Obama

15.7.2010 | Von:
Thorsten Eitz

Das missglückte Wort

Der Ton macht die Musik - auch und gerade in der Politik. Allein die Wortwahl kann hier über Erfolg oder Niederlage entscheiden. Denn wenn der Ton nicht stimmt, wird oft nicht mehr über die Sache selbst diskutiert - sondern nur noch über deren Bezeichnung.

"Irgendwie suboptimal" sei die ganze Sache mit Hartz-IV kommuniziert worden, urteilte die FAS am 29.8.2004. Doch das H-Wort selbst sei nun nicht mehr so leicht aus der Welt schaffen"Irgendwie suboptimal" sei die ganze Sache mit Hartz-IV kommuniziert worden, urteilte die FAS am 29.8.2004. Doch das H-Wort selbst sei nun nicht mehr so leicht aus der Welt schaffen. (© AP)

Wie erfolgreich Politik ist und ob sie allgemein akzeptiert wird, hängt neben ihren Inhalten oft auch davon ab, wie sie bezeichnet wird. Die Benennung einer politischen Maßnahme, eines Programms, einer Idee kann entscheidenden Einfluss darauf haben, wie sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen und bewertet wird. Neben erfolgreichen und weithin anerkannten Wörtern wie Demokratie, Chancengleichheit oder soziale Marktwirtschaft und der jeweils damit verbundenen politischen Programmatik, gibt es immer wieder Beispiele für Wortprägungen in der Politik, die als "misslungen" oder "unangemessen" betrachtet werden.



Hartz-IV

So wurde zum Beispiel die umgangssprachliche Prägung Ein-Euro-Job für die "Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung" im Rahmen der Hartz-Reformen noch vergleichsweise harmlos als "irreführend" beanstandet. Schlimmer steht es um die Bezeichnung Hartz-IV selbst. Nicht erst seitdem die Verwicklung des Initiators der Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe, Peter Hartz, in den VW-Skandal öffentlich wurde, ist das Wort stark negativ belastet. Die Reform ist, so der Tenor der gegenwärtigen Debatte, "reformbedürftig". Hartz-IV wird von vielen als Schrecksgespenst, als Stigma, Brandmal der Ausgrenzung, technokratisch, kalt, verfluchter Begriff, "der größte Murks seit der deutschen Einheit" (der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer BERLINER MORGENPOST, 10.2.2010) angesehen. Bezieher von Arbeitslosengeld-II werden pauschal als faul und unmotiviert stigmatisiert. Nicht zufällig wurde der Ausdruck Hartzen in der Bedeutung "rumhängen" Jugendwort des Jahres 2009. Auch Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen erklärte im Februar 2010: "Der Begriff ist objektiv negativ besetzt. Alle verbinden damit: abhängen oder abgehängt" [Stern 25.2.2010]. Wegen dieser negativen Bewertung und weil er eine "differenzierte gesellschaftliche Debatte über die Langzeitarbeitslosigkeit" behindere, ist es ihr Ziel, dass "die Bezeichnung Hartz-IV allmählich aus dem Sprachgebrauch verschwindet".

Heuschrecken

Als nicht minder kritikwürdig erschien 2005 die vom damaligen SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering mit dem Satz "Manche Finanzinvestoren verschwenden keinen Gedanken an die Menschen, deren Arbeitsplätze sie vernichten. Sie bleiben anonym, haben kein Gesicht, fallen wie Heuschreckenschwärme über Unternehmen her, grasen sie ab und ziehen weiter" " [WELT AM SONNTAG, 17.4.2005] geprägte Metapher der Heuschrecken für global agierende Kapitalinvestoren, die weltweit Unternehmen aufkaufen, um sie unter hohen eigenen Gewinnen zu sanieren oder zu zerschlagen. Obwohl sich dieses eingängige Bild im öffentlichen Sprachgebrauch fest etabliert hat, wird der Ausdruck immer wieder in die Nähe von NS-Tiervergleichen – also etwa Judensau, Maden, Ungeziefer – gerückt. Eine ausführliche Auseinandersetzung hierzu hat der Sprachforscher Uwe Pörksen für das Nachrichtenmagazin Der Spiegel verfasst [zum Beitrag auf spiegel.de].

Herdprämie

Seit 2007 ist der "Kampfbegriff" Herdprämie [WELT AM SONNTAG, 3.6.2007] umstritten, der von der SPD in der Diskussion um das sogenannte Betreuungsgeld für Mütter, die ihre Kinder zu Hause erziehen, geprägt wurde. Neben Herdprämie etablierten sich weiterer diffamierende Kritikvokabeln wie Aufzuchtprämie [DIE WELT, 8.11.2007] und Karnickelprämie [ZEITmagazin, 2.8.2007] oder Gluckengehalt [TAZ, 1.11.2007], mit denen nicht nur die SPD, sondern auch Bündnis 90/Die Grünen und die Linkspartei das geplante Betreuungsgeld und das vermeintlich sich darin ausdrückende konservative Familienbild der Union attackierten. Der familienpolitische Sprecher der Unionsfraktion Singhammer sah in dem Ausdruck Herdprämie eine "intolerante Herabwürdigung eines millionenfach gewählten Lebensmodells" [STUTTGARTER NACHRICHTEN, 18.5.2007], Joachim Hermann (CSU) nannte ihn "einen absolut blödsinnigen Begriff" [ddp, 16.5.2007], der Augsburger Bischof Mixa bezeichnete ihn als "eine schlimme Diffamierung und Respektlosigkeit gegenüber Eltern" [ddp, 6.6.2007]. Anfang 2008 wurde der Ausdruck Herdprämie von Sprachwissenschaftlern mit der Begründung, dass das Wort Eltern, besonders aber Frauen herabsetze, zum Unwort des Jahres 2007 gewählt. Die Ausdrücke Herdprämie, Gluckengehalt und Karnickelprämie waren durch ihren bildhaften Charakter besonders geeignet, die familienpolitischen Vorstellungen der Union polemisch anzugreifen. Anders als etwa die allseits abgelehnte Bezeichnung Hartz-IV wurden sie von den Gegnern der Unionsposition nicht als missglückte Wörter betrachtet, sondern dienten durch die schlagwortartige plastische Komprimierung der eigenen Kritik der Mobilisierung der eigenen Anhänger.

Unwörter des Jahres

Unwort des Jahres 2007: Herdprämie. Foto: APUnwort des Jahres 2007: Herdprämie. (© AP)
Generell bietet die Liste der Unwörter des Jahres eine Vielzahl derartiger Bezeichnungen, die als "misslungen" gelten und häufig mit "menschenunwürdiger Attitüde" gebraucht werden. So wurde z.B. mit dem "belasteten" Ausdruck Überfremdung in der Asyldebatte Anfang der neunziger Jahre gegen eine liberalere Asylpolitik polemisiert, Umbau des Sozialstaates sollte 1996 einen tatsächlich geplanten Abbau des Sozialstaates sprachlich verdecken, Ich-AG und Humankapital verschleierten nach der Jahrtausendwende die Ökonomisierung des Menschen, mit freiwillige Ausreise wurde die euphemistische Behördenbezeichnung für abgelehnte Asylbewerber kritisiert. Immer wieder beanstandet wurden auch Ausdrücke des wirtschaftspolitischen Diskurses wie schlanke Produktion, Freisetzungen, biologischer Abbau, sozialverträglicher Stellenabbau, Flexibilisierung, Outsourcing, Belegschaftsaltlasten, überkapazitäre Mitarbeiter und Smartsourcing, die verschleiern sollten, dass damit Entlassungen gemeint waren [zur Webseite der Gesellschaft für deutsche Sprache].


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