in welcher Richtung: als "self-fulfilling"- oder als "self-destroying-prophecies". Oft kommt es daher ganz anders, als vorauszusehen war. Viele Prognosen und Vorausrechnungen haben sich in der Geschichte der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften als falsch erwiesen. Dies schließt nicht aus, dass auf Teilgebieten gesellschaftliche, wirtschaftliche oder politische Prognosen (und sogar Vorausberechnungen) mit großer Sicherheit erstellt werden können. So lässt sich mit Gewissheit prognostizieren, dass die Bevölkerung Deutschlands schrumpfen wird. Wenn nämlich die seit Mitte der 1970er-Jahre geborenen geburtenschwachen Jahrgänge nun nach und nach in das Elternalter kommen, werden so wenige Eltern vorhanden sein, dass ein großes Geburtendefizit unausweichlich ist, unabhängig davon, wie sich Geburtenraten, Lebenserwartung und Zuwanderung im Rahmen realistischer Erwartungen verändern werden. Wie stark die Bevölkerung schrumpfen wird, lässt sich jedoch nicht genau vorhersagen. Das hängt hauptsächlich davon ab, wie viele Migranten nach Deutschland kommen werden. Daher wird vorausberechnet, dass die Bevölkerung Deutschlands im Jahre 2060 wahrscheinlich auf nur noch 65 bis 70 Millionen Menschen zurückgehen wird (Statistisches Bundesamt 2009). Auch wenn die Prognose eines Bevölkerungsschwunds sich nur bedingt vorausrechnen lässt, ist sie durchaus nützlich, denn sie erlaubt weitere Vorhersagen, so zum Beispiel eine Tendenz zum Fachkräftemangel auf dem Arbeitsmarkt (vgl. Kapitel "Arbeitsmarkt") oder zur Entleerung ländlicher Regionen (vgl. Kapitel "Bevölkerung").

In vielen anderen Bereichen (so zum Beispiel bezüglich der längerfristigen ökonomischen und technologischen Entwicklung) erscheinen Prognosen oder gar Vorausrechnungen aber so ungewiss, dass sie nur selten gewagt werden, obgleich viel von der Entwicklung dieser Bereiche abhängen wird. Denn zu viele unbekannte Faktoren und unvorhersehbare Verhaltensweisen können diese Vorhersagen zu Makulatur werden lassen.

Wenn also einerseits ein starkes Bedürfnis besteht, Kenntnisse über die Zukunft zu erlangen, andererseits Prognosen unverantwortlich erscheinen, dann bietet es sich an, Szenarien zu entwerfen. Sie sagen nicht voraus, wie die Zukunft sein wird, sondern wie sie möglicherweise sein könnte.