Obama

15.7.2010 | Von:
Thorsten Eitz

Belastete Wörter

Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung über den gesellschaftspolitischen Umgang mit der Immunschwächekrankheit Aids verwendeten Ende der achtziger Jahre die Befürworter rigoroser Zwangsmaßnahmen zur Eindämmung der Krankheit umstrittene NS-Vokabeln, um diese politische Programmatik zu legitimieren und durchzusetzen. Sie forderten z.B. eine staatliche Auslese, sprachen von absondern [DER SPIEGEL, 9.2.1987], von konzentrieren [DER SPIEGEL, 16.3.1987], von Entartungen, die ausgedünnt [DER SPIEGEL, 2.3.1987] werden müssten oder von Seuchenherden, die auszumerzen [STERN, 19.2.1987] seien. Kritiker dieser Politik befürchteten die Installation einer Aids-Gestapo [TAZ, 9.12.1988], ein Wiederaufleben des Begriffs lebensunwertes Leben und staatlicher Euthanasieprogramme [DIE ZEIT, 27.2.1987], eine Endlösung für AIDS-Betroffene [TAZ, 21.5.1987] und die Einrichtung von Aids-KZs [DER SPIEGEL, 25.5.1987].

Seit Ende der achtziger Jahre wurde in den Debatten über die Möglichkeiten der neuen Pränataldiagnostik bzw. Präimplantationsdiagnostik immer wieder die NS-Termini lebensunwertes Leben und Euthanasie verwendet, mit denen die Nationalsozialisten die Sterilisation und Tötung "geistig oder körperlich Minderwertiger" bezeichneten.

2002 soll die damalige Justizministerin Herta-Däubler-Gmelin US-Präsident George Bush mit Hitler verglichen haben und musste daraufhin ihr Amt aufgeben. Im selben Jahr sorgte auch der "Judenstern"-Vergleich des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch für Empörung: Koch kritisierte Ver.di-Bundeschef Frank Bsirske dafür, in der Debatte um die Vermögenssteuer Namen reicher Deutscher genannt zu haben. Dies sei eine neue Form "von Stern an der Brust", so Koch in einer Landtagsdebatte am 12. Dezember 2002 [TAZ, 13.12.2002]. Am 3. Oktober 2003 hielt der Bundestags-Abgeordnete Martin Hohmann in Neuhof bei Fulda eine Rede, die zum Skandal wurde, "(…) weil der Redner judenfeindliche Klischees bedient, weil er antisemitische Ressentiments, Vorurteile und Feindbilder in seiner Beweisführung genutzt hatte". (Benz, 2004, S. 156) In seiner Rede operierte Hohmann auch mit dem Begriff des "Tätervolks": "Nach der detaillierten Schilderung 'jüdischer' Menscheitsverbrechen durch die Erfindung und Durchsetzung des Bolschewismus, mit der 'die Juden' zum Tätervolk definiert werden könnten, erklärt Hohmann dann in einer rhetorischen Volte, wenn die Juden nicht als Täter wahrgenommen würden, dann seien die Deutschen auch nicht schuldig." (Benz, 2004, S. 158)

2005 kam es zu erregten Debatten, als Oskar Lafontaine am 14. Juni bei einer Kundgebung in Chemnitz von "Fremdarbeitern" sprach, 2007 sorgten die Aussage des Kölner Kardinals Joachim Meisner über eine "Kultur, die entartet" [TAGESSPIEGEL, 16.9.2007] und der Pseudo-Autobahn-Vergleich der ehemaligen Tagesschau-Sprecherin Eva Hermann [BERLINER MORGENPOST, 12.10.2007] für wochenlange öffentliche Debatten. Und 2009 brachte der Augsburger Bischof Mixa "die Zahl der Holocaust-Opfer mit den in Deutschland durchgeführten Abtreibungen in Verbindung" [RHEINISCHE POST, 3.3.2009].


Fazit

Wie dieser nur sehr kurze und notwendigerweise unvollständige Abriss zeigt, werden NS-Vokabular (oder nur als solche aufgefasste Wörter) und NS-Vergleiche schon seit langem in der politischen Auseinandersetzung verwendet. Die Zunahme dieser Sprachpraxis während der vergangenen Jahrzehnte, die geschichtliche Aufarbeitung des Nationalsozialismus und die allmähliche Entstehung eines gesellschaftspolitischen Konsenses über die Unvergleichbarkeit der NS-Verbrechen führte zugleich aber auch zur Entwicklung einer öffentlichen Kritik am instrumentalisierenden Gebrauch dieser als "unangemessen" betrachteten Vokabeln und zu einem eigenen Kritikwortschatz mit Ausdrücken wie unvergleichbar, belastete Wörter, relativieren, verharmlosen, bagatellisieren, verniedlichen und Verhöhnung der Opfer.

Inzwischen hat sich in der öffentlichen Kommunikation ein festes Handlungsschema etabliert: Nach dem – gewollten oder fahrlässigen – Tabubruch durch die Verwendung eines "belasteten" Wortes oder eines NS-Vergleichs wird dieser Gebrauch in den Medien als "unangebracht" kritisiert, da er den gesellschaftlichen Konsens über die Einzigartigkeit der NS-Verbrechen verletzt. Daraufhin folgt unweigerlich eine öffentliche Entschuldigung, das Eingeständnis eines Irrtums oder die Behauptung, man habe die Äußerung gar nicht getätigt, gar nicht vergleichen oder in Beziehung setzen wollen.

Hier zeigt sich – zum Teil bei den gleichen Sprechergruppen – das Auseinanderfallen von öffentlich vertretener Norm und tatsächlichem Sprachverhalten. Das Streitthema "Vergangenheitsbewältigung" wird im politischen Geschäft der "Bewältigung der Gegenwart" von allen Parteien und gesellschaftlich relevanten Gruppierungen ausgenutzt. Trotz der inzwischen ritualisierten, geradezu reflexhaft gewordenen öffentlichen Kritik erfreut sich die Benutzung von NS-Vokabular und NS-Vergleichen in der öffentlichen Kommunikation stetig wachsender Attraktivität. Diese immer noch zunehmende Inflationierung führt im Resultat aber nicht nur zu einer Relativierung der NS-Verbrechen, sondern auch dazu, dass sich dieser Sprachgebrauch allmählich "abnutzt". Je häufiger NS-Vokabular und NS-Vergleiche eingesetzt werden, desto alltäglicher erscheinen sie und desto weniger zuverlässig funktioniert ihr Einsatz als "Eyecatcher" und "Waffe" in der politischen Auseinandersetzung. Die gezielte sprachliche Normverletzung sichert nicht mehr automatisch die öffentliche Aufmerksamkeit. Ablesen lässt sich das unter anderem daran, dass inzwischen eine Vielzahl solcher sprachlichen "Entgleisungen" von den Medien nur noch vermeldet, jedoch nicht mehr kritisch kommentiert werden und dass neue Bildspendebereiche wie etwa die DDR oder die Stasi (z.B. Stasimethoden) auftauchen.

Literatur

Benz, Wolfgang: Was ist Antisemitismus? Bonn 2004 (Lizenzausgabe für die Budneszentrale für politische Bildung).


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