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6.11.2018

75 Jahre UN-Flüchtlingshilfe

Am 9. November 1943 wurde die Hilfs- und Wiederaufbauorganisation UNRRA gegründet. Heute hilft die Nachfolgeorganisation UNHCR Flüchtlingen, Binnenvertriebenen, Staatenlosen, Asylsuchenden oder Rückkehrern in insgesamt 130 Ländern.

Im Januar 2018 sammelten junge Leute in blauen Jacken mit dem Aufdruck "UNO-Flüchtlingshilfe" in Berlin-Charlottenburg Geld für Flüchtlinge.Im Januar 2018 sammelten junge Leute in blauen Jacken mit dem Aufdruck "UNO-Flüchtlingshilfe" in Berlin-Charlottenburg Geld für Flüchtlinge. (© picture-alliance, dpa-Zentralbild)

Wer heute in Deutschland an Flucht und Vertreibung denkt, hat vor allem Migranten aus Afrika oder Asien vor Augen, die aus ihren Heimatländern nach Europa fliehen. Doch noch in den 1940er-Jahren war das heute sichere Europa der Kontinent, auf dem besonders viele Menschen Opfer von Vertreibung wurden - der Zweite Weltkrieg, die damit einhergehenden Verbrechen der Nationalsozialisten und die territorialen Neuordnungen am Ende des Krieges machten Millionen Menschen heimatlos.

Um den "entheimateten Personen" (Displaced Persons), zu helfen, gründeten am 9. November 1943 Vertreter von 44 Staaten in Washington die "United Nations Relief and Rehabilitation Administration" (UNRRA, zu Deutsch "Nothilfe- und Wiederaufbauverwaltung der Vereinten Nationen"). Zentrale Aufgabe der UNRRA war die Erfassung und Betreuung von aus UN-Mitgliedsstaaten stammenden Personen, die verschleppt oder deportiert worden waren. Ziel war die Rückholung der Displaced Persons in ihre Heimatländer.

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Displaced Persons

Als "Displaced Persons" wurden folgende Menschen klassifiziert:

  • Staatsangehörige der Vereinten Nationen, die infolge des Krieges vertrieben wurden;
  • Personen, die nicht der Nationalität der Vereinten Nationen entstammen und infolge des Krieges vertrieben wurden und gezwungen waren ihr Land oder Herkunftsort oder ihren ehemaligen Wohnsitz durch Handlungen des Feindes aufgrund ihrer Rasse, Religion oder ihrer Handlungen zugunsten der Vereinten Nationen zu verlassen;
  • Staatenlose, die vertrieben worden waren.
Diese Definition betraf mehr als 13,5 Mio. Menschen in Deutschland und den ehemals besetzten Gebieten. Die Millionen Deutsche Heimatvertriebenen galten nicht als Displaced Persons. Auch Kriegsgefangene, in der Regel Soldaten, wurden nicht unter dieser Klassifizierung geführt.


Im Artikel eins und zwei des Abkommens wurden die Aufgaben der UNRRA beschrieben: "Maßnahmen zur Linderung von Kriegsopfern in jedem Gebiet unter der Kontrolle einer der Vereinten Nationen planen, koordinieren, verwalten oder organisieren, und zwar durch die Bereitstellung von Nahrung, Treibstoff, Kleidung, Schutz und anderen Grundbedürfnissen, medizinischer und anderer grundlegender Dienste".

Im Juli 1945 kam das erste UNRRA-Team nach Deutschland um die Versorgung mit Lebensmitteln, Kleidung, Medikamenten und anderen lebenswichtigen Gütern sicherzustellen. Zudem übernahm die Organisation die statistische Erfassung, half im Umgang mit Behörden sowie bei gesundheitlichen Problemen. Kulturelle Aktivitäten und berufliche Weiterbildung gehörten ebenfalls zu ihrem Aufgabenfeld.

Das Hilfswerk kümmerte sich um befreite Zwangsarbeiter, Überlebende der Konzentrationslager und Menschen, die während des Zweiten Weltkriegs freiwillig mit den sich zurückziehenden deutschen Truppen nach Deutschland oder in andere europäische Länder gekommen und als Displaced Persons anerkannt worden waren.

Die UNRRA versorgte viele Menschen erfolgreich mit dem Nötigsten und unterstützte bei der Rückführung von Millionen von Flüchtlingen.

1947 übernahm die "Internationale Flüchtlingsorganisation" (International Refugee Organization, kurz IRO) die Betreuung und Rückführung von Flüchtlingen und Displaced Persons. Ihr Ziel war jedoch vor allem, die bisher nicht Repatriierten Menschen in Drittstaaten umzusiedeln ("Resettlement"). Die IRO stellte ihre Arbeit im Jahr 1952 ein.

UNHCR hilft Flüchtlingen seit fast sieben Jahrzehnten

Viele Menschen konnten dank der Hilfe von IRO und UNRRA in ihre Heimatländer zurückkehren. Ein erheblicher Teil wurde auch in Drittstaaten angesiedelt. Dennoch lebten auch noch Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs Hunderttausende Vertriebene in Europa in Lagern - oft unter elenden Bedingungen.

Die internationale Staatengemeinschaft reagierte auf diese Entwicklung und schuf im Rahmen der UN eine neue Flüchtlingshilfsorganisation. In diesem Rahmen entstand im Dezember 1950 das Amt des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UN High Commissioner for Refugees - UNHCR) mit einem Mandat für drei Jahre. Ein Jahr später verabschiedete die internationale Staatengemeinschaft die Genfer Flüchtlingskonvention. Seitdem bildet die Konvention die Grundlage für die Arbeit des UNHCR.

Die Satzung des UNHCR legt ein klares Mandat fest. Ein wesentliches Ziel ist der Schutz der Flüchtlinge: Die Organisation soll sicherstellen, dass die Menschenrechte von Flüchtlingen weltweit garantiert werden. Das UNHCR setzt sich dafür ein, dass niemand zur Rückkehr in ein Land gezwungen wird, in dem er oder sie Verfolgung befürchten muss. Und es kümmert sich um die Versorgung mit Wasser, Lebensmitteln, Unterkünften und eine ausreichende medizinische Versorgung.

Die zweite zentrale Aufgabe des UNHCR ist die Suche nach dauerhaften Lösungen für die Probleme von Flüchtlingen. Wenn es die Situation in dem jeweiligen Herkunftsland erlaubt, unterstützt die Organisation eine freiwillige Rückkehr der Migranten in ihr jeweiliges Heimatland. Als weitere mögliche dauerhafte Lösung sieht die UNHCR-Satzung die Integration der Schutzsuchenden im Aufnahmeland vor. Wenn beides nicht möglich ist, unterstützt sie das Hilfswerk dabei, sich ein neues Leben in einem Drittland aufzubauen.

Weltweit waren bereits damals Millionen Menschen von Flucht und Vertreibung betroffen. Zudem kam es mit Beginn des Kalten Krieges zu neuen Fluchtbewegungen, etwa ab 1950 im Korea-Krieg. Auch die Entkolonialisierung führte mitunter zu starken Migrationsströmen. Durch die Unabhängigkeit Indiens und die folgende Gründung des Staates Pakistan verließen beispielsweise viele Muslime in dem mehrheitlich hinduistischen Land ihre Heimatorte. Beinahe zeitgleich kam es in China und im Nahen Osten zu massiven neuen Fluchtbewegungen. So wurde das Mandat des Hohen Beauftragten immer wieder im Rhythmus von fünf Jahren verlängert. Seit 2003 ist das Mandat unbeschränkt.


Weltweit sind über 68 Millionen Menschen auf der Flucht

Zum Erreichen seiner Ziele arbeitet das UNHCR eng mit Staaten aber auch mit diversen nichtstaatlichen Hilfsorganisationen zusammen. Seit Gründung der Organisation hat die Zahl der Flüchtlinge weltweit stetig zugenommen.

Nach Angaben der Vereinten Nationen hat das Flüchtlingshilfswerk seit seiner Gründung über 50 Millionen Menschen dabei unterstützt, sich ein neues Leben aufzubauen. Die Organisationen wurde 1954 und 1981 für ihre Arbeit mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Laut UN waren zuletzt über 68 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht, mit über 36,4 Millionen habe die Mehrheit von ihnen unter dem Schutz eines UNHCR-Mandats gestanden. Die Organisation versorgt aber nicht nur viele Menschen, die von einem Land in ein anderes fliehen - sie unterstützt gemeinsam mit Staaten oder nicht staatlichen Hilfsorganisationen auch Asylbewerber, Rückkehrer sowie einen Großteil der über 40 Millionen Menschen weltweit, die innerhalb ihrer eigenen Länder vertrieben werden.

Weltweit hat sich die Zahl der von Flucht und Vertreibung betroffenen in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt. Ende 2017 waren über 71 Millionen Menschen betroffen. Der Film zeigt die wichtigsten Zahlen zu Flucht und Vertreibung aus dem Angebot "Zahlen und Fakten: Globalisierung".

Seit dem 1. Januar 2016 hat Filippo Grandi das Amt des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen inne. Neben den konkreten Hilfstätigkeiten hat das Amt die eine umfassende Informationsverpflichtung gegenüber dem Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen sowie deren Vollversammlung. Das UNHCR hat nach eigenen Angaben aktuell gut 11.000 Mitarbeiter und ist in 130 Ländern aktiv. Das Budget der in der Schweiz ansässigen Organisation beläuft sich auf rund 6,8 Milliarden Euro.

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