Blick auf den Erdball vom Weltall aus. Im Zentrum des Betrachters ist die nördliche Halbkugel zu sehen. Sie ist kaum von Wolken bedeckt. Im Westen liegt der amerikanisch Kontinent, im Osten liegt Europa. Dazwischen leuchtet blau der Ozean Atlantik.

19.8.2019

Vor 80 Jahren: Hitler-Stalin-Pakt

Der Nichtangriffspakt, den das Deutsche Reich und die Sowjetunion Ende August 1939 schlossen, spielte eine große Rolle für den Beginn des Zweiten Weltkrieges: Er ebnete den Weg zum deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939.

An einem Schreibtisch mit Federhaltern, Stempeln, Papieren und Telefonen sitzt der Außenminister der Sowjetunion, Wjatscheslaw Molotow, und blickt auf ein Papier, dahinter stehen vier Männer, darunter Hitlers Außenminister Joachim von Ribbentrop and Josef Stalin.Der sowjetische Außenminister Wjatscheslaw Molotow (sitzend, rechts) unterschreibt am 23. August 1939 in Moskau den Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakt. Hitlers Außenminister Joachim von Ribbentrop und Josef Stalin stehen hinter ihm. (© MCT)

In der Nacht vom 23. auf den 24. August 1939 unterzeichneten die Außenminister des Deutschen Reiches und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) einen Vertrag, der weitreichende Folgen für ganz Europa haben sollte. Außenminister Joachim von Ribbentrop und Stalins Außenkommissar Wjatscheslaw Molotow vereinbarten darin gegenseitig Neutralität, sollte einer der Vertragspartner in kriegerische Auseinandersetzungen geraten. Eine der Besonderheiten des Vertrags war, dass er beide Seiten auch dann zu Neutralität verpflichtete, sollte die Aggression von den Unterzeichnerstaaten ausgehen.

Vor allem aber sah ein geheimes Zusatzprotokoll des Vertrages die Aufteilung des Baltikums und Polens in eine russische und eine deutsche Interessensphäre vor. Eine Entscheidung darüber, ob es in Zukunft überhaupt noch einen polnischen Staat geben sollte, vertagte die Vereinbarung. Mit Abschluss des Vertrages, der als Hitler-Stalin-Pakt in die Geschichte einging, wurden die Rahmenbedingungen geschaffen für den deutschen Angriff auf Polen am 1. September 1939.

Die deutsche "Lebensraum"-Politik

Ziel der nationalsozialistischen Außenpolitik war es, neuen "Lebensraum für das deutsche Volk" zu gewinnen, die "Weltherrschaft der arischen Rasse" zu sichern und die "jüdisch-bolschewistische Gefahr" einzudämmen - auch mit Hilfe eines Krieges. Um eine weitere Eskalation zu vermeiden, verfolgten die Westmächte Deutschland gegenüber lange eine Beschwichtigungspolitik - selbst nach der Besetzung des entmilitarisierten Rheinlandes 1937, dem "Anschluss" Österreichs, des Sudetenlandes 1938 und der "Zerschlagung" der Tschechoslowakei im März 1939. Erst als Deutschland nun auch Polen immer deutlicher bedrohte, erklärten Großbritannien und Frankreich am 31. März 1939, dass sie die Unabhängigkeit Polens unter allen Umständen verteidigen würden. Dennoch kündigte Hitler im April 1939 den deutsch-polnischen Nichtangriffspakt von 1934 auf.

Änderung der sowjetischen Außenpolitik

England und Frankreich begannen nun auszuloten, ob ein Pakt mit der Sowjetunion gegen Hitler möglich sei. Doch die Verhandlungen zur Schaffung einer "Großen Allianz" gegen Hitler scheiterten, unter anderem weil Stalin auf ein Durchmarschrecht für die Sowjetunion durch Polen bestand und die polnische Regierung eine Besetzung durch die Rote Armee fürchtete. Als Molotow dann Maxim Litwinow als Außenkommissar der Sowjetunion ersetzte, schwenkte die sowjetische Außenpolitik endgültig um: Litwinow hatte noch eine an den Westmächten orientierte Außenpolitik vertreten. Molotow aber ging nun auf Ribbentrops Vorschlag ein und bot Berlin am 17. August 1939 einen gemeinsamen Pakt an.

Die Unterzeichnung des Abkommens am 23. August ermöglichte Hitler den Überfall auf Polen am 1. September, ohne der Gefahr ausgesetzt zu sein, durch ein sowjetisches Eingreifen in einen Zweifrontenkrieg zu geraten. Bereits am 17. September ließ Stalin Ostpolen durch die Rote Armee besetzen. Zehn Tage später musste Polen kapitulieren.

Am 28. September schlossen die beiden Invasoren den "Deutsch-Sowjetischen Freundschafts- und Grenzvertrag", der den Hitler-Stalin-Pakt komplettierte, indem er die Interessensphären endgültig aufteilte: Darin war geplant, dass Westpolen inklusive Lublin und Warschau an das Deutsche Reich gehen würden, der Rest Polens sowie Finnland, Estland, Lettland, Litauen und das heutige Rumänien an die Sowjetunion. Damit setzten sich Berlin und Moskau über das Selbstbestimmungsrecht von fünf souveränen Nationalstaaten hinweg.

1941: Krieg gegen die Sowjetunion

Für Hitler-Deutschland war der Pakt nur ein temporärer, eher taktischer Schachzug auf dem Weg zum Weltkrieg. Der Sowjetunion ermöglichte dieser Vertrag die Ausdehnung nach Westen. Der deutsche Angriff auf die UdSSR am 22. Juni 1941 beendete das deutsch-sowjetische Arrangement.

Die Nachricht über den Abschluss des Vertrages überraschte nicht nur die deutsche, auch die internationale Öffentlichkeit. Der Pakt sah nicht nur die Vereinbarung über gegenseitige Neutralität vor, sondern auch eine Intensivierung der kulturellen und der Handelsbeziehungen - zwischen zwei Mächten, die sich auch ideologisch konfrontativ gegenüber standen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das geheime Zusatzprotokoll des Hitler-Stalin-Paktes bekannt. In den Staaten des Warschauer Paktes wurde die Existenz der Vereinbarung bis 1989 bestritten. Dokumente, die seine Echtheit bewiesen, wurden als westliche Propaganda und Fälschung bezeichnet.

Mehr zum Thema:



Dossier Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Der Weg in den Krieg

Die westlichen Nationen deuteten die aggressive Außenpolitik Hitlers lange nur als Auflehnung gegen den Versailler Vertrag. Man baute auf "appeasement". So konnten die Nationalsozialisten die Jahre bis 1938 nutzen und den nächsten Krieg vorbereiten.

Mehr lesen

Dossier Deutsch-polnische Beziehungen

Deutschland und Polen

In den ersten zwei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg gab es keine offiziellen Kontakte zwischen der Bundesrepublik und Polen. Die Erblast der kurz zurückliegenden NS-Herrschaft in Europa und das aktuelle politische Konfliktpotenzial schienen lange Zeit als unüberwindliche Hindernisse für eine Annäherung.

Mehr lesen

Russland-Analysen (2014)

Analyse: Vom "Vaterländischen Krieg 1812" zum "Großen Vaterländischen Krieg 1941–1945"

Die Geschichtspolitik der Russländischen Föderation weist eine Konstante und etliche Variablen auf: Fest steht allein der "Sieg über den Faschismus" im "Großen Vaterländischen Krieg 1941–1945" als Gründungsmythos des 1992 als Zerfallsprodukt der UdSSR entstandenen Konglomeratstaats. Weiterhin unklar hingegen ist, ob erinnerungskulturell künftig "Stalin" oder der "Entstalinisierung" der Vorzug gegeben werden soll.

Mehr lesen

APuZ 2012

Die Debatte um "Das Amt und die Vergangenheit"

Wie wenige andere historische Bücher in den vergangenen Jahren sorgte jenes zur Vergangenheit des Auswärtigen Amtes für Aufsehen. Die Debatte war vor allem dadurch geprägt, dass wissenschaftliche und politische Argumente sich mischten.

Mehr lesen

Dossier Russland

Revolutionäre Neuordnung und Stalin-Diktatur

In den Jahren nach der Revolution übernahm Josef Stalin die Macht. Mehrere Millionen Menschen fielen seiner Diktatur zum Opfer. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg begleiteten Repressionen und "Säuberungskampagnen" die Herrschaft Stalins.

Mehr lesen

Hintergrund aktuell

Vor 30 Jahren: Menschenkette "Baltischer Weg"

Mit einer Menschenkette durch die damaligen Sowjetrepubliken Estland, Lettland und Litauen haben am 23. August 1989 hunderttausende Balten für ihre Unabhängigkeit demonstriert. Damit erinnerten sie an den Hitler-Stalin-Pakt, in dessen Folge die drei Staaten 50 Jahre zuvor von der Sowjetunion annektiert wurden.

Mehr lesen