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31.5.2012 | Von:
Stefan Hradil

Die Wachstumsgesellschaft und die nachhaltige Gesellschaft: Zwei Szenarien

Im Folgenden werden zwei Szenarien vorgestellt und ansatzweise interpretiert. Beide stellen insofern Positivszenarien dar, als diese Entwicklungen von großen Teilen der Bevölkerung gewünscht werden. Es handelt sich dabei allerdings um zwei sehr unterschiedliche Zukunftsentwicklungen, die jeweils nur von Teilen der Bevölkerung angestrebt werden und an denen sich die Geister scheiden.
Im Folgenden wird das Szenario von der "Wissens- und Wohlstandsgesellschaft" mit einer immensen Steigerung von Information, Effizienz und Wohlstand dem Szenario der »nachhaltigen und ausgleichenden Gesellschaft« mit der Regulierung des technisch und informationell Machbaren zugunsten von Nachhaltigkeit und gesellschaftlichem Zusammenhalt einander gegenübergestellt.

Zweifellos werden viele Leser ihre Prioritäten haben und das eine oder das andere Szenario als "gute" oder "schlechte" Entwicklung wahrnehmen. Es wäre jedoch viel gewonnen, wenn über solche pauschalen Beurteilungen hinaus auch die jeweiligen Eigenlogiken bzw. Eigendynamiken sowie die Vor- und Nachteile der gezeigten Entwicklungen im Einzelnen deutlich werden würden.

Szenario I: Die Gesellschaft des Wissens und des Wachstums

Dieses Szenario folgt teilweise Überlegungen von Kreibich (2010: 14ff.) und Perry (2007).

Die Bedeutung technologischer Innovationen

Die Entwicklung hin zur Wissensgesellschaft erhält ihre stärksten Impulse durch die Wissensproduktion in wissenschaftlichen Hochschulen und anderen Forschungseinrichtungen, durch die Hochtechnologieentwicklung besonders im Bereich der Informationstechnologien und durch die wissenschaftlich fundierte Qualifizierung immer größerer Teile der Bevölkerung. Diese Triebkräfte unterscheiden die Wissensgesellschaft von denen der Industriegesellschaft, in der die Mechanisierung die treibende Kraft ist.

Am deutlichsten kommt die Wissensgesellschaft in den modernen Informations- und Kommunikationstechniken zum Ausdruck: Intelligente Maschinen, Mikroprozessoren sowie Netz- und Funktechniken dringen mehr und mehr in alle Lebensbereiche vor. In einer Wissensgesellschaft findet sich keine Produktionsstraße, kein Büro, keine Küche, kein Wohnzimmer und keine Freizeiteinrichtung mehr ohne moderne Informations- und Kommunikationstechniken. Sie setzen sich durch, weil sie die menschlichen Fähigkeiten und die bisherigen technischen Leistungen dramatisch erweitern und teilweise ersetzen.

Deshalb ermöglichen die modernen Informations- und Kommunikationstechniken eine enorme ökonomische Effizienzsteigerung. Jeder Erwerbstätige kann bedeutend mehr hervorbringen als zuvor. Weltweit vernetzte Produktionsprozesse und Dienstleistungen, neue Organisationsformen von Unternehmen und Infrastrukturen entstehen bis hin zu virtuellen Unternehmen und hochleistungsfähigen Logistiksystemen. Diese Entwicklungen spiegeln sich auch in neuen Formen der weltweiten Arbeitsteilung sowie sekundenschnellen globalen Informations- und Kommunikationsprozessen mit der Folge eines dramatisch intensivierten Produkt-, Preis- und Innovationswettbewerbs. Die sozialen und politischen Folgen dieser Prozesse gehen sehr weit. Sie erst bringen insgesamt die Gesellschaft des Wissens und des Wachstums hervor.

Die Ausweitung von Bildung und Ausbildung ist zugleich Voraussetzung und Folge der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien. Einerseits bedarf es erheblicher Kenntnisse, um deren Vorteile zu nutzen. Andererseits verschaffen die modernen Informations- und Kommunikationstechnologien eine Fülle von Informationen, die zuvor nur mit viel Aufwand zu erhalten waren. Aber nur wer die Zusammenhänge kennt, wer Informationen im Hinblick auf ihre Auswirkungen und ihre Relevanz beurteilen kann, wer wesentliche von unwesentlichen Informationen unterscheiden kann, der verfügt über nützliches Wissen. Immer mehr Menschen besuchen daher immer länger Lehrgänge, Schulen und Hochschulen, die ihnen Überblick und Urteilsfähigkeit vermitteln.

Die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt und die Folgen der Ökonomisierung

Der Bedarf an Arbeitskräften in einer Wissensgesellschaft ist hoch, weil zahlreiche Betätigungsfelder vor allem im Dienstleistungsbereich wachsen oder überhaupt erst neu erschlossen werden. Das Angebot an Arbeitskräften geht jedoch infolge der demografischen Entwicklung zurück. Das wird dazu führen, dass fast alle Menschen im mittleren Lebensalter erwerbstätig sein werden, auch die »jungen Alten« und die Mütter. Die flächendeckende Bereitstellung von staatlichen oder privaten Kinderbetreuungseinrichtungen wird daher unerlässlich werden. Gleichwohl wird das Zeitbudget vieler Menschen angespannt sein: Die Pflege der eigenen Eltern und die Sorge für die eigenen Kinder, gegenseitige Unterstützung von Nachbarn werden zu den Verpflichtungen der Erwerbstätigkeit hinzu kommen.

Wenn die Produktivitätszunahme in einer Wissensgesellschaft größer ist als die Abnahme der Erwerbstätigen und das dadurch verminderte Arbeitsvolumen, dann wächst die Wirtschaftsleistung. Damit ist die Grundlage gelegt, um Löhne, Renten und Renditen zu erhöhen, Infrastruktur und Sozialleistungen zu verbessern oder wenigstens aufrechtzuerhalten und insoweit den Herausforderungen des demografischen Wandels zu begegnen. Weil die Menschen im erwerbsfähigen Alter aber gleichzeitig, ergänzend zu gesetzlichen Renten, für ihren Lebensabend selbst sorgen und auch immer mehr Familienangehörigen helfen müssen, wird die Wohlstandsmehrung in großen Teilen der Bevölkerung zwar als Einkommenszuwachs, aber nur ein Teil hiervon als disponible, konsumierbare Wohlstandsmehrung ankommen. Die Prinzipien der Effizienzsteigerung und der Rentabilitätsmehrung, der Beschleunigung und somit der Ökonomisierung der Gesellschaft setzen sich in der Wissens- und Wachstumsgesellschaft mehr und mehr durch. Dies macht sich auch in Bereichen außerhalb des Arbeitslebens bemerkbar: in der Familie, im Bildungsleben, in der Politik usw. verbreiten sich Leistungsmotivation und individuelle Konkurrenz. Die Beanspruchung der Menschen wird steigen, aber auch die Belohnung individueller Erfolge.

Die Globalisierung von Informationen, des Handels, der Arbeitskräftemigration, des Tourismus und des Kapitalverkehrs beschleunigt sich in der Wissens- und Wachstumsgesellschaft. Effiziente Produktion bedient sich der internationalen Arbeitsteilung, unterstützt von Informationssystemen nimmt der Kapitalverkehr globale Gewinnchancen wahr. Weil sich die englische Sprache als lingua franca durchsetzt, haben Arbeitskräfte es leichter, ihre Entlohnungschancen durch grenzüberschreitende Migration zu verbessern.

Individuelle Freiheiten und soziale Ungleichheit nehmen zu

In Wissens- und Wohlstandsgesellschaften haben die Einzelnen einen großen Gestaltungsspielraum. Die persönlichen Freiheiten steigen, unter anderem weil die meisten Menschen wohlhabend sind und über viel Bildung verfügen. Aber auch die kulturell vorherrschenden Werte und Normen betonen und ermöglichen die Freiheit des Einzelnen, individuellen Wettbewerb und Eigeninitiative.

Die Menschen streben in wachsendem Maße nach Erfolg, Statusgewinn, Komfort und Prestige. Sozialer Aufstieg gilt als gesellschaftliches Ziel und wird entsprechend gefördert. Soziale Auf- und Abstiege nehmen zu. Die Gesellschaftsmitglieder streben weniger nach Sicherheit, entfalten aber mehr individuelle Aktivitäten. Es gibt mehr Menschen mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein, aber auch mehr Menschen mit Angst.

Das Oben und das Unten rücken in der Wissens- und Wachstumsgesellschaft auseinander. Denn wegen der wachsenden Nachfrage einer Wissensgesellschaft nach gut ausgebildeten Menschen und des geringen diesbezüglichen Angebots der geburtenschwachen Jahrgänge steigen die Entlohnungen der Qualifizierten im Vergleich zu den Löhnen gering Qualifizierter. Eine gesellschaftliche Elite wird hervorgehoben und immer sichtbarer. Dagegen bilden Menschen mit geringer Bildung und diejenigen, die den wachsenden Anforderungen der Wissensgesellschaft nicht gerecht werden, die immer weniger respektierten unteren Schichten der Gesellschaft. Die Mittelschichten werden relativ kleiner. Auch die kulturelle und die politische Dominanz der Mittelschichten lässt nach. Die oberen und die unteren Schichten entwickeln zunehmend eigene Kulturen und Leitbilder und stellen diese auch nach außen dar.

In diesem Zusammenhang differenziert sich auch die politische Arena aus und richtet sich in wachsendem Maße auf die einzelnen sozialen Schichten aus. Die bisherige Konzentration der Volksparteien auf die Mitte der Gesellschaft lässt nach. Politik wird daher instabiler und konfliktreicher. Hierzu trägt auch bei, dass die meist gut ausgebildeten, oft wohlhabenden und auf persönliche Autonomie bedachten Menschen in einer Wissens- und Wohlstandsgesellschaft sich immer weniger mit den beschränkten Partizipationsmöglichkeiten einer rein repräsentativen Demokratie zufrieden geben. Forderungen nach politischer Mitwirkung nehmen zu. Elemente direkter Demokratie finden vermehrt Eingang in die Politik. Auf der anderen Seite verweigern die Verlierer der Wissens- und Wohlstandsgesellschaft selbst eine minimale politische Partizipation.

Die hohen beruflichen Mobilitätsanforderungen und die starke Konkurrenz in einer Wissensgesellschaft sowie die damit einhergehende Individualisierung der Menschen lassen Ehen unbeständiger und Haushalte kleiner werden. Die Auffächerung der Lebensformen nimmt stark zu: Immer mehr Menschen leben als Singles, leben bzw. stehen also im mittleren Lebensalter allein, oder als Alleinerziehende. Die Freiheiten im persönlichen Lebensumfeld werden größer, zumal bei steigendem Wohlstand. Aber auch die Risiken des persönlichen Scheiterns nehmen zu. Da Frauenerwerbstätigkeit die Regel ist, und Paare immer häufiger gleiche Bildung haben, leben in den Haushalten oft zwei Hochverdiener oder aber zwei Geringverdiener zusammen, dadurch werden die Einkommensverhältnisse der Haushalte nochmals ungleicher.

Kulturelle Pluralisierung und Segregation nehmen zu

Die Freiheiten der Lebensgestaltung werden mit dem Wohlstand und der Bildung immer größer. Die Mitglieder einer Wissens- und Wohlstandsgesellschaft wollen ihren eigenen Lebensentwurf leben, aber in der Regel zusammen mit Gleichgesinnten. Lebensstilgruppierungen und soziale Milieus setzen sich daher kulturell und lokal voneinander ab. Dies äußert sich in Nachbarschaften und Stadtvierteln, die zunehmend eigene Charakteristika aufweisen. Die Städte entmischen sich, vertikal und horizontal.

Wissens- und Wachstumsgesellschaften, in denen wenige Einheimische in den Arbeitsmarkt nachrücken, brauchen qualifizierte oder qualifizierbare Zuwanderer und sind auch ein begehrtes Ziel für Migranten. Diese Mittelschichtzuwanderer kommen aus sehr entfernten Erdteilen und geben ihre kulturellen sowie religiösen Eigenarten nicht ohne weiteres auf. Berufliche Integration und kulturelle Assimilation fallen auseinander.

Wer Wachstum und Wohlstand sehr schnell maximieren will, darf im Prinzip keine Rücksicht auf die Ausbeutung natürlicher Ressourcen nehmen. Diese kurzfristige Mehrung von Vorteilen beansprucht Umwelt und Natur. Allerdings schaffen Wachstum und Wohlstand auch die finanziellen und wissenschaftlichen Voraussetzungen dafür, Umweltschäden zu vermeiden oder natürliche Ressourcen (mittels wissenschaftlicher Erkenntnisse) zu ersetzen.

Szenario II: Die nachhaltige und ausgleichende Gesellschaft

Nachhaltigkeit als Leitziel des ökonomischen und technischen Wandels

Beruht die Wissens- und Wachstumsgesellschaft auf einer maximalen Stärkung und Freisetzung der technologischen, wirtschaftlichen und sozialen Produktionsfaktoren, so stützt sich die nachhaltige und ausgleichende Gesellschaft auf eine sehr viel stärkere Regulierung. Der technologische, ökonomische und soziale Wandel wird laufend auf die Zielsetzung hin befragt und kontrolliert, nachhaltige Entwicklungen hervorzubringen. Dazu ist viel Wissenschaft und Wissen notwendig. In dieser Hinsicht unterscheidet sich die nachhaltige und ausgleichende Gesellschaft nicht von der Wissensgesellschaft. Aber die Wissensproduktion und vor allem die Anwendung von Wissen richten sich zu wesentlichen Teilen nach den Zielen der Nachhaltigkeit und des sozialen Ausgleichs.

Unter anderem kommt diese Zielsetzung zum Ausdruck in der Blockierung als riskant eingeschätzter Technologien (wie zum Beispiel der Kernkraft und gentechnisch veränderter Lebensmittel) sowie in Verboten von Finanzmarkttransaktionen, die nicht als zukunftsfest angesehen werden. Auch in der Energiegewinnung sowie im Energieverbrauch erfolgen strikte Regelungen zugunsten nachhaltiger Lösungen; so werden regenerative Energien zulasten von fossilen gefördert.

Gemeinsinn geht vor Selbstverwirklichung

Während die Wissens- und Wohlstandsgesellschaft der Gewinnung des Wohlstands große Aufmerksamkeit schenkt, konzentriert sich die nachhaltige und ausgleichende Gesellschaft auf Fragen der Verteilung des Wohlstands. Zahlreiche Maßnahmen sind darauf gerichtet, bildungs- und einkommensschwache Gruppierungen direkt oder indirekt zu unterstützen und keine Kluft zwischen einer wenig produktiven Unterschicht und hochproduktiven Mittel- und Oberschichten aufkommen zu lassen. Eine Elitenbildung wird sorgsam vermieden. Die Lebensbedingungen der Menschen liegen der nachhaltigen und ausgleichenden Gesellschaft mehr am Herzen als die Wettbewerbs- und Aufstiegschancen.

Die gesellschaftliche Entwicklung beruht hierdurch sehr viel weniger auf der maximalen Entfaltung der Einzelnen als auf der Schaffung von Konsens und Ausgleich. Diese Zielsetzung drückt sich nicht nur immer wieder in einzelnen Maßnahmen aus, sie dominiert auch kulturell.

Die sozialen und politischen Folgen dieser Regulierungen reichen weit. Sie erst schaffen die nachhaltige und ausgleichende Gesellschaft:

Die Erhöhung der Effektivität und der Effizienz des Wirtschaftens gilt in einer nachhaltigen und ausgleichenden Gesellschaft zwar als wichtig, aber nicht als oberstes Ziel. Da zudem aus demografischen Gründen weniger und ältere Menschen erwerbstätig sind, erhöht sich die Wirtschaftsleistung nicht wie im bisherigen Maße. Die geringere Zahl der Erwerbstätigen muss für mehr ältere Menschen (und teilweise für die eigene Alterssicherung) aufkommen. Deswegen und wegen der Zielverschiebung zugunsten ökonomischer Nachhaltigkeit und des sozialen Ausgleichs stagnieren die Nettoeinkommen und die individuell disponiblen Einkünfte gehen spürbar zurück.

Die Folgebereitschaft der Menschen in einer demokratischen Ordnung beruht zu wesentlichen Teilen auf dem Versprechen materiellen Wohlstands. Dies wird in einer Wissens- und Wachstumsgesellschaft im Wesentlichen auch weiterhin der Fall sein, wenn auch in reduziertem Maße. Angesichts reduzierten Wohlstands wird die demokratische Herrschaft in einer nachhaltigen und ausgleichenden Gesellschaft sich auf andere Legitimitätsgrundlagen stützen müssen: Die Zielsetzungen einer verbesserten Qualität des Lebens, eines gesellschaftlichen Konsens, gleicherer Lebensbedingungen und eines guten Gewissens im Hinblick auf die nachfolgenden Generationen werden in einer nachhaltigen und ausgleichenden Gesellschaft an die Stelle des Wohlstandsziels treten und so die politische Ordnung legitimieren. (vgl. Miegel, 2010).

Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts durch Angleichung der Lebensbedingungen

Das gesellschaftliche Oben und Unten, das sich in Deutschland wie in den meisten anderen Industrieländern seit den 1980er-Jahren auseinanderbewegte, rückt in der nachhaltigen und ausgleichenden Gesellschaft wieder zusammen. Gesellschaftliche und kulturelle Gräben zwischen sozialen Schichten werden vermieden. Kapitalbesitzende und Einkommensstarke werden durch Besteuerung in ihre Schranken verwiesen. Diese Bestrebungen müssen sich allerdings mit dem Problem der Kapital- und Qualifikationsflucht auseinandersetzen. Altersarmut, Niedrigeinkommen und die Armut der nicht Arbeitsfähigen werden durch Transferzahlungen und Mindestlohnregelungen vermieden. Werden die Lebensbedingungen unterer Schichten durch Zahlungen verbessert, so schafft das zwar noch keine Möglichkeiten des Erwerbs und einer respektablen Existenz, zudem wird die wirtschaftliche Leistungskraft beansprucht und nicht gestärkt. Aber der gesellschaftliche Zusammenhalt wird gewahrt.

Gelingt die Angleichung der Lebensbedingungen, so verbessert dies die Möglichkeiten, die Startchancen der Menschen anzugleichen, vor allem die Bildungschancen der Kinder verschiedener sozialer Schichten.

Verspricht sich eine Wissens- und Wachstumsgesellschaft, die Menschen anzuspornen und zu motivieren, indem sie ihren eigenen Vorteil mehren, wohlhabend werden und aufsteigen können, so sucht eine Gesellschaft der Nachhaltigkeit und des Ausgleichs die dabei entstehenden »Flurschäden« zu vermeiden: Wohlstand und Macht sollen begrenzt werden, die zu kurz Gekommenen sollen nicht entmutigt und nicht fatalistisch werden, die Ängste der Menschen, zu scheitern, sollen abgebaut werden.

Gegen die Angst der Konkurrierenden, in der Wachstumsgesellschaft zu verlieren oder am Ende doch nur entlassen zu werden, will die ausgleichende Gesellschaft Werte setzen – so den Wert, in einer Gemeinschaft zu leben, sozusagen in einem Boot zu sitzen, und Aufgaben auch gemeinsam zu bewältigen.

Die Zielsetzung, eine nachhaltige und ausgleichende Gesellschaft zu schaffen, ist ohne einen starken Staat nicht zu erreichen. Die Stärkung staatlicher Instanzen unterscheidet die nachhaltige und ausgleichende Gesellschaft deutlich von der Wissens- und Wachstumsgesellschaft. Diese stärkt die Einzelnen und damit auch staatsbürgerliche Aktivitäten zulasten staatlicher Macht, während die nachhaltige und ausgleichende Gesellschaft Partizipation an einem starken Staat zu realisieren versucht.

Eine Gesellschaft, die sozialen Ausgleich und Konsens sucht und findet, mag weniger Leistungsmotivation erreichen, sie vermeidet aber zahlreiche Reibungsverluste: Unter anderem minimiert sie Protest(-wahlen) der Benachteiligten, beseitigt Anlässe für Klassenkampf, erlaubt politischen Parteien die Ausrichtung auf eine gesellschaftliche Mitte, vermeidet Konflikte um Arbeitsmigranten, mindert Kriminalität, bietet weniger Anlass für Generationenkonflikte zwischen der mittleren Generation der Zahlenden und der älteren Generation der Anspruchsberechtigten.
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