Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Stefan Hradil

Was sind und wozu dienen Szenarien?

Szenariokonstruktionen erheben den Anspruch Möglichkeiten der Zukunftsentwicklung zu beschreiben, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eintreten können. Künftige Entwicklungen, aus denen sich entsprechend unterschiedliche Verhältnisse ergeben können, werden meist in verschiedenartigen Szenarien einander gegenüber gestellt.

Ein Szenario ist ein vereinfachendes Konstrukt, das einen möglichen Weg in die Zukunft sowie einen möglichen zukünftigen Zustand beschreibt. Da in der Regel unterschiedliche künftige Entwicklungen möglich sind, aus denen sich entsprechend unterschiedliche Verhältnisse ergeben können, werden meist verschiedenartige Szenarien einander gegenüber gestellt.

Wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Szenarien stellen in der Regel eine Mischung von normativen, also an Werten und Zielvorstellungen ausgerichteten und nicht-normativen, das heißt faktenorientierten Vorausschauen dar. Denn es werden sowohl an Zielen orientierte Handlungsweisen von Menschen (normativ geprägte Entwicklungen) als auch zwangsläufig sich ergebende Folgen und Wechselwirkungen (nicht-normative Entwicklungen) in Rechnung gestellt.

Bei aller Vereinfachung und trotz normativer Komponenten: Szenariokonstruktionen sind keine Phantasieprodukte oder Ausdruck von Angst- oder Wunschvorstellungen, sie erheben vielmehr den Anspruch, Möglichkeiten der Zukunftsentwicklung zu beschreiben, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eintreten können. Um realistische Szenarien zu schaffen, werden die einbezogenen Entwicklungen, Verhaltensweisen und (Wechsel-)Wirkungen nicht nur auf die Wahrscheinlichkeit ihres Auftretens, sondern auch auf ihre Widerspruchsfreiheit hin geprüft (vgl. Kosow/Gaßner 2008: 57).

Dienen Prognosen und Vorausrechnungen dazu, die künftigen Bedingungen des eigenen Handelns rechtzeitig kennenzulernen und so dessen Folgen antizipieren zu können, so haben Szenariokonstruktionen den Zweck, mögliche Zukunftsentwicklungen und -gegebenheiten erst einmal bekannt zu machen, darin eingeschlossen die eigenen und fremden Verhaltensweisen, die diese Entwicklungen mit bedingen (zum Beispiel eine Energieversorgung allein durch regenerative Energien oder eine Stadt ohne Pendlerverkehr durch Autos). Szenarien sollen weiterhin dazu anregen, sich mit diesen möglichen künftigen Entwicklungsprozessen und Gegebenheiten auseinanderzusetzen und diese zu bewerten. Dazu hilft auch, die Folgeerscheinungen und Wechselwirkungen möglicher zukünftiger Zustände auszuloten. Schließlich sollten Szenarien helfen, die Ziele und Maßnahmen zu klären, die geeignet erscheinen, gewünschte künftige Gegebenheiten herbeizuführen oder aber unerwünschte künftige Zustände nicht entstehen zu lassen.

Mittlerweile liegen auf vielen Feldern Erfahrungen mit Szenariotechniken vor, so im Bereich politischer Strategiediskussionen, des unternehmerischen Marketings, militärischer Planungen, ökologischer Entwicklungen, der Stadtplanung etc. Dadurch haben sich verlässliche Konventionen der Szenarioerstellung herausgebildet. Sie können auch für Zwecke der politischen Bildung genutzt werden.

Szenarien werden üblicherweise in fünf Arbeitsschritten erstellt (nach Kosow/Gaßner 2008:57)
  • Zunächst ist zu bestimmen, welchen Gegenstand die zu erstellenden Szenarien umfassen sollen: So gibt es mittlerweile Szenarien zur Zukunft der Zuwanderung, des Verkehrs, der Sozialpolitik und viele andere. Ferner ist festzulegen, welchen Zeithorizont die Szenarien aufweisen sollen. Häufig werden kurz- (bis ca. 5 Jahre), mittel- (10-20 Jahre) und langfristige Szenarien unterschieden. Die im Folgenden dargestellten Szenarien haben einen mittelfristigen Zeithorizont, aber im Unterschied zu vielen anderen Szenarien einen sehr breit gehaltenen Gegenstandsbereich: Er erstreckt sich auf die gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Entwicklung im Ganzen. Daher wird es sich nicht um quantifizierte, sondern um qualitative Szenarien handeln.

  • Alsdann werden die wichtigsten Schlüsselfaktoren identifiziert, die die Zukunft des gewählten Feldes bestimmen (z. B. die technologische Entwicklung, das Bruttoinlandsprodukt, die Bildungsentwicklung, etc.). Es wird analysiert, welche Entwicklung die einzelnen Faktoren nehmen könnten und inwieweit sie dabei abhängig von der Entwicklung anderer Faktoren sind.

  • Im nächsten Arbeitsschritt werden die wechselseitigen Einwirkungen der Schlüsselfaktoren umfassend analysiert. Ziel ist es, innerhalb eines Szenarios eine möglichst widerspruchsfreie Gesamtentwicklung der einzelnen Schlüsselfaktoren herauszuarbeiten. So macht es zum Beispiel keinen Sinn, eine starke Steigerung der Wirtschaftsleistung bei gleichzeitig starker Verminderung der Zahl der Erwerbstätigen und einer gleichzeitig geringen Bildungsexpansion vorzusehen. Jede dieser drei Einzelentwicklungen ist zwar möglich, aber sie passen nicht zusammen, sie würden sich ggf. gegenseitig behindern. Nur ein in sich konsistentes Szenario ist glaubwürdig und wahrscheinlich. Diese Konsistenzanalyse stellt den vielleicht wichtigsten Arbeitsschritt dar.

  • Sodann werden das Gesamtszenario formuliert und der mögliche Endzustand sowie dessen Auswirkungen beschrieben. Er wird interpretiert und mit einem möglichst griffigen Titel versehen.

  • Schließlich werden, da sich als Ergebnis des Arbeitsprozesses in der Regel mehrere Szenarien herauskristallisieren, die einzelnen Szenarien verglichen und die ermittelten Unterschiede interpretiert.