Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Stefan Hradil

Zur Einordnung der beiden Szenarien

Beide Szenarien entsprachen in den vergangenen Jahren den Zielvorstellungen großer Bevölkerungsteile Deutschlands. Die Szenarien zeigen, dass viele Maßnahmen und Entwicklungen nicht nur mit anderen vereinbar, sondern sogar aufeinander angewiesen sind, weil sie alleine nicht erfolgreich sein können. Deutlich wird auch, welche unbeabsichtigten oder verdrängten Konsequenzen bestimmte Zielrichtungen haben.

Beide genannten Szenarien entsprachen in den vergangenen Jahren den Zielvorstellungen großer Bevölkerungsteile Deutschlands. Diejenigen, die marktgetriebenen Modernisierungsvorstellungen oder liberalen Weltsichten anhängen, wollen in der Regel die Wissens- und Wachstumsgesellschaft erreichen, jene, die es für richtig halten, dass der "spätmoderne" Mensch sich Zügel anlegt, um in Harmonie mit der Natur und den Mitmenschen zu leben, streben meist die nachhaltige und ausgleichende Gesellschaft an. Jede der beiden Gruppen erwartet, dass Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ihre Bemühungen darauf hin ausrichten, den jeweils bevorzugten Zielzustand zu erreichen. Selbstverständlich stellen die Szenarien hierbei Vergröberungen der tatsächlichen Weltsichten der Einzelnen dar. Nicht alle dargestellten Merkmale müssen in den Köpfen der Menschen notwendigerweise in der aufgeführten Kombination auftreten.

Zwar sind Variationen der gezeigten Szenarien möglich, aber die Modifikationen können nicht so weit gehen, dass beide genannten Szenarien ohne Abstriche miteinander verschmolzen werden können, etwa um die Ziele aller Gesellschaftsmitglieder zu vereinbaren. Denn beiden Zielzuständen und den dahin führenden Entwicklungen liegt jeweils eine bestimmte Eigenlogik zugrunde. Jedes der beiden Szenarien beruht auf Mechanismen, die in sich weitgehend widerspruchsfrei sind und aufeinander aufbauen, aber mit denen des anderen Szenarios mehr oder minder stark kollidieren. So ist eine gleichzeitige Maximierung von schnell zu erreichendem Wohlstand (z. B. der heute Lebenden) und zukunftsfester Nachhaltigkeit (für die nächsten Generationen) genauso wenig möglich, wie die gleichzeitige Maximierung von Freiheit und sozialem Ausgleich.

Sicher sind in der gesellschaftlichen und politischen Realität Kompromisse zwischen den beiden skizzierten Zielvorstellungen möglich und wohl auch nötig. Wer Kompromisse sucht, sollte aber wissen, zwischen welchen grundsätzlichen Alternativen sie gesucht werden und in welcher Hinsicht dadurch Abstriche zu machen sind. Dies können Szenarien zeigen.

Die Szenarien zeigen auch, dass viele Maßnahmen und Entwicklungen nicht nur mit anderen vereinbar, sondern sogar aufeinander angewiesen sind, weil sie alleine nicht erfolgreich sein können. So muss derjenige, der der technologischen Entwicklung ihren Lauf lassen und viel Wachstum und Wohlstand will, unter den gegebenen Voraussetzungen auch eine Bildungsexpansion, eine verschärfte Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft, eine Zuwanderung von qualifizierten Arbeitskräften, mehr Frauenerwerbstätigkeit, eine flächendeckende Kinderbetreuung und eine Hinausschiebung des Renteneintrittsalters anstreben.

Es wird aber auch deutlich, welche unbeabsichtigten oder verdrängten Konsequenzen bestimmte Zielrichtungen haben: So muss sich der, der für Wachstum und Wohlstandsmehrung eintritt, beispielsweise auch damit auseinandersetzen, was dies für diejenigen bedeutet, die wenig erreichen und welche gesellschaftlichen Konflikte das Scheitern von Menschen nach sich zieht, und er muss sich überlegen, wie man mit Zuwandernden umgeht.