Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.
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31.5.2012 | Von:
Jürgen Wilke

Funktionen und Probleme der Medien

Medien erfüllen grundlegende Funktionen im politischen System. Erwartet wird, dass sie die Bürger informieren, durch Kritik und Diskussion zu Meinungsbildung beitragen und damit Partizipation ermöglichen. Gleichzeitig werfen Medien selbst Probleme auf.

Unter Funktionen versteht man Leistungen, die Institutionen oder Organisationen zur Bestandserhaltung der Gesellschaft oder ihrer Teilsysteme beitragen. Dabei wird unterschieden zwischen "manifesten" Funktionen, also solchen, die bewusst und offensichtlich sind (wie Information, Beratung), und "latenten" Funktionen, die unbewusst sind und/oder nicht direkt beobachtet werden können (wie Selbstbestätigung; Wirklichkeitsflucht). Die Medien erfüllen Funktionen in beiderlei Hinsicht. Sie dienen dazu, Probleme zu lösen, werfen ihrerseits aber selbst wiederum Probleme auf.

Die Rolle der Medien im Bereich der Politik

Medien erfüllen grundlegende Funktionen für politische Systeme. Dies gilt insbesondere für Demokratien. Erwartet wird von ihnen, dass sie die Bürger (zutreffend) unterrichten, durch Kritik und Diskussion zu deren Meinungsbildung beitragen und damit Partizipation ermöglichen. Nach einer Formel des Bundesverfassungsgerichts sind Medien sowohl Vermittler als auch Faktor der öffentlichen Kommunikation und sollen einen vielfältigen Meinungsmarkt herstellen.

Inwieweit die Medien diese Funktionen tatsächlich erfüllen, ist strittig. Solange sie durch Zensur und andere Maßnahmen kontrolliert werden konnten, waren sie der Dominanz der politischen Herrschaft unterworfen. Durch die Expansion und den Bedeutungsgewinn sind die Medien jedoch zunehmend aus ihrer untergeordneten Rolle herausgetreten.

Einerseits werden Indizien deutlich, dass die Medien immer mehr Einfluss auf die Politik gewinnen. Politische Entscheidungen, so wird argumentiert, würden nicht mehr nach der politischen Sachlogik getroffen, also je nach dem, welche Mittel bestimmte Zwecke erfordern (z. B. in der Gesundheitspolitik, der Sozialpolitik, der Außenpolitik usw.); ausschlaggebend sei vielmehr die Medienlogik mit ihren Aufmerksamkeitswerten. Neben die Herstellung politischer Entscheidungen ("Herstellungspolitik") sei deren Vermittlung in der Öffentlichkeit ("Darstellungspolitik") immer wichtiger geworden (Sarcinelli 2009). Es reicht nicht, ein Gesetz beispielsweise zur Gesundheitsreform oder ein Neubauprojekt zu beschließen. Diese Entscheidungen müssen vielmehr auch mit Kommunikationsmaßnahmen "verkauft" werden (Pressekonferenzen, Pressemeldungen, Interviews, Talkshow-Auftritte etc.).

Deshalb ist von einer "Mediatisierung" der Politik die Rede und von einem "symbiotischen" Verhältnis von Politik und Medien. Mitunter werden die Medien auch als "vierte Gewalt" (im Englischen: "fourth estate") bezeichnet und den drei klassischen Staatsgewalten (Legislative, Exekutive, Jurisdiktion) hinzugefügt. Diese Gleichsetzung mit den konstitutionellen und durch den Volkswillen demokratisch legitimierten Gewalten ist aber problematisch, gerade weil die Medien staatsfrei sein sollen. Allenfalls im metaphorischen Sinne kann man den Begriff "vierte Gewalt" gebrauchen, um die Macht der Medien zu unterstreichen. Andere gehen heute so weit, von einer "Mediokratie", ja einer "Kolonisierung" der Politik durch die Medien zu sprechen (Meyer 2001). Das erscheint in Deutschland zumindest bisher noch übertrieben und verkennt, dass innerhalb politischer Institutionen (z. B. im Bundestag und in den Parteien) durchaus noch nach politischen Prioritäten verhandelt und entschieden wird. Anderswo ist der beschriebene Prozess aber weiter fortgeschritten. Beispielsweise in Italien, wo mit Silvio Berlusconi ein erfolgreicher Medienunternehmer Regierungschef wurde.

Die Instrumentalisierung der Medien durch die politischen Akteure

Dennoch suchen auch hierzulande die politischen Akteure ihre Macht gegenüber dem Mediensystem zu behaupten. Der klassische Weg über die Medienpolitik (Ordnungspolitik) bietet dazu wegen der Garantie der Kommunikationsfreiheiten nur begrenzte Möglichkeiten. Am wenigsten gibt es diese wegen der Freiheitsgarantie bei der Presse, am ehesten noch im (öffentlich-rechtlichen) Rundfunk. Umso wichtiger geworden sind Öffentlichkeitsarbeit und politische PR. Abteilungen und Personal für solche Aufgaben sind auf Regierungs-, Partei- und Organisationsebene heute gängig. Dabei machen sich diese außer den herkömmlichen publizistischen Medien inzwischen auch das Internet zunutze. Insbesondere Wahlkämpfe sind heute stark an den Erfordernissen der Medien ausgerichtet, wofür eigene medienerfahrene Berater, so genannte "spin-doctors", angestellt werden, die im Hintergrund "die Fäden spinnen". Beispielgebend gewesen sind hierfür die Vereinigten Staaten und in Europa Großbritannien.

Die problematischen Wirkungen der Massenmedien

Kritisch wird ferner diskutiert, ob die Medien ein zutreffendes und verlässliches Bild der Realität wiedergeben und ob sie das Meinungsspektrum der Gesellschaft hinreichend abbilden. Zweifel daran bestehen wegen der Auswahl der Informationen nach aufmerksamkeitsträchtigen Ereignismerkmalen bzw. so genannten Nachrichtenfaktoren. Dazu zählen u. a. die Personalisierung, die politische oder kulturelle Nähe, die Präferenz für Prominenz und Elite-Personen, auch für Elitenationen. Als besonders problematisch gilt die Bevorzugung von Skandalen, Konflikten, Schäden und Unglücksfällen, also von negativen Ereignissen. Deshalb hat man den Massenmedien auch vorgeworfen, sie seien schuld an Politikverdrossenheit und einem negativen Weltbild. Sie trügen zu einer Entfremdung zwischen Bürgern und politischem System bei und schwächten das Vertrauen in die Kompetenz der politischen Akteure. Das könne wiederum zu schwindender Wahlbeteiligung oder zum Abwandern in Protestaktionen führen.

Die Nachrichtenauswahl wird aber auch durch die Berufsauffassung und die persönlichen Merkmale, Einstellungen und Meinungen der Journalisten beeinflusst. Viele von ihnen wollen nicht nur informieren, sondern auch Kritik üben. Grundsätzlich neigen Journalisten dazu, Informationen, die mit ihren Überzeugungen übereinstimmen, zu betonen oder hochzuspielen, Informationen, die gegen diese sprechen, aber herunterzuspielen oder zu unterdrücken ("instrumentelle Aktualisierung").

Perspektiven der weiteren Medienentwicklung

Die politischen Funktionen der Medien sind in Deutschland (wie in anderen Ländern) nicht unberührt geblieben von der fortschreitenden Kommerzialisierung. "Infotainment" und "Boulevardisierung" bezeichnen den Trend zur Vermischung von Information und Unterhaltung. Während dergleichen in Teilen der Presse bisher schon präsent war, in Straßenverkaufszeitungen wie der "Bild"-Zeitung und in der so genannten "Regenbogenpresse", hat dies inzwischen auch im Fernsehen Einzug gehalten. Und zwar nicht nur bei den Privatsendern, in Nachrichtensendungen ebenso wie in anderen Formaten des so genannten "Reality TV". Tendenzen zur Boulevardisierung sind vielmehr auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu beobachten.

Wie kann den zuvor beschriebenen Problemen der politischen Funktionserfüllung der Medien begegnet werden? Gewiss lassen sich Erscheinungen der Mediatisierung der Politik kaum mehr rückgängig machen. Und auch Postulate allein, sei es an die Politiker, die Journalisten und die Mediennutzer, werden nicht viel fruchten. Dennoch hängt von dem Verhalten aller drei Gruppen Entscheidendes ab. Die politischen Akteure selbst sind gefragt, inwieweit sie sich einem Diktat der Medien und ihrer Formate unterwerfen. Andererseits sind die Journalisten zur Wahrung ihrer professionellen Normen und zu einem demokratisch funktionsgerechten Rollenverständnis aufgerufen. Das erfordert auch, nicht bloß die Botschaften der Öffentlichkeitsarbeit und PR weiterzugeben, die jeweils Eigeninteressen verfolgen. Die Konkurrenz des Internet und die damit zusammenhängenden ökonomischen Probleme (s. dazu weiter unten) bergen die Gefahr des Verlusts an professioneller journalistischer Qualität. Das "Blogging" oder auch eine Plattform wie Wikileaks sind zu einer Herausforderung für den herkömmlichen Journalismus geworden. Jeder kann heute selbst im Internet Informationen verbreiten, Kommentare und Bewertungen abgeben. Dabei steht jedoch in Frage, wie verlässlich und vertrauenswürdig diese sind.
Die wirtschaftlichen Probleme der Medien

Die wirtschaftlichen Probleme der Medien sind mehrdimensional. Zum einen sind Medien selbst (auch) wirtschaftliche Unternehmen. Die Presse ist in Deutschland privatwirtschaftlich organisiert und finanziert sich herkömmlich aus zwei Quellen: dem Vertrieb und den Anzeigen. Die Anzeigen sind in einer Marktwirtschaft ein wichtiges Mittel zur Regulierung von Angebot und Nachfrage. Ohne sie würde es an Wettbewerb und Markttransparenz fehlen. Die Kombination der beiden Erlösarten ("Kuppelprodukt") wurde erst im 19. Jahrhundert üblich und hat die Massenpresse hervorgebracht, denn die Anzeigenerlöse ermöglichen Verkaufspreise unterhalb der Produktions- und Vertriebskosten. Damit werden Zeitungen für eine breitere Leserschaft erschwinglich und große Auflagen möglich. Im Prinzip gilt das auch für Zeitschriften, zumindest für die populäre Publikumspresse.

Der Rückgang des Anzeigengeschäfts und der Auflagen der Tagespresse

Die Anzeigen bergen aber auch Probleme. Ihretwegen ist die (Tages-)Presse abhängig von der konjunkturellen Entwicklung. Zeiten der Prosperität wirken sich positiv auf Werbung und Anzeigen aus. Das kommt dann auch der Presse zugute. In Zeiten der Stagnation oder Rezession werden die Werbebudgets in der Regel aber gekürzt, worunter dann auch die Presse leidet. So geschah es zu Anfang des neuen Jahrtausends, nach dem Platzen des durch das Internet entstandenen "Neuen Marktes" (auch "Dotcom-Blase" genannt). Nach einer gewissen Erholung gingen die Werbeinvestitionen infolge der Finanz- und Wirtschaftskrise erneut zurück (2009: minus 6 %). Neben die konjunkturellen sind strukturelle Probleme getreten. Zunehmend sind Anzeigen aus den Printmedien in das Internet abgewandert. Das gilt insbesondere für die klassischen Rubrikenmärkte. Von 1994 bis 2006 sind 60 % der Stellenanzeigen, 40 % der Immobilienanzeigen und ein Drittel der KfZ-Anzeigen ins Internet eingestellt worden. Damit werden der gedruckten Tagespresse wichtige Einnahmen entzogen.

Üblicherweise finanzierten sich die Tageszeitungen bis in die 1990er-Jahre zu einem Drittel aus Verkaufs- und zu zwei Dritteln aus Anzeigenerlösen. Dieses Verhältnis hat sich inzwischen zu hälftigen Anteilen verschoben. Zudem gehen die Zeitungsauflagen wie auch in anderen Ländern langsam, aber kontinuierlich zurück. 1989 betrug die Verkaufsauflage der Tageszeitungen in Deutschland noch 20,3 Millionen Exemplare, stieg nach der Wiedervereinigung bis 1995 auf 25,0 Millionen (1995) und sank dann bis 2008 wieder auf 20 Millionen Exemplare, also so viele, wie in der alten Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung. Die Tagespresse erreichte 2009 noch 71,4 % der Bundesbürger (7 % weniger als 1996). Seit längerem rückläufig ist das Zeitungslesen vor allem bei jungen Menschen. Die höchste Reichweite verzeichnet die Tageszeitung bei den 60- bis 69-Jährigen (2009: 83 %).

Die Notwendigkeit von Kosteneinsparungen und neuen Geschäftsmodelle

Bedingt durch die finanziellen Einbußen sehen sich die Tageszeitungen gezwungen, ihre publizistischen Leistungen zu reduzieren (Wilke 2006): Seitenumfänge wurden verringert, Zeitungsausgaben fusioniert, auf Journalisten und Mitarbeiter(innen) verzichtet, Teilleistungen zentralisiert oder in andere Betriebe ausgelagert. Die Informations- und Meinungsvielfalt (vor allem im lokalen Bereich) droht weiter abzunehmen. Daher suchen die Zeitungs- und Zeitschriftenverlage nach anderen, zusätzlichen Einnahmen und Geschäftsmodellen. Mehrere Zeitungen vertreiben auch Bücher, DVDs und andere Produkte.

Die Zeitungsverlage begannen in den 1990er-Jahren mit dem Aufbau von Internet-Auftritten. Sie taten dies zunächst zögerlich, mit begrenzten Mitteln. Während sich manche damit begnügten, ihre Produkte unverändert auch online zu stellen, investierten andere mehr und bauten eigenständige Internet-Portale auf. Alle Tageszeitungen haben heute eigene Websites. Besonders aufwändig sind diejenigen der "Bild"-Zeitung (bild.de) und des Nachrichtenmagazins "Spiegel" (spiegel.de). Inzwischen haben sich die Zeitungsportale weiterentwickelt. Dennoch lassen sich dadurch für die Presse bisher zumeist keine großen Erträge erzielen. Im Internet herrscht bisher eine Kostenlos-Mentalität. Die Bereitschaft der User, für Angebote zu zahlen, ist gering, zumal bei Inhalten, die woanders kostenlos zu bekommen sind. Nur bei der Erfüllung spezieller Bedürfnisse ist das anders. Um das Internet für sich zu nutzen, drängen die Presseverlage insbesondere darauf, die Online-Aktivitäten der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zu begrenzen. Sie erheben den Anspruch, für »elektronische Presse« zuständig zu sein. Damit haben sie sich aber nicht durchsetzen können.

Die Einnahmen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten

Weitgehend wirtschaftlich sorgenfrei können die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten dank ihrer Gebühreneinnahmen von gegenwärtig gut 7 Milliarden Euro pro Jahr agieren. Künftig soll an die Stelle des gerätebezogenen Gebühreneinzugs eine Haushaltsabgabe treten. Hinzu kommen noch Anzeigeneinnahmen. Allerdings haben diese infolge der Zulassung privater Programmanbieter abgenommen. Deswegen verlangen die Landesrundfunkanstalten der ARD und das ZDF auch immer wieder, dass die Gebühren erhöht bzw. – wie sie selbst sagen – angepasst werden. Letztlich müssen die Parlamente der Bundesländer über solche Erhöhungen beschließen. Um trotzdem die gebotene Staatsfreiheit des Rundfunks zu gewährleisten, wurde ein kompliziertes Verfahren ersonnen, in dem die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten (KEF) das Ausmaß der Gebührenerhöhung ermittelt und vorschlägt. Die beträchtlichen Gebühreneinnahmen ermöglichen es den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, mehr als 60 Radio- und mehr als 20 Fernsehprogramme zu veranstalten. Außerdem nutzen sie inzwischen ebenfalls das Internet, nicht nur für sendungsbegleitende Informationen, sondern auch für Zusatzangebote. Sie berufen sich dabei auf die ihnen vom Bundesverfassungsgericht zugestandene Bestands- und Entwicklungsgarantie. Die beiden Hauptprogramme, das Erste und das Zweite, haben so genannte Mediatheken eingeführt, über die man Teile ihres Programms befristet auch zeitversetzt abrufen kann (Video on Demand).

Die Finanzierungsbedingungen der privaten Sender

Die seit den 1980er-Jahren in Deutschland entstandenen privaten Rundfunkanbieter müssen sich ganz aus Werbeeinnahmen finanzieren, verfügen aber auch über zusätzliche Erträge (Programmverkäufe, Shopping). Tatsächlich hat sich durch sie der Werbemarkt in Deutschland beträchtlich vergrößert. Da die Preise für die Werbespots von der Zahl der Zuschauerkontakte abhängig sind, müssen die privaten Anbieter publikumsattraktive Programme bieten. Deshalb haben sie eine strenge Programmformatierung und neue Programmformate eingeführt. Vor allem die privaten Radios gestalten ihren Programmablauf zum "Durchhören" ganz nach bestimmten »Musikfarben«: Es dominieren Adult Contemporary (AC) und Contemporary Hit Radio (CHR). Die privaten Fernsehprogramme führten Talkshows ein, wiederbelebten das Quiz ("Wer wird Millionär?"), setzten auf in- und ausländische Serien und entwickelten vor allem Reality TV- und Casting-Sendungen (z. B. Big Brother, Dschungelcamp, Bauer sucht Frau, Germany’s Next Top Model). Die Letzteren bieten oft Anlass für Kritik und öffentliche Entrüstung.
Die Konkurrenz im dualen Rundfunksystem

Konsequenzen hatte die private Konkurrenz auch für die öffentlich-rechtlichen Programme. Zwar ist bei ihnen der Informationsanteil immer noch größer als bei den Privatsendern, doch wurde manches davon gekürzt oder auf späte Sendezeiten verschoben. Schon die Etablierung des Sprachraumprogramms 3sat und des deutsch-französischen Kulturkanals "arte" war dazu genutzt worden, primär dort Sendungen für Minderheiten zu platzieren. ARD und ZDF übernahmen auch kommerzielle Sendeformate, sowohl in ihren Radio- als auch in den TV-Programmen (Jugendwellen, Doku-Soaps). Auch gibt es bei ihnen Anzeichen der Boulevardisierung selbst in Nachrichten- und Magazinsendungen. Deshalb hat man von einer Anpassung (Konvergenz) öffentlich-rechtlicher an private Programme gesprochen, aber auch eine mitunter gegenläufige der privaten an die öffentlich-rechtlichen konstatiert. Die Werbung in den privaten Programmen unterliegt gewissen Einschränkungen zeitlicher Art. Doch wurden die einschlägigen Vorschriften hierzu in den letzten Jahren gelockert (z. B. Erlaubnis von Split-Screen-Werbung). Auch die privaten Rundfunkanbieter haben z. T. umfangreiche Online-Portale aufgebaut (rtl.de, sat1.de; prosieben.de). Sie kritisieren wie die Zeitungsverleger die Online-Präsenz der gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten.

Die wirtschaftliche Bedeutung des Internets

Das Internet ist wirtschaftlich in mehrfachem Sinne von Bedeutung. Zum einen dient es als ein neuer Verkaufs- und Vertriebskanal. Viele Produkte können heute über das Internet bestellt, zahlreiche Dienstleistungen darüber abgewickelt werden (Telebanking, Buchung von Reisen etc.). Nicht alle Unternehmen haben das rechtzeitig erkannt. Außerdem ist das Internet ein expandierender Werbemarkt mit eigenen Werbeformen (z. B. Button, Banner, Wallpaper, Videos etc.). In zehn Jahren ist der Anteil der Online-Werbung am gesamten Werbebudget erheblich angestiegen. Der Löwenanteil davon entfällt auf Google. Woran es jedoch im Internet immer noch fehlt, sind ertragreiche Geschäftsmodelle. Infolgedessen haben sich viele Investitionen von Unternehmen bislang nicht rentiert.

Das Internet hat zudem bisherige Geschäftsmodelle der Medien zum Einsturz gebracht oder zumindest einen rapiden Preisverfall bewirkt. Dies gilt vor allem für Tonträger, nachdem es möglich geworden war, Musiktitel von Servern "herunterzuladen" und in Tauschbörsen (z. B. Napster) einzustellen. Dies geschah großenteils, ohne dass dafür ein Entgelt bezahlt wurde. Dies hatte dramatische Folgen für die großen Plattenfirmen wie Universal, Sony-BMG, EMI etc., denen die Einnahmen wegbrachen. Der Absatz von Musikalben halbierte sich seit der Jahrtausendwende. Bertelsmann, das größte deutsche Medienunternehmen, musste seine Musiksparte abstoßen. Den wirtschaftlichen Zusammenbruch der Tonträgerindustrie hat man international und national in Deutschland durch Gesetze einzudämmen gesucht, die das Urheberrecht an die veränderten technischen Gegebenheiten anpassen. Das 2008 erlassene »Gesetz zur Verbesserung der Durchsetzung von Rechten des geistigen Eigentums« will die Produktpiraterie (mittels illegalem "Downloadens") bekämpfen. Allerdings wird auch der Verbraucher vor horrenden Abmahnungssummen wegen kleinerer Urheberechtsverletzungen geschützt.

Die Rolle der Medien im Alltag

Medien dienen dem einzelnen Menschen zur Unterrichtung und zur Orientierung in seiner Umwelt. Von ihnen erfährt er wichtige Informationen und Argumente (zumindest sollte er sie erfahren). Diese Funktion erfüllen herkömmlich vor allem die Printmedien und neuerdings auch bestimmte Angebote im Internet. Außer zur Information werden Medien aber auch zur Unterhaltung, zum Zeitvertreib, zur Stimmungsregulierung und zur Aufrechterhaltung von sozialen Kontakten genutzt. Diesen Bedürfnissen dienen insbesondere das Radio, der Film und das Fernsehen. Musik wird zudem über Speichermedien genutzt, ist aber auch über das Internet empfangbar oder kann auf Träger wie den MP3-Player überspielt werden. Damit ist auch die mobile Mediennutzung möglich geworden. MP3-Player werden vorzugsweise dazu genutzt, sich auch in der Öffentlichkeit vor der Umwelt zurückzuziehen.

Der Aufschwung der Computerspiele und virtuellen Realität

Wichtige Funktionen des Zeitvertreibs und der Ablenkung erfüllen vor allem für Jugendliche die Computer- und Videospiele. Über Spielkonsolen verfügen zwei Drittel der Haushalte mit Jugendlichen. Gespielt werden kann ferner über den PC (online), mobil mittels Handheld oder Handy. 2008 wurden weltweit mehr als 1,5 Milliarden Euro mit Videospielen umgesetzt. Probleme betreffen einerseits die z. T. illegale Beschaffung, zum anderen aber die Art der Spiele (Fun-, Sport-, Geschicklichkeitsspiele, Rollenspiele, Shooter). Manche von ihnen (z. B. CounterStrike) werden wegen ihres Gewaltpotentials für sozial schädliche Folgen (bis hin zu Amokläufen) verantwortlich gemacht. Als eine der erfolgreichsten Spielserien entpuppte sich World of Warcraft.

Noch einen Schritt weiter geht das »Eintauchen« in die virtuelle Realität selbst. Furore machte in dieser Hinsicht in den letzten Jahren Second Life. Jeder einzelne User kann darin als virtuelle Persönlichkeit auftreten (Avatar) und als solche handeln. Dies geschieht nach bestimmten sozialen, wirtschaftlichen und organisatorischen Regeln. Echte Unternehmen wurden in Second Life aktiv, entdeckten die virtuelle Welt und betreiben dort Werbung und Marketing. Nach Eigenangaben der Software-Firma Linden Lab hatte Second Life 2010 rund 650.000 Besucher pro Woche. Die Gesamtzahl der Benutzerkonten wurde mit 15 Mio. angegeben. Allerdings gibt es Anzeichen, dass derartige Phänomene wie z. B. das "Second Life"-Fieber nach gewisser Zeit wieder abflauen, also teilweise nur vorübergehende Modeerscheinungen, "Hypes", sind.
Die Medien als Sozialisationsagenturen

Medien spielen eine wichtige Rolle für die individuelle Sozialisation und die gesellschaftliche Integration, denn sie vermitteln Wissen, Normen, Leitbilder, Rollenerwartungen, Verhaltensweisen etc. Dies geschieht nicht nur auf dem Wege der Information, sondern auch durch fiktive Programminhalte, beispielsweise durch Familienserien und Doku-Soaps im Fernsehen (z. B. Gute Zeiten-schlechte Zeiten, Marienhof). Die Medien tragen somit zur Persönlichkeitsentwicklung und zur Auseinandersetzung mit der Umwelt bei. Sie treten neben die herkömmlichen Sozialisationsinstanzen wie Familie und Schule. Man kann sogar behaupten, dass sie deren Einfluss schwächen. Eltern können viel weniger als früher kontrollieren und bestimmen, was ihre Kinder erfahren und was sie durch den Medienkonsum erleben. War das bei der Auswahl der Lektüre von Büchern noch einfach, so hat schon das Fernsehen die Schwelle zwischen den Erwachsenen und den Kindern abgebaut. Erst recht vermag dies heute das Internet, dessen Inhalte schier unerschöpflich sind und zu denen man sich mit der nötigen technischen Fertigkeit leicht Zugang verschaffen kann. Auch dem einstigen "Bildungsmonopol" der Schule haben die Medien zunehmend den Boden entzogen.

Die zwiespältige Bedeutung der Medien für die gesellschaftliche Integration

Der gesellschaftlichen Integration dienen Medien auf mehrfache Weise. Einerseits durch gemeinsamen Medienkonsum (in der Familie oder Gruppe), andererseits durch Bereitstellung von Informationen und Inhalten, die allen zur Verfügung stehen und die Gegenstand von Gedankenaustausch und Gesprächen sowie Anlass für soziales Handeln sind. Allerdings wird die Integrations-Leistung der Medien auch in Zweifel gezogen. Zum einen weil die bevorzugte Darstellung von abweichendem Verhalten die Geltung gesellschaftlicher Normen schwächen kann. Zum anderen hat man die Vermehrung der Medienangebote (insbesondere im Fernsehen) für eine Fragmentierung des Publikums und einen Verlust an Gemeinsamkeiten verantwortlich gemacht. Es kann weniger als früher unterstellt werden, dass die Bürgerinnen und Bürger das gleiche aktuelle Wissen haben. Dabei besteht heute hinsichtlich der Migranten noch ein zusätzlicher Integrationsbedarf (Klingler/Kutteroff 2009). Generell wird die Individualisierung der Gesellschaft von einer Individualisierung des Medienkonsums begleitet, ja durch sie vorangetrieben und gefördert.

Neue Formen der Integration und der sozialen Beziehungen hat das Web 2.0 mit seinen interaktiven Möglichkeiten eröffnet (Schmidt/Paus-Hasebrink/Hasebrink 2009). Man kann im Internet Menschen in Partnerbörsen kennen lernen und mit ihnen virtuell kommunizieren. Zahlreiche soziale Netzwerke sind entstanden, in denen man heute geradezu Mitglied sein muss. Das gilt vor allem für SchülerVZ und StudiVZ. Facebook hat sich international als größtes Netzwerk etabliert (2009: 400 Mio. Mitglieder, 12 Mio. in Deutschland). Dort werden immer mehr Informationen, Fotos, Videos, Musikstücke und Blogbeiträge konsumiert und weiter empfohlen. Bemerkenswert ist die Unbefangenheit, mit der viele Nutzer ihre persönlichen Daten und Bilder in diese Netzwerke zur Selbstdarstellung und Partizipation präsentieren (Richard/Grünwald/Recht/Metz 2010). Warnungen vor potentiellem Missbrauch und "digitalen Nachstellungen" blieben vielfach ungehört.

Der "digital divide" als gesellschaftliches Problem

Indessen hat das Aufkommen des Internets auch neue Hürden in der Gesellschaft aufgerissen. Man spricht von "digital divide" – der Kluft zwischen denen, die sich der digitalen Medien bedienen, und jenen, die keinen Zugang zu ihnen haben. Zwar hat sich das Medium in Deutschland so rasch verbreitet wie kein anderes vor ihm. Aber bis zur Sättigung fehlt noch einiges. Durchgesetzt hat sich das Internet primär bei den jüngeren Menschen, und zwar vor allem bei Männern. Die weiblichen User haben mittlerweile aber aufgeholt. Eine Kluft besteht noch zu älteren Menschen. Zwar haben auch diese in der Internet-Nutzung zugelegt ("silver surfer"), aber ihnen fehlen nicht selten die technischen Fertigkeiten und die Motive zur interaktiven Nutzung von Computern. Abhängig ist diese generell vom Bildungsgrad, und sie kann ihrerseits Bildungsabstände vergrößern. Der digitalen Kluft muss zunächst einmal durch das Bildungswesen entgegengewirkt werden. Allerdings lässt die Ausstattung mit PCs in den Schulen in Deutschland noch zu wünschen übrig.

Die internationale Dimension des "digital divide"

Mehr als auf nationaler Ebene besteht heute international noch eine große digitale Kluft. Das hat mit der unterschiedlichen Verbreitung von Computern, Servern und Telefonverbindungen zu tun. Diese gibt es vor allem in den entwickelten und industrialisierten Staaten. Hohe Internetverbreitung findet sich in den skandinavischen Ländern (Dänemark: 84,2 %; Finnland 83,5 %), in Großbritannien (76,4 %), der Schweiz (75,5 %), in Deutschland (65,9 %), in den USA (74,2 %), auch in Südkorea (77,3 %) und Japan (75 %). Die größte Internetgemeinde hat weltweit inzwischen jedoch die Volksrepublik China. Allerdings machen die 360 Millionen Internet-Nutzer nur gut ein Viertel der dortigen Bevölkerung aus. Gering ist die Verbreitung des Internet vor allem in den unterentwickelten Regionen Afrikas (im Durchschnitt 14,6 %, in einzelnen Ländern noch unter 1 %) und in Asien (Indien: 7 %; Laos: 1,9 %; Myanmar: 0,2 %) (www.internetworldstats.com, Daten von 2009).

Die Zugänglichkeit des Internet hängt nicht nur von den infrastrukturellen technischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen ab, sondern auch von der politischen Herrschaftsordnung. Hindernisse gibt es vor allem in Ländern ohne Pressefreiheit wie China, Iran, Kuba, Vietnam und Libyen. Dort wird vor allem der Zugang zu Websites gesperrt, die politisch und gesellschaftlich unerwünscht sind. Dokumentiert wird dies durch internationale Organisationen wie Reporter ohne Grenzen (www.reporter-ohne-grenzen.de).

Mediennutzung als Suchtproblem

Mediennutzung kann individuell zu einem Suchtphänomen werden. Beim Fernsehen kennt man seit längerem das Vielseher-Syndrom. Das sind Zuschauer, bei denen der Fernsehkonsum überdurchschnittlich hoch ist (über fünf Stunden täglich). Dabei handelt es sich vorwiegend um ältere Menschen, die zur Häuslichkeit und zur Passivität verurteilt sind. Sie pflegen nur wenige soziale Kontakte, ja ihnen dient der Fernsehkonsum als Ersatz dafür ("para-soziale Interaktion"). Allerdings wird das Fernsehen heute mehr als früher (wie schon das Radio) als Kulisse eingeschaltet, wobei andere Tätigkeiten gleichzeitig ausgeführt werden. Zumal bei älteren Menschen hat solche "Parallelnutzung" zugenommen (auf 44 % im Jahr 2007). Befunde der Medienforschung belegen, dass die Wahrnehmung der Wirklichkeit bei Vielsehern besonders stark vom Fernsehen beeinflusst wird.

Suchtgefahren bestehen vor allem bei Computer- und Videospielen. Durch sie kann der Mensch besonders leicht der Wirklichkeit entfliehen (Eskapismus). Das Spielen in Gilden vermag aber auch Gefühle von Stärke und Gebrauchtwerden zu vermitteln. 5 % gelten als Intensivspieler, 24 % als Gewohnheitsspieler. 28 % spielen täglich, manche mitunter bis zu zehn Stunden.

Auch das Internet generell kann seine Nutzer "süchtig" machen. Deshalb sind diese auch schon ins Visier der Drogenbeauftragten der Bundesregierung getreten. In deren Suchtbericht (2011) wird die Anzahl der Internet-Süchtigen mit 560.000 angegeben. Solche User versinken gewissermaßen stundenlang in der virtuellen Welt des Cyberspace. Präventive Maßnahmen sind hier angesagt.
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