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9.7.2019

Sommer 1989: Die große Flucht aus der DDR

Schon bevor am 9. November 1989 die Berliner Mauer fiel, flohen viele Menschen aus der DDR in den Westen. Die SED-Führung leugnete die Massenauswanderung lange – bis allein im Juli und August 1989 mehr als 50.000 Menschen die DDR verließen.

Das Bild zeigt eine Gruppe junger Menschen, die über zwischen Büschen über eine Grünfläche gehen. Ein Mann winkt in die Kamera, eine Frau ist zu Tränen gerührt. Die Personen sind auf der Flucht aus der DDR über Ungarn nach Österreich.Jubelnde DDR-Flüchtlinge in Österreich. Etwa 600 DDR-Bürger/-innen nutzten ein paneuropäisches Picknick an der ungarisch-österreichischen Grenze, bei dem ein Grenztor symbolisch geöffnet wurde, zur Flucht in den Westen. Aufgenommen am 19. August 1989. (© picture-alliance, Votava)

Als Michail Gorbatschow am 11. März 1985 zum Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) gewählt wurde, waren die Auswirkungen seiner Amtszeit für die Sowjetunion noch nicht abzusehen. Bereits einen Monat nach seinem Amtsantritt verkündete er sein Programm der Perestrojka, des Umbaus, und grundlegende Reformen für Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Im Rahmen der Politik der Glasnost (Offenheit) sollte die UdSSR transparenter und freier werden. Er wollte den Sozialismus nicht abschaffen, sondern reformieren.

Gorbatschows Reformkurs

Dafür brach Gorbatschow mit der sogenannten Breschnew-Doktrin, die den Staaten des Ostblocks allenfalls Teilautonomie zugestand und zwar nur soweit, wie es den Vorstellungen Moskaus vom Sozialismus nicht zuwiderlief. Gorbatschow distanzierte sich mehrfach davon und forderte "Respekt für verschiedene Wege zum Sozialismus". In der Folge ermutigte Gorbatschow die Ostblock-Staaten zu eigenen Reformen im Geiste von Perestrojka und Glasnost.

In Polen und Ungarn leiteten die Regierungen solche Reformen ein und gingen insbesondere auf die Opposition zu. Die Führung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) zeigte hingegen keinen Reformwillen und ging weiterhin entschieden gegen Regimekritiker vor. Das SED-Regime wurde, so der Historiker Manfred Görtemaker, "zu einer Insel der Orthodoxie in einem Meer politischer, ökonomischer und ideologischer Strukturveränderungen".

Isolation sorgt bei DDR-Bürgerinnen und Bürgern für Verdruss

Doch auch in der DDR-Bevölkerung wuchs der Wunsch nach einem politischen Wandel. Frustriert vom Kurs der SED, der Isolation der DDR und der katastrophalen wirtschaftlichen Versorgungslage hatten Ende 1988 rund 110.000 DDR-Bürgerinnen und -Bürger einen Ausreiseantrag gestellt. Zunächst gelang es nur Wenigen, die DDR tatsächlich – auf legalem oder illegalem Weg – zu verlassen. Das illegale Verlassen der DDR wurde bereits Mitte der 1950er Jahre unter Strafe gestellt. Auf dem 33. Plenum des Zentralkomitees im Oktober 1957 bezeichnete Walter Ulbricht die Flucht als "Verrat an den friedlichen Interessen des Volkes".

Über die innerdeutsche Grenze zu fliehen war Anfang 1989 noch immer lebensgefährlich. Es gab Selbstschussanlagen und für die Soldaten galt ein Schießbefehl. Am 5. Februar wurde der 20-jährige Chris Gueffroy in Berlin-Treptow beim Versuch, über die Mauer von Ost- nach West-Berlin zu fliehen, erschossen. Sechs Wochen später beugte sich das SED-Regime dem internationalen Druck und gab die Anweisung, an der Grenze nicht mehr zu schießen. Gueffroy war das letzte von mindestens 140 Todesopfern, die zwischen 1961 und 1989 an der Berliner Mauer ums Leben kamen.

Flucht über Ungarn

Statt des Versuchs die innerdeutsche Grenze zu passieren, nutzten viele DDR-Bürgerinnen und Bürger im Sommer 1989 neue Fluchtwege. Nachdem am 26. Juni die Außenminister von Ungarn und Österreich, Gyula Horn und Alois Mock, demonstrativ vor den Augen der Presse ein Loch in den Stacheldrahtzaun an der Grenze geschnitten hatten, reisten viele DDR-Bürgerinnen und Bürger unter dem Vorwand eines Sommerurlaubs nach Ungarn, um von dort den "Eisernen Vorhang" zu überwinden. Zu diesem Zeitpunkt waren die Sicherungsanlagen zwischen Österreich und Ungarn bereits teilweise abgerissen worden – auch aufgrund ihres schlechten Zustands.

Mitte Juli berichtete die westdeutsche Presse über eine zunehmende Fluchtwelle von DDR-Bürgerinnen und -Bürgern über Ungarn nach Österreich. Viele Flüchtlinge wurden zwar noch von ungarischen Grenzposten festgenommen, aber immer seltener an die DDR-Staatssicherheit ausgeliefert. Auch die Möglichkeit, die Ablehnung von Reiseanträgen gerichtlich überprüfen zu lassen, beruhigte die Lage nicht: Mehr als 50.000 verließen allein im Juli und August die DDR. Am 19. August 1989 nutzten mehrere Hundert DDR-Bürgerinnen und Bürger das sogenannte "Paneuropäische Picknick" an der ungarisch-österreichischen Grenze zur gemeinsamen Flucht. Daraufhin wurden Reisen nach Ungarn seitens der DDR-Regierung verboten. Im Sommer 1989 stellten insgesamt 120.000 Menschen einen Ausreiseantrag.



Botschaftsbesetzungen

Das Foto zeigt eine Gruppe von Menschen, die vor einem Gebäude warten. Über dem Tor hängt ein gelbes Schild mit der Aufschrift "Bundesrepublik Deutschland Botschaft", darauf ist der Bundesadler abgebildet.Menschenansammlung im August 1989 vor der bundesdeutschen Vertretung in Budapest. (© picture-alliance/dpa, Fotoreport)
Immer mehr Menschen flohen außerdem in die bundesdeutschen Botschaften in Warschau, Prag und Budapest sowie die Ständige Vertretung der BRD in Ost-Berlin. Letztere stellte, weil dort gut 130 Menschen Zuflucht gesucht hatten und ihre Ausreise erwirken wollten, am 8. August vorübergehend ihren Publikumsverkehr ein. Auch die Botschaften in Prag und Budapest mussten wenige Tage später wegen Überfüllung schließen. Als Ende September der Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher auf dem Balkon der westdeutschen Botschaft in Prag verkündete, dass die Ausreisegenehmigungen vorlagen, harrten dort etwa 4000 DDR-Flüchtlinge aus.

Widerstand von Innen

Es waren insbesondere junge Menschen, die die DDR verließen. Viele flohen aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage und der fehlenden Freiheitsrechte. Viele politische Aktivistinnen und Aktivisten waren so starken Repressionen ausgesetzt, dass sie gezwungen waren ihre Heimat zu verlassen. Einige Oppositionelle entschieden sich aber auch bewusst, in der DDR zu bleiben und offen gegen das repressive System zu demonstrieren. Ein Aufbruchssignal für viele Oppositionsbewegungen der DDR war der Nachweis der Wahlmanipulation bei den DDR-Kommunalwahlen am 7. Mai 1989. Zu den oppositionellen Gruppen gehörten unter anderem die Kirche von Unten, die Initiative für Frieden und Menschenrechte, die Frauen für den Frieden, die Umweltbibliothek Berlin und viele mehr. Im September und Oktober 1989 gründeten sich außerdem der Demokratische Aufbruch (DA), das Neue Forum sowie die Demokratische Initiative (DI). Ihre Demonstrationen wurden zumeist durch massives Polizeiaufgebot aufgelöst, viele Aktive wurden verhaftet. Doch die Proteste nahmen Woche für Woche zu. Bei den friedlichen Montagsdemonstration in Leipzig ab September 1989 protestierten erst einige Hundert – am 9. Oktober gingen schon über 70.000 Menschen auf die Straße und skandierten: "Wir sind das Volk."

Beide Bewegungen – die Ausreisewelle sowie die Proteste der Opposition in der DDR – führten letztlich dazu, dass sich die friedliche Revolution nicht mehr aufhalten ließ.


KONTRASTE zeigt Menschen, die es trotz Wohlstand und Erfolg in der DDR nicht mehr aushielten. Sie erzählen, warum sie im Westen von vorne anfangen wollen. (© 2005 Bundeszentrale für politische Bildung und RBB)

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