Obama

15.7.2010 | Von:
Heiko Girnth

Ziele der Sprachverwendung

Überzeugen, beeinflussen oder das eigene Image pflegen: Die Funktionen politischer Sprache sind zahlreich. Eine bewusste Wortwahl und Argumentationsstrategie spielen dabei stets eine große Rolle.

Glauben an den Wechsel: Barack Obama.Glauben an den Wechsel: Barack Obama überzeugte mit seiner "Change-Kampagne" 2008 die amerikanischen Wähler. (© AP)

Vier Grundfunktionen politischen Sprachhandelns

Persuasion

Die wichtigste Funktion der politischen Sprache ist 'Persuasion', also der Versuch, mit sprachlichen Mitteln Meinungen und Einstellungen der Adressaten zu beeinflussen. Idealerweise gelingt dies durch überzeugendes Argumentieren mit dem Ziel des Konsenses. Persuasion ist dann ein dynamischer, wechselseitiger Prozess, in dessen Verlauf die Kommunikationspartner auch bereit sind, sich überzeugen zu lassen. Die parteiliche und machtbezogene Dimension der politischen Kommunikation lassen sich allerdings mit dieser idealen Form der Persuasion nur unvollständig fassen. So muss nicht nur in Rechnung gestellt werden, dass politische Diskussionen für die Öffentlichkeit inszeniert sind und die Diskussionspartner keinesfalls die Absicht haben, sich überzeugen zu lassen. Vielmehr muss auch davon ausgegangen werden, dass politische Akteure strategische Maximen verfolgen und beispielsweise Informationen verschweigen und falsche Informationen verbreiten, um damit den politischen Diskurs in eine bestimmte Richtung zu lenken. Da die persuasive Funktion oft mit der informativen Funktion gekoppelt ist, spricht man auch von der 'informativ-persuasiven Funktion'. Sie ist eine von vier Grundfunktionen, die das politische Sprachhandeln prägen.

integrative Funktion

Neben der informativ-persuasiven Funktion kommt auch der integrativen Funktion in der politischen Kommunikation eine tragende Rolle zu. Sprachliches Handeln ist integrativ, wenn es dazu dient, kollektive Einstellungen und Überzeugungen öffentlich zu bekunden und sich somit einer gemeinsamen Werthaltung zu versichern. Die integrative Funktion findet sich beispielsweise in Parteiprogrammen oder auch in Gedenkreden. Letztere sind meist mit bestimmten Daten verknüpft und nehmen auf zentrale historische Ereignisse Bezug wie beispielsweise die NS-Verbrechen und den Zweiten Weltkrieg. Aber auch die traditionellen Weihnachts- und Neujahrsansprachen von Bundespräsident bzw. Kanzler haben diese integrative Funktion.

regulative Funktion

Die regulative Funktion ist die zentrale Funktion der institutionsexternen Außenkommunikation, die die administrativ geregelte Kommunikation zwischen staatlichen Behörden und Bürgerinnen und Bürgern umfasst. Die regulative Funktion regelt die Beziehungen zwischen den Regierenden und den Bürgern. In gewisser Weise handelt es sich hier um eine Kommunikationsrichtung von 'oben' nach 'unten'. Texttypen mit regulativer Funktion sind beispielsweise Gesetze, Erlasse oder Sofortprogramme. Hier dominieren Sprechhandlungen wie AUFFORDERN, ANWEISEN und GESETZE ENTWERFEN.

poskative Funktion

Als vierte und letzte Grundfunktion kann hier die poskative Funktion (von lat. poscere = fordern) genannt werden. Hier werden beispielsweise von Bürgerinnen und Bürgern, Gruppen und Verbänden Forderungen gestellt, Wünsche vorgetragen oder Widerstand geleistet. Die poskative Funktion ist eine Umkehrung der regulativen Funktion. Sie ist typisch für Texte wie Aufrufe, Petitionen oder Manifeste.

Zum Vergrößern bitte klickenZum Vergrößern bitte auf die Grafik klicken. (© BPB)
Um diese Grundfunktionen durchzusetzen wenden die politischen Akteure bestimmte Sprachhandlungsmuster an. Diese zielen auf die Art und Weise der Vermittlung der Grundfunktionen ab. So kann beispielsweise die Grundfunktion informativ-persuasiv durch unterschiedliche Sprachhandlungen wie ARGUMENTIEREN, INFORMIEREN oder BEWERTEN realisiert werden. Am Beispiel des Texttyps Parteiprogramm kann das Verhältnis von Grundfunktion und Sprachhandlung verdeutlicht werden: Die dominierende Funktion des Parteiprogramms ist integrativ. Das Programm ist Grundlage für die Identität einer Partei. Diese dominante Grundfunktion wird durch zahlreiche Sprachhandlungen wie beispielsweise LEGITIMIEREN, PROFILIEREN, BEKENNEN, WERBEN, SICH ABGRENZEN realisiert. Exemplarisch zeigt dies ein Auszug aus dem Hamburger Grundsatzprogramm der SPD aus dem Jahre 2007:

"Unsere Grundwerte sind Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Im sozialdemokratischen Verständnis bilden sie eine Einheit. Sie sind gleichwertig und gleichrangig. Sie bedingen, ergänzen, stützen und begrenzen einander. Unser Verständnis der Grundwerte bewahrt uns davor, Freiheit auf die Freiheit des Marktes, Gerechtigkeit auf den Rechtsstaat, Solidarität auf Armenfürsorge zu reduzieren."
(Hamburger Parteiprogramm)

In diesem Textbeispiel artikulieren sich in den Schlagwörtern Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität die elementaren Werte der Partei, die hier im Sinne der integrativen Funktion hervorgehoben werden. Die SPD BEKENNT sich zu diesen positiven Werten und VERGEWISSERT sich einer gemeinsamen Grundhaltung. Dies wird auch durch die Verwendung des Personalpronomens unser in der Verbindung mit dem Oberbegriff Grundwerte erreicht. Gleichzeitig dient diese Textpassage auch dazu, sich vom politischen Gegner ABZUGRENZEN und ihm ein auf die Aspekte Markt, Rechtsstaat und Armenfürsorge reduziertes Verständnis der Grundwerte VORZUWERFEN.

Imagebildungsfunktion

Politisches Sprachhandeln hat noch eine weitere wichtige Funktion, die in Zeiten der zunehmenden Personalisierung und Medialisierung besondere Relevanz erlangt und die eng mit der informativ-persuasiven Funktion verknüpft ist: die Imagebildungsfunktion. Diese Funktion zielt auf die Selbstdarstellung und Profilierungsfunktion von Politikern und hatte spätestens 2002 mit dem Fernsehduell zwischen den Spitzenkandidaten Gerard Schröder und Edmund Stoiber einen medialen Höhepunkt. Im Idealfall präsentieren sich Politiker als volksnah, authentisch, sympathisch, kompetent, souverän und unverwechselbar. Mit Bodenständigkeit und Volksnähe soll dem Image der Politiker als den Abgehobenen, als 'denen da oben' entgegengesteuert werden. Für Politiker bieten sich hierzu zahlreiche Möglichkeiten, die vom Bürgergespräch über Wahlkampfveranstaltungen bis hin zu politischen Talkshows oder Personality-Talkshows reichen. Auch das Internet erweist sich als ideales Medium, um sich optimal zu 'vermarkten'. Eigene Homepages, Weblogs und Plattformen wie Youtube und Facebook vermitteln das Bild moderner Politiker, die Bürgernähe pflegen und sich hochkompetent den Herausforderungen der Zeit stellen.

Das Beispiel Twitter

Dies zeigt auch das Beispiel von Twitter, einer Internet-Plattform, die so genanntes Microblogging (blog = web + log) ermöglicht. Die Textnachrichten (updates oder tweets) haben einen Umfang von maximal 140 Zeichen, können von Benutzern (Followern) abonniert werden und werden chronologisch in einem Blog dargestellt. Heute benutzen zahlreiche Politikerinnen und Politiker Twitter. Themen von Twitter sind das politische Tagesgeschäft, das aktuelle politische Geschehen, Alltagsthemen und persönliche Einstellungen. Die in Twitter realisierten Sprachhandlungen sind INFORMIEREN, KOMMENTIEREN, BEWERTEN, AKTIVIEREN, WERBEN, LEGITIMIEREN und PROFILIEREN. Dabei ist die Imagebildungsfunktion bei Twitter besonders ausgeprägt. Exemplarisch seien hier einige Tweets aus dem Jahre 2010 aufgeführt (um Uhrzeit, Datum und Quelle gekürzte Darstellung):

Kristina Schröder (Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend):

"Eben war ich bei der Eröffnung der 'Langen Tafel' am Alexanderplatz, bin Schirmherrin der 'Tafeln' in Deutschland."

"Das Problem bei Debatte um türkische Schulen in Dt. ist doch, dass argumentiert wird, die Kinder müssten erst ihre Muttersprache gut lernen."

"Das Ehepaar Schröder bedankt sich für die vielen Glückwünsche zur Hochzeit :-)"

Dagmar Wöhrl (CSU-Bundestagsabgeordnete für Nürnberg-Nord und Vorsitzende des Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung):

"Jaaa, unsere #Lena hat gewonnen! Was für ein tolles Gefühl! Go Europe!"

"In der ersten Sitzung intensive Diskussion über das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen!"

"So, Arbeit ruft...genug getwittert ;)"

"Treffe mich mit Karl-Theodor zu #Guttenberg, um über die neue NATO-Strategie zu sprechen!"

Die Politikerinnen präsentieren sich hier in lockerer Sprache als informierte und kompetente Entscheidungsträger, deren Einblicke in ihren Tagesablauf Transparenz schaffen und sie als Menschen wie du und ich erscheinen lassen.

Annahme verweigert: Demonstration gegen das "Sparpaket" der Regierung im Jahr 1999 in Berlin.Annahme verweigert: Demonstration gegen das "Sparpaket" der Regierung im Jahr 1999 in Berlin. (© AP)
Bewusste Wortwahl

Wie die Beispiele zeigen, beziehen politische Akteure bestimmte Positionen und bringen Einstellungen und Bewertungen gegenüber politisch relevanten Sachverhalten zum Ausdruck. Ein elementares sprachliches Mittel der Durchsetzung politischer Ziele ist der bewusste Einsatz des politisch relevanten Wortschatzes. Benutzt der politische Akteur ein Schlagwort wie Unrechtsstaat in Bezug auf die ehemalige DDR, dann geht es ihm sicherlich nicht nur darum, festzulegen, worüber er spricht. Er will vor allem eine Wertung zum Ausdruck bringen: seine Einstellung zu den staatlichen Institutionen der ehemaligen DDR. Aufgrund der in Wörtern enthaltenen Wertung wird in den Adressaten eine bestimmte Einstellung gegenüber dem angesprochenen Sachverhalt erzeugt. Bewertungen können auch durch Attribute realisiert werden. So macht es einen Unterschied, ob man von einem sozial ausgewogenen Sparpaket oder einem ungerechten oder unsozialen Sparpaket spricht.

Ein in der politischen Kommunikation weit verbreitetes sprachliches Mittel ist die Metapher. Metaphern sind Ausdruck einer grundlegenden kognitiven Fähigkeit des Menschen. Durch Metaphernbildung werden neue sprachliche Ausdrucksmittel geschaffen und neue Konzepte sprachlich erschlossen. Metaphern vereinfachen komplexe Sachverhalte, interpretieren politische Entwicklungen, ermöglichen den Rückgriff auf Vertrautes und erzeugen Assoziationen. Eine weit verbreitete Metapher in der öffentlich-politischen Kommunikation ist beispielsweise die Fundament-Metapher: 'Fundament der Gesellschaft sind Ehe und Familie, die wir stärken wollen.' (Kurzfassung Grundsatzprogramm der CDU 2007) Ehe und Familie werden hier als Basis, als Grund konzeptualisiert, auf dem eine Gesellschaft errichtet ist. Die Fundament-Metapher kommt in zahlreichen Varianten vor, beispielsweise als Haus-Metapher (das europäische Haus).

Statt der statischen Fundament-Metapher werden oft auch die Ziel-Metapher und die Weg-Metapher benutzt: 'Für dieses Ziel eines freien und sicheren Lebens in der Chancengesellschaft formulieren wir die Grundsätze unserer Politik in diesem Programm.' (Grundsatzprogramm CDU) Oder: 'Auf dem Weg zur Gleichstellung von Frauen und Männern ist unsere Gesellschaft weit vorangekommen.' (Hamburger Grundsatzprogramm der SPD 2007. (Hamburger Programm der SPD) Mit der Weg-Metapher, die auf der Alltagserfahrung des Menschen beruht, sind vielfältige Assoziationen verbunden, die wiederum metaphorisch realisiert werden können. So werden Brücken gebaut, Weichen gestellt und Richtungswechsel vorgenommen. Politisches Handeln wird auch sehr oft als Kampf konzeptualisiert: 'Deshalb kämpfen wir für eine Politik, die im eigenen Land, in Europa und in der Welt eine soziale Antwort auf den globalen Kapitalismus formuliert.' (Hamburger Programm der SPD)


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