Erde

Vor 70 Jahren: Die Wannseekonferenz

Am 20. Januar 1942 trafen sich führende Ministerialbeamte sowie hohe NSDAP- und SS-Funktionäre in einer Villa am Berliner Wannsee. Sie berieten über die effiziente Umsetzung der beabsichtigten "Endlösung der Judenfrage". Bis zum Kriegsende 1945 wurden über sechs Millionen europäische Juden ermordet.

Eine Gruppe Juden aus Ungarn nach der Ankunft im Konzentrationslager Auschwitz im Sommer 1944. Auf der Wannseekonferenz vor 70 Jahren wurde die systematische Ermordung der europäischen Juden geplant.Eine Gruppe Juden aus Ungarn nach der Ankunft im Konzentrationslager Auschwitz im Sommer 1944. Auf der Wannseekonferenz vor 70 Jahren wurde die systematische Ermordung der europäischen Juden geplant. (© Bundesarchiv, Bild 183-N0827-318 / Fotograf: o. Ang.)
Nichts Geringeres als einen "Gesamtentwurf über die organisatorischen, sachlichen und materiellen Vorausmaßnahmen zur Durchführung der angestrebten Endlösung der Judenfrage" hatte Reichsmarschall Hermann Göring im Juli 1941 bei Reinhard Heydrich angefordert. Die so genannte "Endlösung" war zu diesem Zeitpunkt bereits beschlossen. Allerdings war sie "geheime Reichssache" – Hitler wollte öffentlich nicht eindeutig mit ihr in Verbindung gebracht werden.

Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA), hatte sich zum Thema "Endlösung der Judenfrage" schon seit Jahren innerhalb der NS-Führung hervorgetan und auch nach Kriegsbeginn mehrere Schriften dazu verfasst. Nun sollte "die Judenfrage in Form der Auswanderung oder Evakuierung einer den Zeitverhältnissen entsprechend möglichst günstigen Lösung" zugeführt werden. Für den 20. Januar 1942 lud Heydrich zu einer Staatssekretärskonferenz in das Gästehaus der SS am Großen Wannsee, um die ihm übertragene Aufgabe mit Regierungsbeamten aus anderen Ministerien abzustimmen. Es kamen 14 führende Ministerialbeamte aus verschiedenen Reichsministerien sowie hohe NSDAP- und SS-Funktionäre zusammen.

Systematische Vernichtung bereits ab 1941



Der Völkermord an den europäischen Juden hatte bereits im Juni 1941 mit dem Überfall auf die Sowjetunion begonnen. Hier führten mobile Einsatztruppen der SS Massenerschießungen und – ab Dezember 1941 – Vergasungen von Juden durch. Allein bei dem Massaker in der nahe Kiew gelegenen Schlucht Babi Jar wurden an zwei Tagen im September 1941 über 33.000 Menschen getötet. Auch Deportationen in den Zügen der Deutschen Reichsbahn waren schon im Oktober 1941 angelaufen. Zum Zeitpunkt der Konferenz am Wannsee waren bereits über eine halbe Million Menschen ermordet worden.

Die bisher hauptsächlich praktizierten Erschießungen wurden für zu kostenintensiv und langwierig befunden. Deswegen wurden im Herbst 1941 zum ersten Mal mobile Gaswagen – umgerüstete LKWs – zur schnellen und systematischen Tötung großer Zahlen von Menschen eingesetzt. Das von Heydrich auf der Wannseekonferenz vorgestellte Programm war also in den besetzten Gebieten und Konzentrationslagern im Osten schon größtenteils in die Tat umgesetzt.

Inhalt der Konferenz



Auf der Konferenz machte Heydrich den Anwesenden noch einmal die ihm übertragenen Kompetenzen deutlich: die Verantwortung zur "Endlösung der europäischen Judenfrage" lag bei ihm. Das Treffen hatte er einberufen, um eine Koordinierung und Abstimmung zwischen den Behörden zu erleichtern.

Im Protokoll des Treffens wird – im üblichen NS-Jargon – klar ausgeführt, was mit den elf Millionen Juden in den von Deutschland kontrollierten Gebieten geschehen sollte. Ziel sei "die Zurückdrängung der Juden aus dem Lebensraum des deutschen Volkes". Bisher, so ist es im Protokoll vermerkt, habe man "rund 537.000 [Juden] zur Auswanderung gebracht". Nun sei "anstelle der Auswanderung [...] als weitere Lösungsmöglichkeit [...] die Evakuierung der Juden nach dem Osten getreten".

"In großen Arbeitskolonnen [...] werden die arbeitsfähigen Juden straßenbauend in diese Gebiete geführt, wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird. Der allfällig endlich verbleibende Restbestand wird [...] entsprechend behandelt werden müssen [...]"

[Quelle: Das Protokoll der Wannsee-Konferenz, 20. Januar 1942, S. 7/8]

Einwände gegen die von Heydrich eingebrachten Vorschläge hatten die Konferenzteilnehmer keine. Im Gegenteil: Sie überboten sich gegenseitig mit Vorschlägen und Anregungen zur effizienten Durchführung der Vernichtungsaktionen. Weiteres Thema war die Behandlung so genannter "Mischlinge" und jüdischer Partner in "Mischehen": hier forderten die anwesenden Beamten eine Zwangssterilisierung sowie die Ausdehnung der Nürnberger Gesetze. Auch diese Personengruppen sollten in die "Endlösung" einbezogen werden.

Protokollführer des Treffens war Adolf Eichmann, Judenreferent im Reichssicherheitshauptamt. Im Prozess gegen Eichmann in Jerusalem 1961 erinnerte sich dieser an die Wannseekonferenz als "die Konferenz, wo Heydrich seine Ermächtigung bekanntgab". Auch seien "verschiedene Tötungsmöglichkeiten" besprochen worden. Unter den Teilnehmern habe allgemein "freudige Zustimmung" geherrscht.

Historische Einordnung der Wannseekonferenz



Von Historikern wird die Konferenz im Detail unterschiedlich eingeordnet. Manche Wissenschaftler wie z.B. der britische Historiker Donald Bloxham betonen, es habe keinen entscheidenden Moment gegeben, in dem die Art und Weise der Durchführung der "Endlösung" fest geplant gewesen sei – sie sei vielmehr als Prozess zu begreifen. Die Konferenz sei vor allem im Zusammenhang mit den Machtkämpfen innerhalb der NS-Verwaltung von Bedeutung. So diskutieren Fachkreise bis heute über die tatsächlichen Motive der einzelnen Teilnehmer. Andere – wie der Historiker Mark Roseman – beschreiben die Konferenz als den Moment des Übergangs vom "Massenmord zum Genozid". Zwar hätten zum Zeitpunkt der Konferenz die Mordmethoden und die Orte noch nicht festgestanden, dennoch sei die Entscheidung für die systematische Ermordung der europäischen Juden definitiv beschlossen worden.

Nach der Konferenz



Die Ergebnisse und Beschlüsse der Konferenz wurden bald in die Tat umgesetzt. Noch im Januar 1942 trug Adolf Eichmann in einem Schreiben allen Dienststellen im Deutschen Reich auf, die seit Oktober 1941 laufenden Deportationen fortzusetzen – die "Endlösung" habe nun begonnen. Kurze Zeit später wurden im Konzentrationslager Auschwitz die Gaskammern errichtet. Ab März 1942 trafen die ersten großen Transporte mit Juden ein. Allein in Auschwitz ermordete die SS über eine Million Menschen. Insgesamt wurden bis Kriegsende in den Vernichtungslagern und bei Massakern über sechs Millionen Juden ermordet.

Der Ort der Konferenz, die Villa am Wannsee, ist seit 1992 eine Gedenk- und Bildungsstätte.


Mehr zum Thema

Nicht genau datiertes Schwarz-Weiß-Foto: Männliche jüdische russische und polnische Gefangene, die an schwerwiegenden Erkrankungen leiden, sitzen auf einer Bank in einer Kranken-Baracke im Konzentrationslager Buchenwald im April 1945.

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Shoa und Antisemitismus

Die kalt geplante und industriell betriebene Ermordung der europäischen Juden ist der größte Zivilisationsbruch der Geschichte. Der Antisemitismus weist auf eine lange Tradition in Deutschland und Europa zurück. Christliche Feindbilder prägten tiefe kollektive Vorurteile – einige halten sich bis heute. Weiter...

Hans Mommsen

Forschungskontroversen zum Nationalsozialismus

In den Forschungen zum NS hat eine Schwerpunktverschiebung zur Analyse des Holocaust und zur Täterforschung stattgefunden. Dabei rückt das Verhältnis von weltanschaulichen und strukturellen Faktoren in den Vordergrund. Weiter...

Peter Longerich

Tendenzen und Perspektiven der Täterforschung - Essay

Komplexität und Kontextualisierung - mit diesen Stichworten lassen sich die Herausforderungen beschreiben, vor denen die Erforschung der systematischen Ermordung der europäischen Juden steht. Weiter...