Obama

15.10.2010 | Von:
Iris Forster

Political Correctness / Politische Korrektheit

PC im Konflikt mit Sprachregeln

Ein "politisch korrekter" Sprachgebrauch kann im Konflikt mit grundlegenden erstrebenswerten Sprachregeln wie den Regeln der Sprachökonomie, der Verständlichkeit oder der Korrektheit stehen. Tatsächlich fällt auf, dass die Ersatzausdrücke zumeist länger als die Ersetzung sind. Und durch die Auslassung prägnanter Formulierungen (an denen in der Regel die Diskriminierung festgemacht wird, so dass der entsprechende Sachverhalt entweder umschrieben oder ausgelassen wird) sind sie meist auch schwerer verständlich: Setzt man für behindertes Kind das besonderes Kind ein, bleibt der Ersatzausdruck so vage, dass für den Kommunikationszusammenhang wichtige Informationen fehlen können. Gerade die Vermeidung des generischen Maskulinums kann sich durch sperrige Sätze negativ auf die Verständlichkeit des Textes auswirken oder zu absurden Formulierungen führen ("tote Studierende" etwa funktioniert nicht, da man entweder tot sein oder studieren kann). Allerdings ist es bei in der Presse immer wieder zitierten grotesken Neubildungen wie vertikal herausgefordert als Ersatzwort für kleinwüchsig oder chemisch unpässlich für betrunken unwahrscheinlich, dass sie tatsächlich von PC-Befürwortern verwendet werden.

Unsicherheiten bei der Benennung von Personengruppen

teaserEin Straßenverkäufer in der Nähe von Berlin, 1996
Unsicherheiten gibt es vor allem bei einer Kommunikation mit und über bestimmte diskriminierte Personengruppen. Die Benennung Neger verbietet sich mittlerweile in der deutschen Sprache (vgl. dazu etwa den entsprechenden Eintrag im "Großen Wörterbuch der deutschen Sprache" des Duden-Verlages). Doch gilt dies für alle Kommunikationszusammenhänge? Wie ist es mit der Süßigkeit Negerkuss, die heutzutage in Schaum- oder Schokokuss umgewandelt wurde? Und ist es nötig, Buchtitel zu ändern, etwa Agatha Christies Kriminalroman "Zehn kleine Negerlein" (er basiert auf einem gleichlautenden Zählreim für Kinder) in "Und dann gabs keines mehr" (seit 2003; parallel dazu im Englischen "Ten Little Niggers"/"And Then There Were None")? Wie geht man damit um, dass Astrid Lindgren in ihren Kinderbüchern Pippi Langstrumpf als "Negerprinzessin" bezeichnet (und in ihrer Zeit damit sicherlich keine negativen Konnotationen verband)? Ein weiteres Beispiel ist der Ersatz des Ausdruckes Zigeuner durch Sinti und Roma. Eine Kritik an dieser Benennung bemängelt, dass andere Gruppen als Sinti und Roma, die aber mitgemeint sind, nun sprachlich verdeckt werden. Auf den Speisekarten der Restaurants indes bleibt das "Zigeunerschnitzel" erhalten, ebenso der "Zigeuner" in Texten der Volksmusik. Ein Kriterium für oder gegen bestimmte Vorschläge könnte die Frage sein, wie die entsprechenden Gruppen selbst benannt werden möchten. Und manchmal werden ursprünglich negative Bezeichnungen oder sogar Schimpfwörter zu positiven Selbstbenennungen umgewandelt: Dies geschah etwa bei den Homosexuellen (Schwule und Lesben) oder Prostituierten (Huren).

Sprache und Weltsicht

Es ist sicherlich richtig, dass der Sprachgebrauch des Menschen Aufschluss über seine Weltsicht gibt: Ob ich eine "Selbsttötung" als Freitod, Selbstmord oder Suizid bezeichne, kann meine Einstellung dazu verdeutlichen. Mit Ausdrücken wie Schwangerschaftsunterbrechung, Abtreibung, Embryomord (die sich ja auf denselben außersprachlichen Sachverhalt beziehen) werden unterschiedliche mentale Bilder hervorgerufen; bestimmte Bedeutungsmerkmale werden betont oder unterdrückt. So gab es etwa in der Bundesrepublik der 1970er Jahre eine Kontroverse darüber, ob die Terroristen um Andreas Baader und Ulrike Meinhof in den Medien korrekterweise als Baader-Meinhof-Gruppe oder als Baader-Meinhof-Bande zu bezeichnen seien. Deutlich wird: Welche Benennung als die eigentliche, "neutrale" anzusehen ist, hängt vom jeweiligen Sprachverwender ab, der von eigenen politischen und moralischen Grundsätzen beeinflusst ist.

So kann Sprache auch instrumentalisiert werden: Nicht nur diktatorische Staaten versuchen systematisch, die Meinungsbildung zu wichtigen Themen über die Verwendung bestimmter Benennungen bzw. das Verbot anderer Ausdrücke zu beeinflussen. Ob Sprachregelungen allerdings eine solch direkte Auswirkung auf Denkprozesse und Vorstellungswelten der Menschen haben, wie es George Orwell in seinem Roman "1984" beschreibt – dort übernehmen die Menschen mit den vorgeschriebenen Wörtern auch die vorgeschriebenen Inhalte – bleibt diskussionswürdig. Vorsicht ist allerdings immer dort geboten, wo gewisse Sprachnormen sich nicht aus einer Sprachgesellschaft heraus entwickeln, sondern von "höherer" Stelle, etwa einzelnen Organisationen, Verbänden oder Politikern, vorgegeben werden. Hier sollte hinterfragt werden, was einerseits durch die neue Sprachgestaltung betont und was andererseits ausgeblendet wird.

Fazit

Festzustellen bleibt: "Politisch korrekte" Sprache ist ein schwieriges Feld, es gibt viele Unsicherheiten und Fallstricke. Der Grat zwischen verantwortungsvollem Sprachgebrauch und unsinnigen, intoleranten Formulierungen ist schmal; gefragt ist hier die eigene Sprachkompetenz: Prinzipiell sollten wir unsere Sprachverwendung überprüfen und dort, wo wir mit Sprache Menschen verletzen können – denn, um den Kinderreim vom Anfang dieses Textes aufzugreifen: "Words" vermögen dies wohl tatsächlich – alternative Formen wählen. Dies ist aber immer vom Kommunikationszusammenhang abhängig, so dass ein generelles Verbot bestimmter Spracheinheiten und ein genereller, unbedingter und vorgeschriebener Gebrauch vieler Alternativen durch die oben aufgeführten Kritikpunkte ins Leere läuft.

Literaturhinweise

Sibylle Germann: Vom Greis zum Senior. Bezeichnungs- und Bedeutungswandel vor dem Hintergrund der "Political Correctness". Hildesheim, Zürich, New York: Georg Olms Verlag 2007.

Matthias Jung: Von der politischen Sprachkritik zur Political Correctness. In: Sprache und Literatur in Wissenschaft und Unterricht 78 (1996), S. 18-37.

Jörg Kilian: Pippi Langstrumpf als Negerprinzessin: Tabuwörter, Euphemismen und kritische Semantik im Deutschunterricht, in: Deutschunterricht 60, 2007, Heft 2, 15-19.

Caroline Mayer: Öffentlicher Sprachgebrauch und Political Correctness. Eine Analyse sprachreflexiver Argumente im politischen Wortstreit. Hamburg: Kovac 2002

Sabine Wierlemann: Political Correctness in den USA und in Deutschland. Berlin: Erich Schmidt Verlag 2002.


Publikationen zum Thema

Sprache

Sprache

Sprache ist allgegenwärtig – durch sie verleihen wir unseren Gedanken Ausdruck...

Sprache und Politik

Sprache und Politik

Wachstumsbe-
schleunigungs-
gesetz? Lohnzurück-
haltung?

Zum Shop