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15.10.2010 | Von:
Birgit Wolf-Bleiß

Sprache und Sprachgebrauch in der DDR

Blaue Fliesen als sozialistische Errungenschaft der Planwirtschaft

    3.2 Der nicht-offizielle, meist nur mündlich wiedergegebene Wortschatz
Parallel zum offiziellen Sprachgebrauch bildete sich als Gegenpart eine nicht-offizielle Sprache heraus, aus der in Folge der politischen Ereignisse ein wahrhaft oppositioneller Diskurs in vielfältigen Erscheinungsformen entstand. Die Herausbildung einer "anderen" Sprache in der DDR ist darauf zurückzuführen, dass vor allem in den letzten Jahren die Kluft zwischen der gesellschaftlichen Realität und deren Versprachlichung in der offiziellen und institutionellen Kommunikation immer größer wurde. Aus der Ablehnung dieser sprachlichen Darstellung der Realität, die von der Bevölkerung des Landes ganz anderes erfahren wurde, und aus sich in diesem Zusammenhang herausbildenden 'sprachlichen Selbstverteidigungsmechanismen', entstand der Gegenpol zum offiziell propagierten Sprachgebrauch. Die DDR-Bevölkerung entwickelte ihren eigenen kritischen, witzig-sarkastischen Alltagswortschatz, durch den sie sich, mehr oder weniger bewusst, vom offiziellen Sprachgebrauch abgrenzen konnte. Der eigene Sprecherstandpunkt und Wertungen wurden durch die Wahl bestimmter sprachlicher Mittel ausgedrückt, die sich wie folgt beschreiben lassen:
  1. Neue Lexeme bzw. neue Bedeutungen, besonders in Tabubereichen, die Benennungslücken schlossen. Dazu gehören u. a. Lexeme wie blaue Fliesen, Mumienexpress, falten gehen oder Tal der Ahnungslosen. Es gab aber auch Lexeme, die ihren Ursprung im nicht offiziellen Sprachgebrauch hatten und über die Verbreitung der Medien Eingang in die offizielle Sprache fanden, wie Babyjahr oder endversorgt.
  2. Parallelbenennungen zu bestimmten (offiziell propagierten) Benennungen, z. B. Mauer statt antifaschistischer Schutzwall, Rotlichtbestrahlung statt Parteiversammlung, umrubeln statt Geld umtauschen, rabotten statt arbeiten.
  3. Von der Bevölkerung geprägte Benennungen, die vorwiegend mündlich wiedergegeben wurden, z. B. die vielen Synonyme für das Ministerium für Staatssicherheit (langer Arm, Firma, Stasi, Horch und Guck ...) oder für den Trabant (Trabbi, Rennpappe, Asphaltblase, Karton de Blamage, Leukoplastbomber ...) oder Wörter wie Arbeiter- und Bauernschließfächer, Wohnklo mit Kochnische, Erichs Krönung und Kaderwelsch. Alle diese Wörter waren treffend, witzig und zeugten vom unerschöpflichen sprachlichen Einfallsreichtum der DDR-Bürger.


Juni 1990: Kaufhalle in GubenJuni 1990: Kaufhalle in Guben (© REGIERUNGonline/Lehnartz)

4. DDR-Wortschatz – nur noch Geschichte?



Zwanzig Jahre nach der deutschen Einheit stellt sich die Frage, ob überhaupt etwas blieb von diesem speziellen Sprachgebrauch. Der DDR-Wortschatz unterliegt, genauso wie der übrige deutsche Wortschatz, einem Archaisierungsprozess, der ausgelöst wird durch die Verringerung des kommunikativen Bedarfs. Lexeme mit hoher Gebrauchsfrequenz für das Kommunikationsgebiet DDR (Thälmannpionier, Nomenklaturkader, LPG, Straße der Besten, Delikat, Intershop) werden zu Archaismen da sie nicht mehr der Gebrauchsnorm entsprechen oder ihre Denotate weggefallen sind; dies betrifft besonders den ideologisch-philosophischen, den gesellschaftlich-politischen oder den politisch-ökonomischen Bereich. Bei diesen Lexemen ist der Prozess des Veraltens besonders schnell fortgeschritten, sie gelten schon jetzt als veraltet und werden wahrscheinlich bald ganz aus dem Sprachgebrauch verschwinden. Bei Parallelbenennungen für die (fast) gleichen Denotate, wie Kollektiv vs. Team, Plaste vs. Plastik, Dreiraumwohnung vs. 3-Zimmer-Wohnung, erschließt sich die vorhandene konnotative Bedeutung der genannten Lexempaare oft nur noch über ein bestimmtes soziokulturelles Hintergrundwissen, denn das umfasst erst die kommunikativen Rahmenbedingungen eines Lexems. Das Vorhandensein dieses Wissens kann einerseits "die Ausprägung von Konnotationen bedingen ..., andererseits [können] Konnotationen auf soziokulturelles Hintergrundwissen verweisen." [12]

Der übrige durch die Alltagskommunikation beeinflusste DDR-Wortschatz bleibt solange im kommunikativen Gebrauch, solange noch eine Generation vorhanden ist, die diesen DDR-spezifischen Wortschatz kennt, versteht, auch (aktiv) benutzt; man spricht hier vom veraltenden Wortschatz. Der Archaisierungsprozess geht langsam vor sich, einige Lexik überlebt und wird in den gesamtdeutschen Wortschatz aufgenommen (Grüner Pfeil) oder von einem Teil der Sprachteilnehmer weiterhin benutzt (Kaufhalle, Plast(e), Polylux). Natürlich erkennt man einen Ostdeutschen daran, dass er in der Kaufhalle statt dem Supermarkt einkauft und dort eine Plast(e)tüte und keine Plastiktüte verlangt. Man sollte ihn oder sie deshalb nicht in die Schublade 'ehemaliger DDR-Bürger' einordnen. Diskriminierung erfolgt auch manchmal über das Wort. Aber: " ... Hinter dem Wort steht das 'Ich', der Mensch. Erst wenn der Mensch geht, geht auch das Wort – oder anders gewendet: Greift man die Worte an, dann bleibt das nur scheinbar oberflächlich, es verletzt!" [13]

In einer demokratischen Gesellschaft sollte das nicht vorkommen, denn eine Sprache lebt durch ihre Sprecher, die reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist und die sich nichts vorschreiben oder von irgendjemandem zwangsweise verordnen lassen. Solche Indoktrinationen waren schon immer zum Scheitern verurteilt, wie man an der Herausbildung einer nicht offiziellen Sprache in der DDR gut zeigen kann. Man kannte zwar die offiziellen Verlautbarungen, konnte aber zwischen offiziell und nichtoffiziell switchen. Das nicht offizielle Wort für einen vom DDR-System hundertprozentig überzeugten Bürger war rote Socke, der Interzonenzug hieß Mumienexpress und seinen Ehrendienst ableisten hieß schlicht bei der Fahne sein. Welche sprachliche Kreativität steckt hinter der Prägung des Wortes Bück- oder Bück-dich-Ware und wem war es kein innerer Parteitag, wenn man Partei- und Staatsführung wieder mal, wenn auch nur mit sprachlichen Mitteln, ausgetrickst hatte. Mögen ehemalige DDR-Bürger etwas von ihrer sprachlichen Kreativität in die neue Realität einbringen und nicht nur einfach rübergemacht sein.

Fußnoten

12.
Hartung 1995, 78
13.
Solms 2001, 36f.

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