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Roland Jahn ist neuer Chef der Stasi-Unterlagenbehörde

Der Journalist und ehemalige politische Häftling Roland Jahn hat am 15. März seine Arbeit als neuer Chef der Stasi-Unterlagenbehörde aufgenommen. Er tritt die Nachfolge von Marianne Birthler an - sie leitete die Unterlagenbehörde seit 2000. Jahn will das Thema "Anpassung in der Diktatur" zum Schwerpunkt seiner Arbeit machen.

"Je besser wir begreifen, wie die Diktatur in der DDR im Alltag funktioniert hat, desto besser können wir, hier und heute, Demokratie gestalten", so Roland Jahn in seiner Antrittsrede als neuer Bundesbeauftragter für die Stasi-Akten. Der 57-Jährige will in den kommenden Jahren das Thema "Anpassung in der Diktatur" in den Mittelpunkt seiner Arbeit stellen - ein Thema, das auch für die Gegenwart wichtig sei: "Anpassen oder Widersprechen, das ist die Frage, die sich jeder von uns öfters stellt", so Jahn.

Vor dem Hintergrund der Debatte um die Beschäftigung von rund 50 ehemaligen Mitarbeitern der DDR-Staatssicherheit in der Behörde äußerte sich Jahn deutlich: "Jeder ehemalige Stasi-Mitarbeiter, der in der Behörde angestellt ist, ist ein Schlag ins Gesicht der Opfer." Jahn sprach sich für eine weitere Überprüfung von Mitarbeitern im Öffentlichen Dienst aus, ob diese für die Stasi gearbeitet haben: "Es darf nicht sein, dass diejenigen, die mehr als zwanzig Jahre ihre Mitarbeit für das Ministerium für Staatssicherheit verschwiegen haben, weiter Karriere machen." Das Lügen dürfe nicht belohnt werden.

Jahn war 1983 Mitbegründer der Friedensgemeinschaft Jena, einer der ersten größeren Oppositionsgruppen der DDR abseits des kirchlichen Spektrums. Noch im gleichen Jahr wurde Jahn gegen seinen Willen gewaltsam aus der DDR ausgebürgert. Aber auch nach seiner Ausweisung in die Bundesrepublik unterstützte er die DDR-Opposition und versuchte, deren Ziele auch im Westen bekannt zu machen. Unter anderem organisierte er Videokameras, mit denen Oppositionellen in der DDR geheime Aufnahmen gelangen, etwa die berühmten Bilder der Massendemonstrationen im Oktober 1989 in Leipzig. Bis zum Fall der Mauer 1989 arbeitete Jahn unter Pseudonym als freier Mitarbeiter für das ARD-Politikmagazin Kontraste. Seit 2006 ist er dort Chef vom Dienst.

Bereits Ende Januar 2011 hatte eine große Mehrheit der Bundestagsabgeordneten Jahn als Nachfolger von Marianne Birthler gewählt, die nach zweifacher Amtszeit nicht mehr antreten durfte.

Die Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU) wurde 1990 gegründet. Wegen ihres sperrigen amtlichen Titels wird die Behörde in den Medien meist nach ihrem aktuellen Chef benannt ("Gauck-Behörde", "Birthler-Behörde"). Zu den Aufgaben der Behörde gehört die Archivierung und Erforschung der Stasi-Unterlagen sowie der Auftrag, die Öffentlichkeit über Struktur, Methoden und Wirkungsweise des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (MfS) zu unterrichten. Das Archiv der Behörde umfasst inzwischen 111.000 laufende Meter Akten, darunter allein 39 Millionen Karteikarten und zahlreiche Videos sowie Tonbänder aus den Abhörzentralen des DDR-Geheimdienstes. Privatpersonen und Institutionen können nach den Vorschriften des Stasi-Unterlagen-Gesetzes (StUG) Einsicht in die Akten nehmen. Die Nachfrage ist auch mehr als 20 Jahre nach der Wiedervereinigung hoch. Inzwischen sind über 6,5 Millionen Anträge und Ersuche bei der Behörde eingegangen.

Es ist auch ein Verdienst mutiger DDR-Bürger, dass die Aufarbeitung der SED-Diktatur in dieser Form überhaupt möglich ist. Nach dem Fall der Mauer am 9. November 1989 hatten sie zahlreiche Niederlassungen der Staatssicherheit besetzt und Stasi-Mitarbeiter so an der Vernichtung der Akten gehindert. Insgesamt retteten die DDR-Bürger rund 16.000 Säcke mit zerrissenen Dokumenten vor der endgültigen Vernichtung. Die Rekonstruktion dieser Akten ist eine Aufgabe der Stasi-Unterlagenbehörde.

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Bei der Aufarbeitung der DDR - Vergangenheit sind die Archive der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU) von grundlegender Bedeutung.

Christoph Kleßmann

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