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Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Stefan Hradil

Die Wachstumsgesellschaft und die nachhaltige Gesellschaft: Zwei Szenarien

Szenario II: Die nachhaltige und ausgleichende Gesellschaft

Nachhaltigkeit als Leitziel des ökonomischen und technischen Wandels

Beruht die Wissens- und Wachstumsgesellschaft auf einer maximalen Stärkung und Freisetzung der technologischen, wirtschaftlichen und sozialen Produktionsfaktoren, so stützt sich die nachhaltige und ausgleichende Gesellschaft auf eine sehr viel stärkere Regulierung. Der technologische, ökonomische und soziale Wandel wird laufend auf die Zielsetzung hin befragt und kontrolliert, nachhaltige Entwicklungen hervorzubringen. Dazu ist viel Wissenschaft und Wissen notwendig. In dieser Hinsicht unterscheidet sich die nachhaltige und ausgleichende Gesellschaft nicht von der Wissensgesellschaft. Aber die Wissensproduktion und vor allem die Anwendung von Wissen richten sich zu wesentlichen Teilen nach den Zielen der Nachhaltigkeit und des sozialen Ausgleichs.

Unter anderem kommt diese Zielsetzung zum Ausdruck in der Blockierung als riskant eingeschätzter Technologien (wie zum Beispiel der Kernkraft und gentechnisch veränderter Lebensmittel) sowie in Verboten von Finanzmarkttransaktionen, die nicht als zukunftsfest angesehen werden. Auch in der Energiegewinnung sowie im Energieverbrauch erfolgen strikte Regelungen zugunsten nachhaltiger Lösungen; so werden regenerative Energien zulasten von fossilen gefördert.

Gemeinsinn geht vor Selbstverwirklichung

Während die Wissens- und Wohlstandsgesellschaft der Gewinnung des Wohlstands große Aufmerksamkeit schenkt, konzentriert sich die nachhaltige und ausgleichende Gesellschaft auf Fragen der Verteilung des Wohlstands. Zahlreiche Maßnahmen sind darauf gerichtet, bildungs- und einkommensschwache Gruppierungen direkt oder indirekt zu unterstützen und keine Kluft zwischen einer wenig produktiven Unterschicht und hochproduktiven Mittel- und Oberschichten aufkommen zu lassen. Eine Elitenbildung wird sorgsam vermieden. Die Lebensbedingungen der Menschen liegen der nachhaltigen und ausgleichenden Gesellschaft mehr am Herzen als die Wettbewerbs- und Aufstiegschancen.

Die gesellschaftliche Entwicklung beruht hierdurch sehr viel weniger auf der maximalen Entfaltung der Einzelnen als auf der Schaffung von Konsens und Ausgleich. Diese Zielsetzung drückt sich nicht nur immer wieder in einzelnen Maßnahmen aus, sie dominiert auch kulturell.

Die sozialen und politischen Folgen dieser Regulierungen reichen weit. Sie erst schaffen die nachhaltige und ausgleichende Gesellschaft:

Die Erhöhung der Effektivität und der Effizienz des Wirtschaftens gilt in einer nachhaltigen und ausgleichenden Gesellschaft zwar als wichtig, aber nicht als oberstes Ziel. Da zudem aus demografischen Gründen weniger und ältere Menschen erwerbstätig sind, erhöht sich die Wirtschaftsleistung nicht wie im bisherigen Maße. Die geringere Zahl der Erwerbstätigen muss für mehr ältere Menschen (und teilweise für die eigene Alterssicherung) aufkommen. Deswegen und wegen der Zielverschiebung zugunsten ökonomischer Nachhaltigkeit und des sozialen Ausgleichs stagnieren die Nettoeinkommen und die individuell disponiblen Einkünfte gehen spürbar zurück.

Die Folgebereitschaft der Menschen in einer demokratischen Ordnung beruht zu wesentlichen Teilen auf dem Versprechen materiellen Wohlstands. Dies wird in einer Wissens- und Wachstumsgesellschaft im Wesentlichen auch weiterhin der Fall sein, wenn auch in reduziertem Maße. Angesichts reduzierten Wohlstands wird die demokratische Herrschaft in einer nachhaltigen und ausgleichenden Gesellschaft sich auf andere Legitimitätsgrundlagen stützen müssen: Die Zielsetzungen einer verbesserten Qualität des Lebens, eines gesellschaftlichen Konsens, gleicherer Lebensbedingungen und eines guten Gewissens im Hinblick auf die nachfolgenden Generationen werden in einer nachhaltigen und ausgleichenden Gesellschaft an die Stelle des Wohlstandsziels treten und so die politische Ordnung legitimieren. (vgl. Miegel, 2010).

Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts durch Angleichung der Lebensbedingungen

Das gesellschaftliche Oben und Unten, das sich in Deutschland wie in den meisten anderen Industrieländern seit den 1980er-Jahren auseinanderbewegte, rückt in der nachhaltigen und ausgleichenden Gesellschaft wieder zusammen. Gesellschaftliche und kulturelle Gräben zwischen sozialen Schichten werden vermieden. Kapitalbesitzende und Einkommensstarke werden durch Besteuerung in ihre Schranken verwiesen. Diese Bestrebungen müssen sich allerdings mit dem Problem der Kapital- und Qualifikationsflucht auseinandersetzen. Altersarmut, Niedrigeinkommen und die Armut der nicht Arbeitsfähigen werden durch Transferzahlungen und Mindestlohnregelungen vermieden. Werden die Lebensbedingungen unterer Schichten durch Zahlungen verbessert, so schafft das zwar noch keine Möglichkeiten des Erwerbs und einer respektablen Existenz, zudem wird die wirtschaftliche Leistungskraft beansprucht und nicht gestärkt. Aber der gesellschaftliche Zusammenhalt wird gewahrt.

Gelingt die Angleichung der Lebensbedingungen, so verbessert dies die Möglichkeiten, die Startchancen der Menschen anzugleichen, vor allem die Bildungschancen der Kinder verschiedener sozialer Schichten.

Verspricht sich eine Wissens- und Wachstumsgesellschaft, die Menschen anzuspornen und zu motivieren, indem sie ihren eigenen Vorteil mehren, wohlhabend werden und aufsteigen können, so sucht eine Gesellschaft der Nachhaltigkeit und des Ausgleichs die dabei entstehenden »Flurschäden« zu vermeiden: Wohlstand und Macht sollen begrenzt werden, die zu kurz Gekommenen sollen nicht entmutigt und nicht fatalistisch werden, die Ängste der Menschen, zu scheitern, sollen abgebaut werden.

Gegen die Angst der Konkurrierenden, in der Wachstumsgesellschaft zu verlieren oder am Ende doch nur entlassen zu werden, will die ausgleichende Gesellschaft Werte setzen – so den Wert, in einer Gemeinschaft zu leben, sozusagen in einem Boot zu sitzen, und Aufgaben auch gemeinsam zu bewältigen.

Die Zielsetzung, eine nachhaltige und ausgleichende Gesellschaft zu schaffen, ist ohne einen starken Staat nicht zu erreichen. Die Stärkung staatlicher Instanzen unterscheidet die nachhaltige und ausgleichende Gesellschaft deutlich von der Wissens- und Wachstumsgesellschaft. Diese stärkt die Einzelnen und damit auch staatsbürgerliche Aktivitäten zulasten staatlicher Macht, während die nachhaltige und ausgleichende Gesellschaft Partizipation an einem starken Staat zu realisieren versucht.

Eine Gesellschaft, die sozialen Ausgleich und Konsens sucht und findet, mag weniger Leistungsmotivation erreichen, sie vermeidet aber zahlreiche Reibungsverluste: Unter anderem minimiert sie Protest(-wahlen) der Benachteiligten, beseitigt Anlässe für Klassenkampf, erlaubt politischen Parteien die Ausrichtung auf eine gesellschaftliche Mitte, vermeidet Konflikte um Arbeitsmigranten, mindert Kriminalität, bietet weniger Anlass für Generationenkonflikte zwischen der mittleren Generation der Zahlenden und der älteren Generation der Anspruchsberechtigten.