Obama
Pfeil links 1 | 2

Ziele der Sprachverwendung

15.7.2010
"Mission erfüllt" steht auf einem Banner hinter George W. Bush. Foto: AP"Mission erfüllt" steht auf einem Banner hinter George W. Bush als dieser am 1. Mai 2003 auf der Abraham Lincoln die Hauptkampfhandlungen im Irak für beendet erklärt. (© AP)
Frames: Sinn- und Wissenszusammenhänge
Neben der Metapher besitzen Wortzusammensetzungen eine stark persuasive Wirkung. So bieten sich für diejenigen, die die Bezeichnung Krieg für den 'Einsatz deutscher Soldaten in Afghanistan' nicht für angemessen halten, bis zum heutigen Tage zahlreiche Bezeich-
nungsalternativen an: Friedenseinsatz, Stabilisierungseinsatz oder Mission. Wort-
zusammensetzungen wie Friedenseinsatz und Stabilisierungseinsatz dienen Regierungen dazu, den Einsatz von Soldaten zu legitimieren. Sie benennen über den Sachverhalt hinaus die positiv bewerteten Ziele etwa des 'Einsatzes deutscher Soldaten in Afghanistan'. Jede dieser Bezeichnungen ruft ganz bestimmte Sinn- und Wissenszusammenhänge auf, so genannte Frames. Der Frame, der durch Frieden aktiviert wird, enthält positive Konzepte wie 'Ruhe und Sicherheit (im Zusammenleben der Menschen)'. Darüber hinaus aber aktiviert Frieden aber auch ein Konzept, das erst in jüngster Zeit im Zusammenhang mit den Rechtfertigungen von militärischen Einsätzen entstanden ist, nämlich 'Zustand, in dem die Menschenrechte verwirklicht werden können'. Stabilisierungseinsatz aktiviert ebenso ein positives Konzept. Wenn etwas stabilisiert werden muss, dann ist es vorher in ein (bedrohliches) Ungleichgewicht gebracht worden. Friedenseinsatz und Stabilisierungseinsatz entfalten so eine starke persuasive Wirkung, da mit ihrer Hilfe die Legitimation des Einsatzes und damit eine komplexe Argumentation in ein einziges Wort verpackt werden. Zudem bringen sie mehr oder weniger konkrete Handlungsaufforderungen zum Ausdruck. Zugleich zeigen sich an diesen Beispielen aber auch die Grenzen der Persuasion durch das Wort. Die Macht des Wortes endet da, wo die Menschen mit der Realität konfrontiert werden und eine Diskrepanz zwischen Wort und Wirklichkeit empfunden wird.

Argumentationsmuster in der politischen Kommunikation
Der Gebrauch von Wörtern ist immer in Argumentationsstrategien eingebettet, wobei sich typische Argumentationsmuster oder auch Argumentationstopoi in der politischen Kommunikation etabliert haben. Nach Klein (2003: 1468) beziehen die Akteure Stellung zu bestimmten Themen, indem sie aus ihrer Perspektive auf Situationsdaten verweisen, Bewertungen der Situationsdaten vornehmen, leitende Prinzipien oder Werte anführen, Ziele benennen und auf Konsequenzen des thematisierten Handelns oder auch der Daten, Bewertungen, Prinzipien und Ziele hinweisen. Argumentativ verwendet werden aus diesen Handlungskategorien Handlungstopoi, das heißt Begründungsschemata für die Rechtfertigung von Handlungen oder handlungsbezogenen Einstellungen bzw. für Angriffe auf dieselben. Argumentationstopoi haben die Funktion, bestimmte Positionen zu legitimieren. Politische Handlungen werden durch Ziele (Finaltopos) begründet und durch Situationsbewertungen (Motivationstopos) motiviert. Den Situationsbewertungen wiederum liegen bestimmte Annahmen über die Situation (Datentopos) und deren Konsequenzen (Konsequenztopos), andererseits aber auch Prinzipien oder Werte (Prinzipientopos) zugrunde.

Dies kann am Beispiel des Einsatzes der Bundeswehr in Afghanistan verdeutlicht werden. Eine Argumentationslinie, die in diesem Zusammenhang von Friedenseinsatz oder Stabilisierungseinsatz spricht, sieht folgendermaßen aus:
  • Datentopos: es liegt eine instabile politische Situation vor, Unterdrückung der Bevölkerung und Gewaltausübung seitens der Taliban
  • Prinzipientopos: Demokratie, Freiheit, Menschenrechte
  • Motivationstopos: dass Menschen unterdrückt und in ihrer Freiheit eingeschränkt werden, ist nicht hinnehmbar
  • Finaltopos: Hilfe beim Aufbau eines demokratischen Gemeinwesens
Die politischen Akteure führen die genannten Argumentationsmuster nicht immer vollständig aus. In den meisten Fällen ist das auch gar nicht nötig, da fehlende Argumentationsmuster meist mitgedacht werden. So löst das Wort Stabilisierungseinsatz die oben aufgeführte Argumentationskette auch ohne explizite Nennung aus.

Wie ausführlich politische Akteure ihre Argumentationen gestalten können, hängt immer auch von Texttyp und Interaktionsformat ab. Statements im Fernsehen, Interviews und die Teilnahme an politischen Talkshows erfordern die Fähigkeit, in einem sehr engen Zeitrahmen die eigene Position zu vermitteln. Im Gefolge des zunehmenden Einflusses der Medien auf die Politikvermittlung ist darüber hinaus die Tendenz zu beobachten, bei den Argumentationsmustern dem Datentopos eine besondere Stellung einzuräumen. Insbesondere in politischen Talkshows wird dem politischen Gegner gerne unterstellt, er verfüge nicht über genügend Fakten oder er sage die Unwahrheit. Die Einrichtung eines 'Fakten-Check' in der politischen Talkshow hartaberfair trägt dieser Bedeutung der Fakten Rechnung. Äußerungen der Gäste werden auf der Homepage der Sendung zeitversetzt in indirekter Rede angeführt. Ein Link führt zum O-Ton des Zitats. Dieser indirekten Redewiedergabe folgen nun die Kommentare und Sichtweisen von Experten, bei denen es sich häufig um Wissenschaftler handelt. Diese sollen qua Profession maximale Objektivität und Sachkenntnis vermitteln und somit die Aussagen der Talkshow-Gäste auf den Prüfstand stellen.

Die Bedeutung der Fakten wird beispielsweise auch durch die im Internet eingesetzte Kommunikationsform Rapid Response auf die Spitze getrieben. Rapid Response ist ein Instrument des Online-Wahlkampfes, der in den USA bereits eine längere Tradition besitzt. Äußerungen des politischen Gegners, etwa auf Wahlkampfveranstaltungen oder in Fernseh-Auftritten, werden mit dem Instrument des Rapid Response möglichst zeitnah in das Internet gestellt und durch so genannte Fakten widerlegt. Für Rapid Response ist ein digitales Medium wie das Internet notwendig. Erst dieses ermöglicht schnelles Reagieren auf den politischen Gegner. Traditionelle Massenmedien wie Zeitung, Radio und Fernsehen sind dazu nur bedingt geeignet. Das Internet besitzt ein technisches Potential, das Interaktivität sowie Aktualität und Kapazität bereitstellt. Zudem besitzt das Internet einen ausgeprägten Dokumentationscharakter, es bietet die Möglichkeit, alle negativen Aktionen des politischen Gegners in Text und Bild zu dokumentieren und zu kommentieren.


Einflussnahme auf den Adressaten

Letztlich dienen alle sprachlichen Handlungen der politischen Akteure dem Ziel die Einstellungsstrukturen der Adressaten in der beabsichtigten Weise zu beeinflussen. Es lassen sich Einstellungsveränderung, Einstellungspolarisierung und Einstellungsbestätigung unterscheiden.

Einstellungsveränderung

Die Einstellungsveränderung soll eine Veränderung der Einstellungen des Adressaten bewirken. Insbesondere in Texten mit informativ-persuasiver Funktion, also beispielsweise in Pressekommentaren oder in politischen Talkshows werden Wörter und Argumentationsmuster gebraucht, die dem Zweck der Einstellungsveränderung dienen.

Einstellungspolarisierung

Mit der Einstellungspolarisierung soll der eigene Standpunkt plakativ verdeutlicht werden und gegebenenfalls eine Reaktion auf Seiten des Adressaten hervorgerufen werden. Es handelt sich bei der Einstellungspolarisierung auch um die Herbeiführung eines Dissenses mit dem Ziel, die Diskussion in eine bestimmte Richtung zu lenken. Zwar ist nicht die Herbeiführung eines Dissenses, sondern die Erreichung eines Konsenses eine Grundvoraussetzung freiheitlicher Demokratie, doch aus strategischen Gründen kann die Dissensbetonung für die politischen Akteure sinnvoll sein. Einstellungspolarisierung und Dissensbetonung spielen unter den Bedingungen von Öffentlichkeit, Massenmedialität und Mehrfachadressierung eine wichtige Rolle.

Einstellungsbestätigung

Die Einstellungsbestätigung zielt darauf ab, bereits vorhandene Einstellungen beim Adressaten zu bekräftigen und gegebenenfalls auch zu verstärken. Sie kann vor allem in Texten mit integrativer Funktion wirksam werden, also etwa in Parteiprogrammen oder Gedenkreden. Aber auch Wahlreden auf Wahlkampfveranstaltungen müssen nicht unmittelbar der Wählerwerbung dienen (informativ-persuasive Funktion), sondern können vor allem der Mobilisierung der eigenen Anhänger dienen, deren Überzeugungen und Positionen noch einmal bekräftigt werden (integrative Funktion).



 

Publikationen zum Thema

Sprache

Sprache

Sprache ist allgegenwärtig – durch sie verleihen wir unseren Gedanken Ausdruck...

Sprache und Politik

Sprache und Politik

Wachstumsbe-
schleunigungs-
gesetz? Lohnzurück-
haltung?

Coverbild Literatur und Politik

Literatur und Politik

Verhängnisvoll – so charakterisiert Günther Rüther die spannungsreichen Beziehungen

WeiterZurück

Zum Shop