Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Jürgen Wilke

Funktionen und Probleme der Medien

Medien erfüllen grundlegende Funktionen im politischen System. Erwartet wird, dass sie die Bürger informieren, durch Kritik und Diskussion zu Meinungsbildung beitragen und damit Partizipation ermöglichen. Gleichzeitig werfen Medien selbst Probleme auf.

Unter Funktionen versteht man Leistungen, die Institutionen oder Organisationen zur Bestandserhaltung der Gesellschaft oder ihrer Teilsysteme beitragen. Dabei wird unterschieden zwischen "manifesten" Funktionen, also solchen, die bewusst und offensichtlich sind (wie Information, Beratung), und "latenten" Funktionen, die unbewusst sind und/oder nicht direkt beobachtet werden können (wie Selbstbestätigung; Wirklichkeitsflucht). Die Medien erfüllen Funktionen in beiderlei Hinsicht. Sie dienen dazu, Probleme zu lösen, werfen ihrerseits aber selbst wiederum Probleme auf.

Die Rolle der Medien im Bereich der Politik

Medien erfüllen grundlegende Funktionen für politische Systeme. Dies gilt insbesondere für Demokratien. Erwartet wird von ihnen, dass sie die Bürger (zutreffend) unterrichten, durch Kritik und Diskussion zu deren Meinungsbildung beitragen und damit Partizipation ermöglichen. Nach einer Formel des Bundesverfassungsgerichts sind Medien sowohl Vermittler als auch Faktor der öffentlichen Kommunikation und sollen einen vielfältigen Meinungsmarkt herstellen.

Inwieweit die Medien diese Funktionen tatsächlich erfüllen, ist strittig. Solange sie durch Zensur und andere Maßnahmen kontrolliert werden konnten, waren sie der Dominanz der politischen Herrschaft unterworfen. Durch die Expansion und den Bedeutungsgewinn sind die Medien jedoch zunehmend aus ihrer untergeordneten Rolle herausgetreten.

Einerseits werden Indizien deutlich, dass die Medien immer mehr Einfluss auf die Politik gewinnen. Politische Entscheidungen, so wird argumentiert, würden nicht mehr nach der politischen Sachlogik getroffen, also je nach dem, welche Mittel bestimmte Zwecke erfordern (z. B. in der Gesundheitspolitik, der Sozialpolitik, der Außenpolitik usw.); ausschlaggebend sei vielmehr die Medienlogik mit ihren Aufmerksamkeitswerten. Neben die Herstellung politischer Entscheidungen ("Herstellungspolitik") sei deren Vermittlung in der Öffentlichkeit ("Darstellungspolitik") immer wichtiger geworden (Sarcinelli 2009). Es reicht nicht, ein Gesetz beispielsweise zur Gesundheitsreform oder ein Neubauprojekt zu beschließen. Diese Entscheidungen müssen vielmehr auch mit Kommunikationsmaßnahmen "verkauft" werden (Pressekonferenzen, Pressemeldungen, Interviews, Talkshow-Auftritte etc.).

Deshalb ist von einer "Mediatisierung" der Politik die Rede und von einem "symbiotischen" Verhältnis von Politik und Medien. Mitunter werden die Medien auch als "vierte Gewalt" (im Englischen: "fourth estate") bezeichnet und den drei klassischen Staatsgewalten (Legislative, Exekutive, Jurisdiktion) hinzugefügt. Diese Gleichsetzung mit den konstitutionellen und durch den Volkswillen demokratisch legitimierten Gewalten ist aber problematisch, gerade weil die Medien staatsfrei sein sollen. Allenfalls im metaphorischen Sinne kann man den Begriff "vierte Gewalt" gebrauchen, um die Macht der Medien zu unterstreichen. Andere gehen heute so weit, von einer "Mediokratie", ja einer "Kolonisierung" der Politik durch die Medien zu sprechen (Meyer 2001). Das erscheint in Deutschland zumindest bisher noch übertrieben und verkennt, dass innerhalb politischer Institutionen (z. B. im Bundestag und in den Parteien) durchaus noch nach politischen Prioritäten verhandelt und entschieden wird. Anderswo ist der beschriebene Prozess aber weiter fortgeschritten. Beispielsweise in Italien, wo mit Silvio Berlusconi ein erfolgreicher Medienunternehmer Regierungschef wurde.

Die Instrumentalisierung der Medien durch die politischen Akteure

Dennoch suchen auch hierzulande die politischen Akteure ihre Macht gegenüber dem Mediensystem zu behaupten. Der klassische Weg über die Medienpolitik (Ordnungspolitik) bietet dazu wegen der Garantie der Kommunikationsfreiheiten nur begrenzte Möglichkeiten. Am wenigsten gibt es diese wegen der Freiheitsgarantie bei der Presse, am ehesten noch im (öffentlich-rechtlichen) Rundfunk. Umso wichtiger geworden sind Öffentlichkeitsarbeit und politische PR. Abteilungen und Personal für solche Aufgaben sind auf Regierungs-, Partei- und Organisationsebene heute gängig. Dabei machen sich diese außer den herkömmlichen publizistischen Medien inzwischen auch das Internet zunutze. Insbesondere Wahlkämpfe sind heute stark an den Erfordernissen der Medien ausgerichtet, wofür eigene medienerfahrene Berater, so genannte "spin-doctors", angestellt werden, die im Hintergrund "die Fäden spinnen". Beispielgebend gewesen sind hierfür die Vereinigten Staaten und in Europa Großbritannien.

Die problematischen Wirkungen der Massenmedien

Kritisch wird ferner diskutiert, ob die Medien ein zutreffendes und verlässliches Bild der Realität wiedergeben und ob sie das Meinungsspektrum der Gesellschaft hinreichend abbilden. Zweifel daran bestehen wegen der Auswahl der Informationen nach aufmerksamkeitsträchtigen Ereignismerkmalen bzw. so genannten Nachrichtenfaktoren. Dazu zählen u. a. die Personalisierung, die politische oder kulturelle Nähe, die Präferenz für Prominenz und Elite-Personen, auch für Elitenationen. Als besonders problematisch gilt die Bevorzugung von Skandalen, Konflikten, Schäden und Unglücksfällen, also von negativen Ereignissen. Deshalb hat man den Massenmedien auch vorgeworfen, sie seien schuld an Politikverdrossenheit und einem negativen Weltbild. Sie trügen zu einer Entfremdung zwischen Bürgern und politischem System bei und schwächten das Vertrauen in die Kompetenz der politischen Akteure. Das könne wiederum zu schwindender Wahlbeteiligung oder zum Abwandern in Protestaktionen führen.

Die Nachrichtenauswahl wird aber auch durch die Berufsauffassung und die persönlichen Merkmale, Einstellungen und Meinungen der Journalisten beeinflusst. Viele von ihnen wollen nicht nur informieren, sondern auch Kritik üben. Grundsätzlich neigen Journalisten dazu, Informationen, die mit ihren Überzeugungen übereinstimmen, zu betonen oder hochzuspielen, Informationen, die gegen diese sprechen, aber herunterzuspielen oder zu unterdrücken ("instrumentelle Aktualisierung").

Perspektiven der weiteren Medienentwicklung

Die politischen Funktionen der Medien sind in Deutschland (wie in anderen Ländern) nicht unberührt geblieben von der fortschreitenden Kommerzialisierung. "Infotainment" und "Boulevardisierung" bezeichnen den Trend zur Vermischung von Information und Unterhaltung. Während dergleichen in Teilen der Presse bisher schon präsent war, in Straßenverkaufszeitungen wie der "Bild"-Zeitung und in der so genannten "Regenbogenpresse", hat dies inzwischen auch im Fernsehen Einzug gehalten. Und zwar nicht nur bei den Privatsendern, in Nachrichtensendungen ebenso wie in anderen Formaten des so genannten "Reality TV". Tendenzen zur Boulevardisierung sind vielmehr auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu beobachten.

Wie kann den zuvor beschriebenen Problemen der politischen Funktionserfüllung der Medien begegnet werden? Gewiss lassen sich Erscheinungen der Mediatisierung der Politik kaum mehr rückgängig machen. Und auch Postulate allein, sei es an die Politiker, die Journalisten und die Mediennutzer, werden nicht viel fruchten. Dennoch hängt von dem Verhalten aller drei Gruppen Entscheidendes ab. Die politischen Akteure selbst sind gefragt, inwieweit sie sich einem Diktat der Medien und ihrer Formate unterwerfen. Andererseits sind die Journalisten zur Wahrung ihrer professionellen Normen und zu einem demokratisch funktionsgerechten Rollenverständnis aufgerufen. Das erfordert auch, nicht bloß die Botschaften der Öffentlichkeitsarbeit und PR weiterzugeben, die jeweils Eigeninteressen verfolgen. Die Konkurrenz des Internet und die damit zusammenhängenden ökonomischen Probleme (s. dazu weiter unten) bergen die Gefahr des Verlusts an professioneller journalistischer Qualität. Das "Blogging" oder auch eine Plattform wie Wikileaks sind zu einer Herausforderung für den herkömmlichen Journalismus geworden. Jeder kann heute selbst im Internet Informationen verbreiten, Kommentare und Bewertungen abgeben. Dabei steht jedoch in Frage, wie verlässlich und vertrauenswürdig diese sind.