Erde

Das Rätsel von Durban

Der diesjährige Klimagipfel findet in Südafrika statt. Eigentlich müsste dringend ein Nachfolgeabkommen für das Kyoto-Protokoll beschlossen werden – aber derzeit weiß niemand, wie das gelingen könnte.

Wenige Wochen vor Beginn des UN-Klimagipfels in Durban kam aus der Wissenschaft eine schlechte Nachricht: Die weltweiten CO2-Emissionen seien 2010 auf einen Rekordwert von etwa 33,5 Milliarden Tonnen gestiegen, meldete das Oak Ridge Forschungszentrum des US-Energieministeriums. Gegenüber dem Vorjahr bedeutete dies ein Plus von sechs Prozent.

Trotz vielfältiger Klimaschutzbemühungen und einem Boom der Erneuerbaren Energien liegt der weltweite Ausstoß von Treibhausgasen um mehr als ein Drittel über dem Niveau Anfang der 1990er Jahre. Lange Zeit hat die Biosphäre große Teile des menschengemachten Kohlendioxids aufgenommen und so die Erderwärmung abgepuffert. Aber damit wird es bald vorbei sein, die Ozeane beispielsweise stehen kurz vor ihrer Sättigung.

Gleichzeitig werden die Folgen der Erderwärmung immer drastischer: Während im Oktober auf vielen Pazifik-Inseln wegen extremer Dürre der Notstand ausgerufen werden musste, kämpfte Thailand mit einer Jahrhundertflut. Während 2010 Pakistan in den Fluten versank, wüteten in Russland die schlimmsten Waldbrände in der Geschichte. In den kommenden Jahrzehnten werden Hitzewellen und Überschwemmungen sehr wahrscheinlich zunehmen, warnt der Weltklimarat in einem neuen Bericht, Starkregen dürften infolge der Erderwärmung häufiger, Hurricans heftiger werden.

Zwei Jahre nach dem Scheitern von Kopenhagen findet der diesjährige Klimagipfel im südafrikanischen Durban statt. Die Konferenz gilt als allerletzte Chance, das Kyoto-Protokoll doch noch zu retten – oder zumindest Ideen für ein Folgeabkommen zu entwickeln.

Ein Rückblick



Nachdem sich 1992 die Weltgemeinschaft in der Klimarahmenkonvention verpflichtete, die menschengemachte Erderwärmung zu bremsen und ihre Folgen zu mildern, wurde 1997 auf einem Gipfeltreffen in Japan das Kyoto-Protokoll verabschiedet. Die Industriestaaten verpflichteten sich darin, ihren eigenen Treibhausgas-Ausstoß bis zum Jahr 2012 um 5,2 Prozent gegenüber 1990 zu senken. Damit war die sogenannte erste Verpflichtungsperiode eingeläutet. In einer zweiten Verpflichtungsperiode (2013-2017), so damals der Plan, sollten die Emissionsminderungen überprüft und an dann vorliegende wissenschaftliche Erkenntnisse angepasst werden. Wirklich in Kraft trat das Protokoll erst sechs Jahre später, als das russische Parlament 2003 dem Vertragswerk zustimmte und damit die notwendige Zahl von Ratifizierungen beisammen war.

Die Industriestaaten bekannten sich im Kyoto-Protokoll zu ihrer historischen Schuld: Etwa 80 Prozent der menschengemachten Treibhausgase, die sich heute in der Erdatmosphäre befinden, stammen von ihnen. Die USA zum Beispiel produzierten im Laufe des 20. Jahrhunderts mit gut 250 Milliarden Tonnen Kohlendioxid mehr als dreimal soviel Klimagase wie China – wo aber viermal so viele Menschen leben. Deutschland verursachte im gleichen Zeitraum fast soviel Treibhausgas wie China mit seiner 15-mal so großen Bevölkerung bislang insgesamt ausgestoßen hat. Deshalb sollten die Industriestaaten die Last der Emissionssenkung – erstmal – allein schultern. Entwicklungs- und Schwellenländer wurden im Kyoto-Protokoll von eigenen Anstrengungen befreit.

Auf dem Klimagipfel von Bali im Jahr 2007 wurden die Verhandlungen für einen Anschlussvertrag zu Kyoto offiziell begonnen. Unter Dach und Fach gebracht werden sollte die zweite Verpflichtungsperiode in Kopenhagen 2009. Eine bis dahin ungekannte Vielzahl an Staats- und Regierungschefs reiste dazu in die dänische Hauptstadt – und scheiterte. Statt verbindliche Reduktionsziele zu beschließen, konnte man sich nur auf den sogenannten "Copenhagen Accord" einigen. Der erkannte zwar erstmals den wissenschaftlichen Rat an, dass zur Verhinderung einer "gefährlichen menschengemachten Störung des Klimasystems" die Erderwärmung auf unter zwei Grad Celsius begrenzt werden müsse und dafür "tiefe Einschnitte" in den Treibhausgas-Ausstoß aller Länder notwendig seien – aber das Dokument blieb eine unverbindliche Willenserklärung.

Nach diesem enttäuschenden Ausgang gelang es 2010 im mexikanischen Cancún immerhin, das Zwei-Grad-Ziel in einen völkerrechtlich bindenden UN-Beschluss zu überführen. Daneben wurden Mechanismen für einen besseren Schutz der weltweiten Wälder verabschiedet sowie ein "Green Climate Fund" eingerichtet, über den die Industriestaaten den armen Ländern mit Milliardenzahlungen bei der Anpassung an die Folgen des Klimawandels helfen sollen. Erste kleine Schritte wurden damit gemacht, so Diplomaten, um wieder Vertrauen zwischen den Verhandlungspartnern zu schaffen.

Das Problem



Heute, 14 Jahre nach Unterzeichnung des Kyoto-Protokolls, ist die Welt eine völlig andere geworden: China hat die USA längst als größter Treibhausgas-Produzent überholt, die Wirtschaften (und damit der CO2-Ausstoß) von Staaten wie Vietnam, Indien, Mexiko, Brasilien oder Indonesien wachsen so rasant, dass sie die Einsparungen der Industriestaaten mehr als wett machen. Die reichen Staaten fordern von den Schwellenländern deshalb, endlich selbst mit dem Klimaschutz anzufangen – und in der zweiten Verpflichtungsperiode eigene Reduktionspflichten völkerrechtlich bindend einzugehen.

Die Schwellenländer aber bestehen auf dem Prinzip der "Gemeinsamen Verantwortung, aber unterschiedlichen Pflichten". Die Industriestaaten müssten immer noch ihre historische Schuld abtragen und stärkere Klimaschutzschritte unternehmen, tatsächlich aber haben sie nicht einmal die zugesagten Ziele von Kyoto eingehalten: Japan zum Beispiel wird sein einstiges Klimaziel um 15 Prozentpunkte verfehlen, Kanada um 35 Prozent. Auch EU-Staaten wie Spanien (40 Prozent über der Zielmarke), Österreich (25 Prozent) oder Italien (14 Prozent) sind hinter den Vorgaben von Kyoto deutlich zurückgeblieben.

Statt einer Neujustierung der Kyoto-Ziele in einer zweiten Verpflichtungsperiode droht also das Scheitern des Klimadialogs. Industriestaaten und Entwicklungsländer können sich nicht einmal über die Grundkonstruktion des neuen Klimaabkommens einigen. Unter den wichtigen Verhandlungsparteien scheint nur die EU zu einer Verlängerung von Kyoto bereit zu sein. Entscheidend aber sind China und die USA, und deren Positionen wirken unversöhnlich.

Die USA hatten das Kyoto-Protokoll unter Präsident Bill Clinton zwar unterzeichnet und eine Senkung der Emissionen um sieben Prozent zugestimmt. Doch daheim in Washington verweigerte der Kongress die Ratifizierung, heute liegt der Treibhausgasausstoß nicht unter dem Niveau von 1990, sondern 25 Prozent darüber. Zugleich hat sich die innenpolitische Stimmung für ein Klimaschutzabkommen weiter verschlechtert, mittlerweile dominieren in den USA Leugner des Klimawandels die öffentliche Debatte.

China hingegen will das Kyoto-Protokoll unbedingt erhalten und beharrt auf seinem 1997 festgelegten Status als Entwicklungsland. Allerdings wissen die Chinesen, dass sie der Welt etwas anbieten müssen: Sie wollen die Erneuerbaren Energien drastisch ausbauen und die Energieeffizienz innerhalb von fünf Jahren um 16 Prozent steigern. Allenfalls relative Emissionssenkungen (gemessen in CO2-Ausstoß pro erwirtschafteten Yuan) will China akzeptieren, aber keine absolute Minderung.

Der Streit wird so hart ausgefochten, weil in der Klimadiplomatie wirtschaftspolitische Interessen eine entscheidende Rolle spielen: Laut wissenschaftlichen Simulationen verträgt die Erdatmosphäre insgesamt nur noch rund 700 Milliarden Tonnen Kohlendioxid, wenn das Zwei-Grad-Ziel erreicht werden soll. Und weil Wirtschaftswachstum immer noch gleichbedeutend ist mit Energieverbrauch und CO2-Emissionen, lautet die Frage, wer von diesen 700 Milliarden Wirtschaftswachstum wie viel abbekommt.

Wie ein Kompromiss in Durban – oder auf einer späteren Klimakonferenz – aussehen könnte, ist derzeit völlig offen.

Von Toralf Staud


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