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Sprache und Sprachlenkung im Nationalsozialismus


15.10.2010
Das Ziel der Nationalsozialisten war die Kontrolle und vollständige Durchdringung der Gesellschaft zur Festigung ihrer totalitären Herrschaft. Doch wie nutzten sie dabei die Sprache als politisches Instrument?

1939: Besuch von Führern von Propagandakompanien der Wehrmacht oder Mitarbeitern der Amtsgruppe für Wehrmachtspropaganda in den Räumen des Scherl-Verlags in Berlin. Foto: Bundesarchiv1939: Besuch von Führern von Propagandakompanien der Wehrmacht oder Mitarbeitern der Amtsgruppe für Wehrmachtspropaganda in den Räumen des Scherl-Verlags in Berlin (© Bundesarchiv, Bild 183-2008-0507-505, Foto: o. Ang.)

In seiner programmatischen Schrift 'Mein Kampf' (zuerst in 2 Bänden 1925/26 erschienen) charakterisierte Hitler die Ideologie des Nationalsozialismus als - wie er sie nannte - Weltanschauung unmissverständlich: "Denn die Weltanschauung ist unduldsam und kann sich mit der Rolle einer 'Partei neben anderen' nicht begnügen, sondern fordert gebieterisch ihre eigene, ausschließliche und restlose Anerkennung sowie die vollkommene Umstellung des gesamten öffentlichen Lebens nach ihren Anschauungen."

Als eine der schärfsten Waffen im Kampf um "die restlose Erfassung aller Deutschen mittels der nationalsozialistischen Aufklärung und Lehre [d. h. der Propaganda] in der Partei und im Anhängerkreis ..." [1], sah er eine für alle verbindliche, einheitliche Parteisprache an. So wurde etwa nach dem Machtantritt der Nazis in Berlin ein Unterricht für Gymnasiasten eingerichtet, der neben der NS-Ideologie und den NS-Politikern vor allem die regierungsoffizielle Terminologie behandelte. [2] Dabei sollten parteiorganisatorische Bezeichnungen bekannt gemacht, und - als ideologisches Ziel - festgelegte Interpretationen, Definitionen und Wertungen in der öffentlichen Sprache und schließlich in der Allgemeinsprache überhaupt durchgesetzt werden. Das Ziel formulierte Goebbels nach der Errichtung des "Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda" (15.3.1933) vor der Presse kurz und bündig so: "Das Volk soll anfangen, einheitlich zu denken, einheitlich zu reagieren ..."[3]

Natürlich gab es in der Politik schon immer Versuche, mittels verzerrender Sprache, durch selektive, schönrednerische oder verhüllende Information die öffentliche Meinung zu manipulieren, öffentliche Kritik zu unterdrücken oder zu tabuisieren. Der NS-Staat aber brachte als totalitäres Regime sämtliche Informationsmedien unter seine Kontrolle - mit dem Ziel der totalen propagandistischen Durchdringung der Bevölkerung, wie es Hitler schon in 'Mein Kampf' gefordert hatte. Abgesehen von den meist von NS-Funktionären verfassten Wörterbüchern, die 1933 in großer Zahl herauskamen (zum Beispiel das 'Politisches ABC des neuen Reiches', 'Das ABC des Nationalsozialismus' oder das 'Taschenwörterbuch des Nationalsozialismus') wurden daher alle neu erscheinenden, aber auch bestehende Wörterbücher und Enzyklopädien den ideologischen Anforderungen des Dritten Reichs angepasst.

TeaserProgpaganda in Wien, 1938 (© AP)
Ein besonders prägnantes Beispiel ist die 8. Auflage von 'Meyers Lexikon' (1936-1942). In der 1976 erschienenen Verlagsgeschichte des Bibliographischen Instituts in Leipzig nennt Heinz Sarkowski diese Enzyklopädie ausdrücklich das "parteiamtliche Lexikon". Anfangs wurden dessen Artikel von der Parteiamtlichen Prüfungskommission (PPK) nur zensiert, später lieferte die PPK selbst zu bestimmten Stichwörtern vollständige Artikel, an denen nichts geändert werden durfte. "Aber nicht selten änderte sie [d. h. die PPK] auch ihre Meinung. So mussten einige Male in gebundenen Büchern noch nachträglich einzelne Blätter ausgewechselt werden."[4]

Ein anderes Beispiel: Vergleicht man die Duden-Auflagen vor 1933 mit den Auflagen von 1934 und 1941, so zeigt sich eine markant zunehmende Anzahl neu aufgenommener NS-Vokabeln. In der 11. Auflage von 1934 waren es 180 (wie z. B. Arbeitsfront, Arbeitslager, aufnorden, Deutscher Gruß, Deutsches Jungvolk) und in der 12. Auflage von 1941 bereits 883. Viele neue Einträge (wie etwa Rassenschande, Vierteljude, Volljude, Volksgenosse, Volksschädling) wurden bereits in der 1. Nachkriegsauflage von 1948 wieder getilgt. Andere Wörter wie vollelterig oder deutschvölkisch verschwanden erst in der 14. Auflage von 1957, Volksfremd und auswuchern (durch Wucher ausbeuten) erst in der 15. Auflage im Jahr 1961.

Welche Bedeutung die Nationalsozialisten der Beeinflussung durch die NS-konforme Terminologie beimaßen, erhellt die Tatsache, dass Goebbels auch in den besetzten Gebieten das NS-Vokabular mit Hilfe von Wörterbüchern verbreiten wollte. Am 12. Februar 1942 schrieb er in sein Tagebuch: "Ich veranlasse ... Wörterbücher für die besetzten Gebiete, die ... vor allem eine Terminologie pflegen, die unserem modernen Staatsdenken entspricht. Es werden dort vor allem Ausdrücke übersetzt, die aus unserer politischen Dogmatik stammen. Das ist eine indirekte Propaganda, von der ich mir auf die Dauer einiges verspreche."[5]

Im Jahr 1933 besaßen die Nazis die direkte Kontrolle über 121 von insgesamt ca. 4.700 Zeitungen, 1934 waren es 434 von nur noch 1.402 Zeitungen. 3.298 Zeitungen waren innerhalb nur eines Jahres verschwunden, verboten, abgewickelt oder in vorauseilender Selbstzensur aufgelöst worden.

Zur Vereinheitlichung der Nachrichtengebung, zur inhaltlichen Kontrolle, aber auch zur Normierung der Nachrichtenformulierung in den verbliebenen Zeitungen gab es die "Anweisungen der Pressekonferenz der Reichsregierung des Dritten Reichs". [6] Diese wurden auf der täglich stattfindenden Pressekonferenz in Berlin von den Korrespondenten mitgeschrieben und an die Heimatredaktionen weitergegeben. Zeitungen ohne eigenen Korrespondenten erhielten das offizielle Protokoll über die Gaupropagandaämter. Goebbels persönlich überwachte das Deutsche Nachrichtenbüro (DNB), das als einzige Agentur von Bedeutung übriggeblieben war. Obwohl häufig in verbindlichem Ton formuliert, mussten die Presseanweisungen, auch die über die Einführung oder Zurückziehung von Schlagwörtern und Parolen, über den Gebrauch oder Nichtgebrauch von Ausdrücken, streng beachtet werden. Andernfalls machte sich der verantwortliche Journalist strafbar, und die betreffende Zeitung konnte wegen Landesverrats für einen Tag, eine Woche oder länger, oder auch ganz verboten werden.


Fußnoten

1.
"Schlussrede vom "Reichsparteitag der Freiheit", 1935 . In: Die Reden Hitlers am Parteitag der Freiheit 1935. München o. J., S. 15/16.
2.
"Vgl. C. Müller: Politik u. Kommunikation, München 1975, S. 37.
3.
"W. Ranke: Propaganda. In: Enzyklopädie d. Nationalsozialismus. Hg. W. Benz u. a., München, 2. Aufl. 1998, S. 42.
4.
"H. Sarkowski: Das Bibliographische Institut. Verlagsgeschichte u. Bibliographie 1826-1976, München u. a., 1976, S. 156 ff.
5.
"E. Fröhlich, Hg.: Die Tagebücher v. Joseph Goebbels. Teil II. Bd. 3. München 1994, S. 292.
6.
"NS-Presseanweisungen d. Vorkriegszeit. Edition u. Dokumentation. Hg. Hans Bohrmann. Bearb. G. Toepser-Ziegert 1933-1937, K. Peter 1937-1939, Register C. Bartels. Vorwort E. Sänger, München 1984-2001.

 

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