Erde

Beginn des Afghanistan-Krieges vor 15 Jahren

05.10.2016

Als Reaktion auf die 9/11-Terroranschläge griffen die USA gemeinsam mit ihren Verbündeten Afghanistan am 7. Oktober 2001 an. Der militärische Konflikt mit den islamistischen Taliban dauert bis heute an.

US-Marines am 10. Dezember 2001 in der Nähe von Kandahar, Afghanistan.US-Marines am 10. Dezember 2001 in der Nähe von Kandahar, Afghanistan. (© picture-alliance/dpa)

Unmittelbar nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 in den USA, bei denen mehr als 3.000 Menschen starben, begann der Afghanistan-Krieg. Der Auslöser: Die islamistische Taliban-Regierung Afghanistans unterstützte die für die Anschläge verantwortliche Terrorgruppe al-Qaida. Das Militärbündnis NATO antwortete am 7. Oktober 2001 mit einer von den USA angeführten Offensive gegen die Taliban.

Nach der Eroberung der Hauptstadt Kabul am 13. November 2001 gelang es US-amerikanischen Bodentruppen unter Mithilfe britischer Soldaten mit den Milizen der Nordallianz (die sich aus ehemaligen Mujahedin rekrutierten), die Taliban in weiten Landesteilen zurückzudrängen. Mit der UN-Resolution 1386 wurde im Dezember 2001 die internationale Schutztruppe (ISAF) geschaffen, an der auch die Deutsche Bundeswehr beteiligt war. Dabei handelte es sich um eine Sicherheits- und Wiederaufbaumission unter Führung der NATO. 2002 wurde unter Hamid Karzai eine Übergangsregierung etabliert, im Oktober 2004 führte Afghanistan Präsidentschaftswahlen durch, bei denen er zum Präsidenten gewählt wurde.

Obwohl es ab September 2008 mehrere Truppenverstärkungen gab, gelang es den USA und ihren Verbündeten nicht, die Taliban zu besiegen und das Land zu befrieden. US-Präsident Barack Obama plante 2009, alle US-Truppen bis 2011 aus Afghanistan abzuziehen. Tatsächlich endete die dreizehnjährige Kampfmission der NATO erst im Dezember 2014.

Im Zuge der Nachfolgemission "Resolute Support" sind bis heute etwa 12.000 Soldaten und Soldatinnen von NATO-Staaten in Afghanistan stationiert. Die Bundeswehr stellt derzeit etwa 980 Soldatinnen und Soldaten, in Masar-i-Scharif und der Nähe von Kundus. Ihre vorrangige Aufgabe ist die Beratung und Ausbildung von afghanischen Sicherheitskräften. Die Sicherheitslage hat sich trotz militärischer Unterstützung und finanzieller Hilfe massiv verschlechtert. Die politische Führung unter Präsident Aschraf Ghani ist zerstritten, wirtschaftliche und gesellschaftliche Probleme belasten das Land schwer.

Die Taliban gehören weiterhin zur stärksten Kraft unter den radikal-islamistischen Aufständischen. Im September 2015 nahmen sie zeitweise die nördlich gelegene Stadt Kundus ein. Mitte des Jahres waren die Taliban wieder auf dem Vormarsch und aktuell ist Kundus wieder hart umkämpft. Allein im ersten Halbjahr 2016 wurden nach Angaben der Vereinten Nationen aufgrund des militärischen Konfliktes 1.601 Menschen aus der Zivilbevölkerung getötet und 3.565 verletzt. Die UN erhebt diese Zahlen seit 2009. Seitdem sind 22.941 getötet und 40.993 verletzt worden. Zudem befinden sich laut Amnesty International derzeit 1,2 Binnenflüchtlinge in Afghanistan.

Unterschiedliche Schätzungen

Zivile Todesopfer im Afghanistankrieg

Während die Zahl der gefallenen ISAF-Soldaten relativ genau bekannt ist, gibt es zu zivilen Opfern im Afghanistankrieg nur Schätzungen.

Seit 2009 erhebt die UN-Mission für Afghanistan (United Nations Assistance Mission in Afghanistan, UNAMA) systematisch Zahlen zu zivilen Opfern des Krieges. Danach starben allein zwischen 2009 und Mitte 2014 rund 15.500 afghanische Zivilisten bei Kampfhandlungen.

Das Projekt Costs of War (Kosten des Krieges) des US-amerikanischen Watson Institute an der Brown University, das sich selbst als "überparteilich" bezeichnet, geht von mindestens 21.000 afghanischen Zivilisten aus, die seit Beginn des Afghanistankrieges 2001 bis Anfang 2014 bei Kampfhandlungen getötet wurden.

Die in der internationalen Friedensbewegung aktive Vereinigung "Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges" (International Physicians for the Prevention of Nuclear War, IPPNW) schätzt in ihrem Bericht Body Count von 2012, dass von Oktober 2001 bis Ende 2011 zwischen 14.500 und bis zu 43.500 afghanische Zivilisten bei Kampfhandlungen getötet wurden. In einer Überarbeitung der Studie von 2013 erweiterte sie den Höchstwert auf bis zu 116.000 zivile Tote. IPPNW geht davon aus, dass die Zahl der im Krieg indirekt – durch Hunger, Flucht und Krankheit – getöteten Zivilisten weitaus höher liegt.

Die Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung sieht eine Mitverantwortung der NATO für zivile Opfer in Afghanistan. Zwar seien nach Zahlen der UNAMA regierungsfeindliche Kräfte für rund drei Viertel aller zivilen Todesopfer verantwortlich, doch rund jeder zehnte tote afghanische Zivilist sei durch afghanische und internationale Sicherheitskräfte ums Leben gekommen. Zudem habe die Kriegsführung der NATO einen Anstieg der zivilen Opferzahlen verursacht. Die NATO hatte sich in der Vergangenheit mehrfach öffentlich für zivile Opfer in Afghanistan entschuldigt.


Bei der Afghanistan-Geberkonferenz in Brüssel vom 4. bis 5.10.2016 wurde beschlossen, dass die EU und ihre Mitgliedstaaten Afghanistan bis 2020 mit jährlich 1,2 Milliarden Euro unterstützen wollen. An dem Treffen nahmen Vertreter von 70 Ländern und 20 Organisationen teil. Deutschland will sich mit 1,7 Milliarden Euro beteiligen, macht dies aber von Fortschritten bei Reformen abhängig.

Krieg in Afghanistan

Polizist der Afghanistan National Order Civil Police (ANCOP) in der Helmand Province, März 2012.

Thomas Ruttig

Afghanistan

Der bewaffnete Konflikt hält bei hoher Intensität an. Militärische Erfolge der Aufständischen zwingen die internationale Gemeinschaft, ihren Truppenabzug zu überdenken. Ein Neuansatz zu einer politischen Lösung Mitte 2015 schlug fehl. Die neue Regierung hat bisher keinen Ausweg aus der Wirtschaftskrise erreicht. Weiter...

Bundeswehrsoldaten gehen am 03.10.2013 in Kundus in Afghanistan nach einem Appell über den staubigen Aufmarschplatz. Nach der offiziellen Übergabe des Feldlagers an die Afghanische Armee (ANA) und die Afghanische Bereitschaftspolizei Ancop, sollen die letzten verbliebenen deutschen Soldaten aus dem Camp abziehen.

Hintergrund aktuell (16.12.2014)

Das Ende der ISAF-Mission in Afghanistan

13 Jahre lang kämpften Soldaten der Internationalen Schutztruppe ISAF in Afghanistan. Ab Januar 2015 wird die deutlich kleinere Nachfolgemission "Resolute Support" die Kampftruppen der ISAF ablösen. Die Afghanen sollen dann wieder selbst für ihre Sicherheit sorgen. Weiter...

Im unscharfen Bildvordergrund stehen drei unbewaffnete Soldaten der Bundeswehr im Gespräch zusammen. Im Hintergrund sieht man dutzende weitere unbewaffnete Soldaten auf einer staubigen Straße bergauf laufen. Am ansteigenden Straßenrand stehen gepanzerte Fahrzeuge und Schützenpanzer der Bundeswehr mit aufmontierten schweren Waffen. Die Sonne scheint über den Hügel.

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Seit Ende 2001 sind deutsche Soldaten in Afghanistan. Was als sechsmonatige Friedensmission begann, wurde für die Bundeswehr zum langjährigen Kampfeinsatz – mit Verwundeten und Gefallenen. Ein schnelles Ende des Einsatzes ist nicht in Sicht. Weiter...


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Die Rolle der Ethnien und Stämme in der afghanischen Staatsbildung und Politik geht auf das 18. Jahrhundert zurück, als das Land im Anschluss an eine neuntägige "Dschirga" (traditionelle Versammlung der Stämme) gegründet wurde. Heute stellt die Loja Dschirga ein Parallelorgan zu anderen Institutionen wie Parlament und Senat dar – und verringert deren Einfluss. Weiter...

Afghanische Jugendliche beim 3. "Go Skateboarding Day" am 21. Juni 2011 in Kabul.

Sayed Asef Hossaini

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In ländlichen afghanischen Gebieten herrscht nach wie vor das Patriarchat, Vater und Großvater entscheiden in allen wichtigen Angelegenheiten. Insbesondere die Mädchen sind bei der Ausbildung, Heirat und der Ausübung eines Berufes vom positiven Votum ihrer Väter abhängig. Weiter...

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Spezial: Afghanistan

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Taliban

Mehrere militante Talibankämpfer, vermummt und mit RPG und AK47 bewaffnet, in der Provinz Zabul, südlich von Kabul, Afghanistan.

Aktuelle Situation

Taliban

Die Taliban-Bewegung entstand in den frühen 1990er Jahren als Organisation paschtunisch-afghanischer Flüchtlinge in Pakistan. 1994 eroberte sie weite Teile Afghanistans. Seit ihrem Sturz agieren die Islamisten von Pakistan aus. Weiter...

Sowjetische Truppen überqueren am 6. Februar 1989 die "Freundschaftsbrücke", die den Grenzfluß Amu Darja zwischen Afghanistan und der UdSSR überspannt. Am 27. Dezember 1979 marschierten sowjetische Truppen nach Afghanistan ein, um die Position der kommunistischen Regierung in Kabul zu sichern, die 1978 mit Hilfe Moskaus an die Macht gekommen und auf bewaffneten Widerstand der konservativen islamischen Bevölkerung gestoßen war. Gegen die hochmotivierten afghanischen Guerilla-Krieger konnte jedoch auch die Militärmaschinerie Moskaus nichts ausrichten, sie erlebte eine verlustreiche Niederlage. Gemäß dem Genfer Afghanistan-Abkommen vom April 1988 wurden bis zum 15. Februar 1989 alle sowjetischen Truppen aus dem Land abgezogen.

Hintergrund aktuell (13.02.2014)

1989: Sowjetischer Abzug aus Afghanistan

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Geschichte Afghanistans

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Islamismus

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Kampf um Kobane, eine syrische Stadt an der Grenze zur Türkei im November 2014

Informationen zur politischen Bildung Nr. 326/2015

Transnationaler Terrorismus

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Der Islamist Metin Kaplan in Bonn, 7. Februar 1999. Kaplan wurde nach seiner Inhaftierung in Deutschland in die Türkei abgeschoben. Dort wurde er am 20. Juni 2005 zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

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Seit 9/11 hat ein Wort Hochkonjunktur: Islamismus. Wer sind seine Wortführer? Welche Ziele verfolgen sie? Das Dossier führt ein in Vergangenheit und Gegenwart der extremistischen Herrschaftstheorie, die die Welt des 21. Jahrhunderts vor große Herausforderungen stellt. Weiter...

Nicht genau datiertes Foto! Al-Kaida-Führer Osama bin Laden spricht im Jahr 1998 an einem unbekannten Ort in Afghanistan mit erhobenem Zeigefinger gestikulierend.

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Al-Qaida

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Jochen Hippler

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Jochen Hippler meint: Die stärkste Militärmacht der Welt hat den Krieg gegen vielleicht 35.000 schlecht bewaffnete Kämpfer politisch verloren. Die Ursachen lägen in den komplexen Machtverhältnissen in der afghanischen Gesellschaft und dem mangelnden Verständnis der NATO für den Charakter des Krieges am Hindukusch. Weiter...

Dr. Hans-Georg Ehrhart

Hans-Georg Ehrhart

Meinung: Das Ende der Illusionen

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