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Frauen auf dem Arbeitsmarkt der EU

Redaktion

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In allen EU-Staaten bestehen auf dem Arbeitsmarkt noch immer große Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Frauen arbeiten im Durchschnitt weniger als Männer, werden schlechter bezahlt und gelangen seltener in Spitzenpositionen.

Zum Internationalen Weltfrauentag protestieren Frauen weltweit in vielen Städten - so wie hier am 2014 in Berlin - für die Gleichstellung der Frau. (© dpa)

Frauen in der Europäischen Union (EU28) verdienten im Jahr 2015 im Durchschnitt immer noch 16,3 Prozent weniger als Männer. Dieser so genannte Gender Pay Gap beschreibt den relativen Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern. Um diesen zu berechnen, werden die durchschnittlichen Löhne von Frauen unabhängig von Branche, Position oder Arbeitsvertrag mit denen von Männern verglichen. Man spricht deshalb auch vom "unbereinigten" Gender Pay Gap. In den einzelnen Mitgliedsstaaten der EU fällt der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern noch sehr verschieden aus. In Italien und Luxemburg betrug er 2015 nur jeweils 5,5 Prozent. Damit belegen die beiden Länder in puncto Lohngerechtigkeit den Spitzenplatz in der EU. Am schlechtesten schneiden Estland, die Tschechische Republik, Deutschland und Österreich mit Werten zwischen 21,7 und 26,9 Prozent ab.

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit?

In Deutschland betrug der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern im Jahr 2015 nach der Externer Link: Statistik von Eurostat etwa 22 Prozent. Seit 2002 ist dieser Wert nahezu konstant geblieben. In Ost- und Westdeutschland fällt der Gender Pay Gap jedoch zudem sehr unterschiedlich aus: In den westdeutschen Bundesländern lag der Lohnunterschied 2015 bei 23 Prozent, in den ostdeutschen Bundesländern bei durchschnittlich 8 Prozent. Um auf den Missstand der Lohnungleichheit hinzuweisen, findet in Deutschland am 18. März 2017 der Aktionstag Externer Link: Equal Pay Day statt. Das Datum des Aktionstages errechnet sich jedes Jahr aus dem aktuellen Gender Pay Gap: Wird der Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern in Tage umgerechnet, müssten Frauen noch bis zum 18. März arbeiten – also 77 Tage länger als Männer –, um auf den gleichen durchschnittlichen Vorjahreslohn zu kommen.

Gründe für Lohnungleichheit zwischen Frauen und Männern

Die Erklärungen für den Gender Pay Gap sind vielschichtig. Ein wichtiger Grund ist die Segregation (Trennung) des Arbeitsmarktes. So arbeiten Frauen häufiger als Männer in niedrig entlohnten Branchen und Berufen. Dazu gehört vielfach der Gesundheitssektor, in dem EU-weit bis zu 80 Prozent der Beschäftigten weiblich sind. Hinzu kommt, dass immer noch mehr Frauen als Männer während der Familiengründung für längere Zeit in ihrem Beruf pausieren. Innerhalb der EU arbeiten rund 66 Prozent der Mütter von Kleinkindern, auf Seite der Väter sind dagegen 89 Prozent berufstätig. Längere Erwerbspausen, vor allem aber auch die Teilzeitarbeit, in der viele nach ihrer Elternzeit beschäftigt sind, können einen Karriere- und Gehaltsknick nach sich ziehen.

Erwerbstätigkeit von Frauen und Männern im Vergleich

2015 waren in der EU 64,3 Prozent der Frauen zwischen 20 und 64 Jahren erwerbstätig im Vergleich zu 75,9 Prozent der Männer. In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben sich die Erwerbstätigkeitsquoten von Frauen und Männern jedoch langsam angenähert: Während der Abstand 1997 noch beinahe 20 Prozentpunkte betrug, hat er sich bis 2015 auf 11,6 Prozentpunkte verringert. Deutschland liegt im europäischen Vergleich bei der Zahl erwerbtätiger Frauen deutlich über dem Durchschnitt: 2015 arbeiteten in Deutschland 73,6 Prozent der Frauen, nur in Schweden lag die Quote mit 78,3 Prozent noch höher.

Teilzeitarbeit

Im Vergleich zu den meisten anderen EU-Staaten arbeiten Frauen in Deutschland allerdings auch häufiger in Teilzeitarbeitsverhältnissen: 2015 waren hier etwa 46,6 Prozent der erwerbstätigen Frauen in Teilzeit beschäftigt – nur in Österreich (46,8 Prozent) und den Niederlanden (76,9 Prozent) waren es noch mehr. Im Vergleich dazu: Von den erwerbstätigen Männern in Deutschland arbeiteten 2015 nur 9,3 Prozent in Teilzeit. Der Anteil der Frauen in Teilzeit ist damit etwa fünf Mal so hoch.

Ein Blick auf die EU-Staaten insgesamt zeigt, dass Teilzeitarbeit in den letzten zehn Jahren sowohl bei Frauen als auch bei Männern leicht zugenommen hat. Frauen sind aber in Teilzeitarbeitsverhältnissen noch immer deutlich überrepräsentiert: 2015 hatten EU-weit 32,1 Prozent der erwerbstätigen Frauen Teilzeitstellen; bei den Männern waren es 8,9 Prozent.

Auch aufgrund der vielen Teilzeitarbeitsverhältnisse arbeiteten Frauen in der EU im Jahr 2015 jede Woche im Schnitt sechs Stunden weniger als Männer. Zählt man allerdings die unbezahlten Arbeitsstunden hinzu, die für Arbeiten wie Haushalt, Kinderbetreuung und Pflege von Familienangehörigen oder Freiwilligenarbeit anfallen, ändert sich das Bild: Frauen arbeiteten im Jahr 2015 durchschnittlich 22 Stunden die Woche unbezahlt, Männer hingegen nur 10. Bezahlte und unbezahlte Arbeitszeiten addiert, arbeiten Frauen jede Woche 55 Stunden, Männer im Schnitt 49 Stunden.

Auch wenn heute mehr Frauen erwerbstätig sind als früher, zeigt diese Statistik, dass Frauen noch immer den Großteil der Aufgaben übernehmen, die im privaten Umfeld zu Hause und in der Familie anfallen.

Frauen in wirtschaftlichen Führungspositionen

Die geschlechterspezifische Segregation auf dem Arbeitsmarkt schlägt sich auch in den Spitzenpositionen nieder. Ende 2016 lag der durchschnittliche Anteil von Frauen in den höchsten Entscheidungsgremien der größten börsennotierten Unternehmen der EU bei 24 Prozent. Gemessen am Jahr 2010, als ihr Anteil noch bei 12 Prozent lag, zeigt sich eine langsame Entwicklung. Allerdings liegt der Frauenanteil in allen Mitgliedsstaaten der EU weit unterhalb des Männeranteils, dieser lag Ende 2016 bei 76 Prozent – in den Chefetagen der großen Wirtschaftsunternehmen dominieren also noch immer Männer.

Deutschland liegt im EU-Vergleich im vorderen Mittelfeld. Ende 2016 betrug der Frauenanteil in den höchsten Entscheidungsgremien der DAX-Unternehmen 30 Prozent. Frankreich belegt mit 41 Prozent den Spitzenplatz, darauf folgen Schweden mit 37 Prozent und Italien mit 32 Prozent.

Bei den absoluten Spitzenpositionen in der europäischen Wirtschaft zeigt sich ein ganz anderes Bild: Nur 6 Prozent aller Vorstandsvorsitzenden der größten Unternehmen der EU sind weiblich. Anders als in den Verwaltungs- und Aufsichtsräten gab es hier in den letzten Jahren nur einen minimalen Fortschritt. Die "gläserne Decke" zu den Spitzenpositionen ist für Frauen nach wie vor kaum zu überwinden.

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