Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Stefan Hradil

Problematische Entwicklungen

Einigkeit in der Bevölkerung herrscht darüber, welche Entwicklungen vermieden werden sollten. Negativszenarien zeigen, welche Entwicklungen erwachsen und im Jahre 2020 oder 2030 durchaus Realität sein könnten.

Mehr Einigkeit als über die zuvor gezeigten, angestrebten Entwicklungen besteht in der Bevölkerung darüber, welche Entwicklungen vermieden werden sollten. Einige dieser weithin abgelehnten Entwicklungen liegen aber sehr wohl im Bereich des Möglichen oder sind sogar im Gange. Nachfolgend werden daher einige Negativszenarien skizziert, die aus diesen Entwicklungen erwachsen und im Jahre 2020 oder 2030 durchaus Realität sein könnten. Ihnen entsprechen bereits heute weit verbreitete Befürchtungen.

Wohlstandsstagnation

Die Zahl der Beschäftigten sinkt, und ihr Durchschnittsalter wird immer höher. Dadurch drohen sowohl die Produktivität als auch die Wirtschaftsleistung der Volkswirtschaft Deutschlands zurückzugehen. Geschieht das, so sinken die durchschnittlichen Bruttoeinkommen. Von ihnen wäre ein immer größerer Anteil zur Schuldentilgung der öffentlichen Haushalte sowie zur Sicherung der Altersrenten und der Krankenversorgung der zunehmenden Zahl älterer Menschen abzuzweigen. Die durchschnittlichen Nettoeinkommen gingen daher umso mehr zurück.

Hinzu käme, dass die privaten Haushalte über ihr Nettoeinkommen immer weniger nach Belieben verfügen können. Denn Rücklagen für die eigene Alterssicherung, Beteilungen an Krankheitskosten sowie Hilfen für Familienangehörige werden immer häufiger notwendig. Die Einkommen, die für den Konsum der Haushalte nach Belieben zur Verfügung stehen, gingen daher deutlich zurück.

Kommt es zu einer solchen Wohlstandsminderung, so wird das voraussichtlich viel Unzufriedenheit hervorrufen, die sich nicht zuletzt an die Adresse der politischen Instanzen richtet. Die Legitimität demokratischer Herrschaft, die nicht zuletzt durch das Versprechen steigenden Wohlstands aufrechterhalten wurde, geriete so in Gefahr.

Demokratieverlust[1]

Die Parteien schrumpfen. Debatten finden in Talkshows, aber immer seltener in Parlamenten statt. Opposition vollzieht sich zunehmend auf der Straße, wobei viele Opponenten sich kaum darum kümmern, ob zuvor demokratische Institutionen Entscheidungen getroffen haben. Denn die Unzufriedenheit der Menschen über Parteien, Parlamente und Regierungen wächst. Demgegenüber haben unpolitische Institutionen, wie Zentralbanken und die Verfassungsgerichte ein deutlich höheres Ansehen. Sie legitimieren sich durch Expertise oder durch den Schutz individueller Rechte.

Die Rechtfertigung demokratischer Herrschaft wird auch dadurch prekär, dass sich auf internationaler Ebene ein dichtes Netz internationaler Regelungen und Organisationen entwickelt hat, die – oft durchaus zur Zufriedenheit vieler Menschen - tief in innerstaatliche Angelegenheiten eingreifen, aber kaum demokratisch legitimiert sind. Dies trifft unter anderen für die Weltbank, den Weltwährungsfonds, die Vereinten Nationen, die Europäische Union, aber auch für viele Nichtregierungsorganisationen wie amnesty international und für zahlreiche Naturschutzorganisationen zu.

Schließlich steht vielen sich entwickelnden Ländern, die unter scheinbar demokratischen, jedoch oft korrupten oder aus anderen Gründen nicht funktionierenden Regierungen leiden, ein faszinierendes Bild Chinas vor Augen. Dort ist es einer autoritären Einparteienherrschaft gelungen, den Wohlstand der meisten zu vermehren und Armut drastisch zu vermindern. Der Durchsetzung demokratischer Herrschaft ist der Eindruck, das Wohl der Menschen sei ohne Demokratie besser zu erreichen, nicht dienlich.

Im Ergebnis könnte eine Situation entstehen, dass in großen Teilen der Welt ein undemokratischer Autoritarismus an Boden gewinnt, in manchen europäischen Ländern dagegen punktuelle Forderungen nach Rechenschaftspflichtigkeit politischer Herrschaft bei ansonsten weitergehendem Vertrauensverlust in demokratische Einrichtungen die Oberhand gewinnen. Die Demokratie wäre in beiden Fällen auf dem Rückzug.

Privilegien

Zahl und Bevölkerungsanteil der Menschen im erwerbsfähigen Alter sinken. Trotz Bildungsexpansion schrumpft auch das Angebot an gut qualifizierten Arbeitskräften. Dem steht ein stark wachsender Bedarf gegenüber. Damit steigen die Verhandlungsmacht und die Einkommenschancen der Qualifizierten. In bestimmten Berufsfeldern eröffnen sich so Chancen, den Wettbewerb einzuschränken, die eigenen Vorteile weiterhin zu steigern und durch diese Schließungsprozesse außergewöhnlich hohe Einkünfte zu erzielen.

Wenn solche Einkünfte weder durch die Prinzipien der Bedürfnis- und der Leistungs- noch der Chancengleichheit gerechtfertigt werden können, geriete das Gerechtigkeitsverständnis der Bevölkerung und in der Folge der Zusammenhalt der Gesellschaft in Gefahr. Längst vergessen geglaubte »Fundamentalkritik« am privatwirtschaftlichen Wirtschaftssystem könnte wieder politisch relevant werden.

Generationenkonflikt

Die kleiner werdende mittlere Generation muss im Zuge der gesellschaftlichen Alterung für immer mehr ältere Menschen aufkommen. Die erwerbstätige mittlere Generation muss außerdem für ihre eigene Altersversorgung Rücklagen bilden. Außerdem wird von der mittleren Generation erwartet, ihre Eltern nötigenfalls zu pflegen, obwohl in der Regel beide Partner erwerbstätig sein werden. In der mittleren Generation könnte es daher dazu kommen, dass sich das Gefühl der Überlastung, sogar der Ausbeutung verbreitet.

In der älteren Generation könnte dagegen der Eindruck entstehen, dass wohl erworbene Rentenansprüche Stück um Stück geschmälert werden sollen. Von der ursprünglich versprochenen Aufrechterhaltung des Lebensstandards auch im Alter bliebe dann immer weniger übrig. Ältere, die auf eine unterbrochene oder niedrig entlohnte Erwerbstätigkeit zurückblicken, müssten befürchten, im Alter der Armut anheim zu fallen.

Diese Ausgangskonstellation erzeugt zwangsläufig einen "objektiven" Interessenkonflikt zwischen den Generationen: Die mittlere Generation strebt nach Entlastung, die ältere nach Aufrechterhaltung ihres Besitzstandes. Ein "objektiver" Interessenkonflikt lässt sich durch Kompromisse, Verständnis und gegenseitige Hilfe entschärfen. Das Negativszenario wird aber dann Realität, wenn diese Prozesse fehlschlagen und in einen "subjektiven" Kampf der Generationen münden, der politisch ausgetragen und vielleicht sogar in die Familien hineingetragen wird.

Gläserne Menschen

Die Allgegenwart moderner Informations- und Kommunikationstechniken bringt es mit sich, dass zahlreiche Informationen über Nutzer für andere Menschen greifbar sind. Diese Kenntnisse lassen sich analysieren, kombinieren, zu Profilen zusammenfügen und verraten so sehr viel mehr, als die einzelnen Nutzer oft vermuten. Dies wird von den Nutzern der Kommunikationstechniken teilweise in Kauf genommen, geschieht jedoch oft auch ohne deren Kenntnis.

Der Mensch droht dadurch durchsichtig ("gläsern") für staatliche Stellen, private Unternehmen, die organisierte Kriminalität und für viele andere Instanzen zu werden. Er kann dadurch in vielfältiger Weise manipuliert werden. Die Autonomie und Handlungsfähigkeit des Einzelnen, eine der zentralen Voraussetzungen demokratischer Gesellschaften, würde so untergraben.

"Überflüssige" Menschen

Postindustrielle Gesellschaften entwickeln sich durch den Fortschritt der Wissenschaft und das Wissen der Menschen. Gut Ausgebildete haben vorzügliche Beschäftigungs- und Einkommenschancen. Menschen ohne marktgängige Ausbildung dagegen, seien sie nicht fähig oder nicht willig, Ausbildungsabschlüsse zu erwerben, stehen jedoch am Rande der Gesellschaft. Für sie werden kaum noch Arbeitsplätze angeboten, für sie ist aber auch ansonsten kaum Platz in einer Wissensgesellschaft. Die Einschätzung, im Grunde überflüssig und hilfsbedürftig zu sein, teilt sich selbst den Betroffenen mit.

Dass für die Bevölkerungsmehrheit gute Chancen bestehen, könnte die Lage dieser Menschen noch verschlimmern. Ihre Lage als Minderheit würde dann individualisiert, die "Schuld" würde eher ihnen als den Verhältnissen zugerechnet. Dies machte ihre Situation auch dann schwierig und würdelos, wenn ausreichende sozialpolitische Hilfestellungen geleistet werden. Dies war anders in einer Gesellschaft, die massenhaft (zum Beispiel durch De-Industrialisierungsprozesse) Arbeitslosigkeit entstehen ließ, die für alle offenkundig wenig mit den persönlichen Eigenschaften zu tun hatten. Frühere Gesellschaftsformationen hatten stets einigermaßen geachtete Plätze für Leistungsschwache zur Verfügung, wie bescheiden auch immer, postindustrielle Wissensgesellschaften möglicherweise nicht.

Fußnoten

1.
Dieser Abschnitt folgt teilweise Überlegungen von Michael Zürn 2011.