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UNESCO-Weltbildungsbericht: Bewaffneter Konflikt und Bildung

Bewaffnete Konflikte nehmen Kindern ihre Zukunft. Das ist das Fazit des UNESCO-Weltbildungsbericht 2011, der am 1. März vorgestellt wurde. Gezielte Angriffe auf Schulen, sexuelle Gewalt und andere Menschenrechtsverletzungen gefährden die Bildung von Kindern.

Der Weltbildungsbericht wird seit 2002 jährlich von einem unabhängigen Expertenteam der UNESCO, der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur, verfasst. Er soll über die Umsetzung des Aktionsplans "Bildung für alle" (Education for All, kurz: EFA) informieren. Schwerpunkt des diesjährigen Berichtes ist die Auswirkung von bewaffneten Konflikten auf die Bildung von Kindern.

Laut Bericht besuchen in Staaten mit Konfliktsituationen rund 28 Millionen Kinder im Grundschulalter keine Schule. Das entspricht 42 Prozent aller Kinder ohne Schulzugang weltweit. Die meisten Konflikte stellen für Zivilisten eine größere Bedrohung dar als für Soldaten oder Söldner. Auch die Bildungssysteme sind direkt betroffen, denn Lehrkräfte, Kinder und Schulen geraten immer wieder in die "Schusslinie" von Konfliktparteien.

Allein in Afghanistan wurden 2009 mindestens 613 Schulen angegriffen, mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Im Nordjemen wurden 2009 und 2010 bei Kämpfen zwischen Regierungskräften und Rebellen 220 Schulen zerstört, beschädigt oder geplündert. Die große Mehrheit bewaffneter Konflikte ist innerstaatlich. Der UNESCO-Bericht identifiziert 48 bewaffnete Konflikte in 35 Ländern zwischen 1999 und 2008.

Laut Weltbildungsbericht haben auch andere Arten von Gewalt weitreichende Folgen für Bildung. Vergewaltigung und andere Formen sexueller Gewalt werden in vielen Ländern als Kriegstaktik eingesetzt, wie in Afghanistan, Zentralafrika, Tschad, Kongo und Sudan. Viele der Opfer – meist junge Mädchen – können aufgrund von Verletzungen, Unsicherheit und Angst keine Schule mehr besuchen.

Zusätzlich leiden die Bildungssysteme in Konfliktregionen unter schlechter finanzieller Ausstattung.

Der UNESCO-Weltbildungsbericht 2011 zeigt auch, dass einige Entwicklungsländer in den letzten Jahren deutliche Fortschritte in der Bildung gemacht haben: Zwischen 2000 und 2008 ist die Zahl der Grundschüler in Entwicklungsländern um 39 Millionen auf 106 Millionen angestiegen. Nach wie vor tief verankert im Bildungssystem sind aber die Unterschiede zwischen den Geschlechtern: In Somalia gehen nur halb so viele Mädchen in die Schule wie Jungen. Von den weltweit 796 Millionen Menschen, die nicht lesen und schreiben können, sind fast zwei Drittel Frauen.

Um das Ziel "Bildung für alle" zu erreichen, fehlen nach Schätzungen des Berichtes derzeit jährlich 16 Milliarden US-Dollar. Zwar hat sich ab 2002 die internationale Hilfe fast verdoppelt, seit 2008 stagnierten jedoch die Leistungen. Laut Berechnungen der UNESCO könnte die Finanzierungslücke geschlossen werden, wenn reiche Länder so viel in die Grundbildung ärmerer Länder investierten, wie sie an sechs Tagen für das eigene Militär ausgeben. So könnte die Einschulung aller Kinder weltweit bis 2015 gewährleistet werden.

In 21 der ärmsten Länder der Welt sind zudem die Ausgaben für das Militär höher als für die Grundbildung. Reduzierten diese Länder ihr Militärbudget um 10 Prozent, könnten sie insgesamt rund 9,5 Millionen Kindern zusätzlich einen Zugang zur Schule ermöglichen.


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