Erde

100 Jahre Afrikanischer Nationalkongress (ANC)

Südafrika begeht ein Jahrhundert-Jubiläum: Am 8. Januar wird der Afrikanische Nationalkongress (ANC) 100 Jahre alt. Aus einer Bürgerrechtsbewegung mit bewaffnetem Flügel wurde eine demokratische Regierungspartei, die das rassistische Apartheidsregime in Südafrika beseitigte. Nach fast zwei Jahrzehnten Regierung steht die Organisation jedoch auch in der Kritik: Bürokratie, Machtmissbrauch und Gewalt sorgen in Südafrika für Unzufriedenheit.

ANC-Anhänger in Pretoria.ANC-Anhänger in Pretoria. (© AP)
Am 8. Januar 1912 wurde die ANC-Vorläuferorganisation South African Native National Congress (SANNC) gegründet. Sie war die Interessensvertretung der nicht-weißen Bevölkerung in Südafrika und forderte die vollen Bürgerrechte für alle im Land. Seit der Kolonialisierung Südafrikas durch die Briten und die niederländischen Buren wurde die schwarzafrikanische Bevölkerung zunehmend diskriminiert.

Beginn der Diskriminierung



Im Zuge der Entdeckung von Diamantenvorkommen waren die Kolonialherren auf billige Arbeitskräfte angewiesen. Es wurden erste Gesetze verabschiedet, die die Ausbeutung der schwarzen Bevölkerung legalisierten. Diese Gesetze schränkten ihre Freiheiten stark ein und schlossen sie sukzessive aus dem politischen Leben aus.

Der schwarzafrikanischen Bevölkerung war es verboten, Land weißer Siedler zu kaufen. Ihre Freizügigkeit war eingeschränkt und in der Mehrzahl der Provinzen war es ihnen gänzlich verboten, an Wahlen teilzunehmen. Ab 1923 waren die Städte grundsätzlich nur noch Weißen als Wohnort vorbehalten. Die "Rassentrennung" als Vorteil der weißen Bevölkerung war damit Realität, lange bevor die "Apartheid" begann.

Nach Vorbild Mahatma Gandhis trat der ANC mit friedlichen Mitteln des zivilen Ungehorsams gegen die Diskriminierungen an. Die Führer des ANC glaubten durch Streiks, Boykotte und Petitionen ihre Ziele erreichen zu können. Doch die Organisation vermochte der Regierung nicht viel entgegen zu setzen. Aus den Wahlen im Jahre 1948 ging die National Party als Sieger hervor und blieb bis 1994 an der Macht. Mit der Machtübernahme der von nationalistischen Buren gegründeten Partei begann der Aufbau des Apartheidstaats in Südafrika.

Das System der Apartheid



Das System der Apartheid war auf verschiedenen Ebenen präsent: So wurde die Bevölkerung Südafrikas strikt nach vier "Rassen" kategorisiert und hierarchisch strukturiert: "Weiße", "Schwarze", "Asiaten" oder "Coloureds". Die Weißen hatten die totale Kontrolle über den Staat und seine Institutionen – alle anderen Bevölkerungsgruppen galten als untergeordnet. Zur absoluten Trennung der Bevölkerung wurden so genannte Homelands geschaffen, in denen die Schwarzen unabhängig von den Weißen leben sollten. Die Regierung zerstörte schwarze Siedlungen und zwang die dort lebende Bevölkerung zur Umsiedlung.

Beginn des bewaffneten Kampfes



Nachdem der friedliche Protest des ANC erfolglos geblieben war und Repressionen gegen die schwarze Bevölkerung zunahmen, wurde 1961 der bewaffnete Flügel des ANC gegründet. Dieser versuchte mit Sabotageakten und Bombenanschlägen auf Institutionen der Regierung, für ein demokratisches Südafrika zu kämpfen. Zu seinen Gründungsmitgliedern gehörte auch Nelson Mandela.

1962 wurde Mandela festgenommen und wie andere führende Mitglieder des ANC 1964 zu lebenslanger Haft verurteilt. Während der folgenden nahezu 30 Jahre seiner Haft operierte der ANC aus dem Untergrund. Seine Anführer saßen entweder wie Nelson Mandela im Gefängnis oder gingen ins Exil. In den 1970er Jahren kämpften Anhänger des ANC vor allem mit den Mitteln des Boykotts, Streiks und Demonstrationen gegen das Regime.

Gleichzeitig wuchs die internationale Solidaritätsbewegung, mehrere Staaten erließen Sanktionen gegen Südafrikas Regierung. Auf steigenden internationalen Druck hin wurden ab Mitte der 1980er Jahre einige Apartheidgesetze abgeschafft. Grundlegende Reformen wurden jedoch erst ab 1990 durch den damaligen Staatspräsidenten Frederic W. de Klerk eingeleitet, als dieser das Verbot des ANC aufhob. Einige Tage später, am 11. Februar 1990, wurde auch Nelson Mandela nach 27 Jahren Haft entlassen. Kurz darauf begannen offizielle Verhandlungen zwischen Vertretern aller Bevölkerungsgruppen zur Überwindung der Rassentrennung.

Von der Untergrundbewegung zur Regierungspartei



Eine Übergangsregierung leitete die Staatsgeschäfte bis zu den ersten freien, demokratischen Wahlen im April 1994, an denen alle Südafrikaner teilnehmen konnten. Der ANC erreichte mit 62,6 Prozent die absolute Mehrheit und Nelson Mandela wurde zum ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas gewählt. Mandela war eine Symbolfigur des Anti-Apartheidkampfes und weltweit eine Ikone der Freiheit und des Friedens.

Seit 1994 regiert der ANC Südafrika ununterbrochen. Doch die Stimmabgabe bei Wahlen erfolgt auch nach fast 20 Jahren nach dem Ende der Apartheid weiterhin vorwiegend entlang ethnischer Grenzen: Schwarze votieren mehrheitlich für den ANC. Weiße hingegen wählen überwiegend andere Parteien unter weißer Führung.

Seit der Machtübernahme des ANC ist die Apartheid überwunden, doch die sozialen und ökonomischen Probleme belasten das Land sehr. Hohe Arbeitslosigkeit und massive Armut bestimmen die wirtschaftliche Realität – vor allem der schwarzen Bevölkerungsteile. Hinzu kommt eine hohe Kriminalitätsrate, ein stark reformbedürftiges Schulsystem, die höchsten HIV-Infektionen weltweit und ein Gesundheitssystem, das vor dem Kollaps steht.

Da die Dominanz der alten weißen Eliten in vielen Gesellschaftsbereichen bislang weitgehend unangetastet blieb, sprechen viele Beobachter von einer "beschränkten Transformation".

Wachsende Kritik am Führungsstil des ANC



In den letzten Jahren geriet der ANC als Regierungspartei zunehmend in Kritik. Beobachter weisen darauf hin, dass die weitere demokratische Entwicklung des Landes durch Korruption selbst in höchsten politischen Ämtern und durch die Einschränkung der Pressefreiheit in Gefahr ist.


Mehr zum Thema

Ein Kind spielt, während der Wahlen in Johannisburg 2009, auf einer riesigen ANC (African National Congress) Flagge.

Helga Dickow

ANC forever? Innenpolitische Entwicklungen und Parteien in Südafrika

Die Vorherrschaft des African National Congress (ANC) ist in Südafrika ungebrochen; Wahlen ähneln einem ethnischen Zensus. Kritiker sehen darin eine Gefahr für die südafrikanische Demokratie. Weiter...

Der frühere südafrikanische Präsident Nelson Mandela vor dem ersten Rugby-Testspiel zwischen Südafrika und Wales in Pretoria, Südafrika, Samstag 26. Juni 2004.

Robert von Lucius

Nelson Mandela und sein Erbe

Mandela hat als Gründungsvater des "neuen Südafrika" geholfen, die Nation zu einen. Der aktuelle Präsident Zuma nutzt den "Mythos Mandela", hat aber einen schweren Weg vor sich. Weiter...

Bewohner der Siedlung Soweto, außerhalb von Johannisburg, spazieren an einem Wahlbanner des ANC (African National Congress) vorbei, der die Bildung der potentiellen Wähler als Vorbereitung auf die Wahlen gefördert hat

Christian von Soest

Regenbogennation als regionale Führungsmacht?

Seit 1994 gilt Südafrika als regionale Führungsmacht auf dem afrikanischen Kontinent. Das Land verfolgt dabei eine Strategie der "kooperativen Hegemonie", agiert zum Teil aber auch eigennützig. Weiter...