Erde

Ein Jahr nach dem Erdbeben in Haiti

Trotz umfangreicher Soforthilfe und internationaler Hilfszusagen: Der Wiederaufbau in Haiti kommt nur langsam voran. Ein Jahr nach dem Beben ist die Lage für viele Menschen weiterhin katastrophal.

Bei dem stärksten Beben in der karibischen Region seit 200 Jahren waren am 12. Januar 2010 etwa 250.000 Menschen ums Leben gekommen. Über 300.000 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt, 1,3 Millionen Menschen obdachlos und 600.000 zu Binnenflüchtlingen. Das Zentrum des Bebens lag nahe der Hauptstadt Port-au-Prince.

Unmittelbar nach dem Beben leisteten weltweit Staaten und Nichtregierungsorganisationen humanitäre Soforthilfe. Sie stellten medizinische Versorgung, Notunterkünfte sowie Trinkwasser- und Nahrungsmittelhilfen bereit. Im März 2010 sagten Staaten und Organisationen auf einer internationalen Geberkonferenz in New York zudem rund zehn Milliarden Dollar für den langfristigen Wiederaufbau zu. Zwei Milliarden Dollar sollten Haiti noch 2010 zukommen. Die Hilfsgelder erreichen das Land allerdings nur langsam. Medienberichten zufolge wurden bislang nur etwa zwei Drittel der für 2010 zugesagten Mittel gezahlt.

Während die Bilanz für die geleistete Soforthilfe überwiegend positiv ausfällt, gestaltet sich der langfristige Wiederaufbau angesichts des Ausmaßes der Zerstörung schwierig. Bis zu 1,5 Millionen Menschen leben nach wie vor in provisorischen Notunterkünften. "Die Trümmer sind noch nicht beseitigt, die Besitzverhältnisse oft kompliziert, und die Regierung ist mit der Herausforderung überfordert", erklärt der Chef des Siedlungsprogramms der Vereinten Nationen in Haiti (UN-HABITAT), Jean-Christophe Adrian, in einem Zeitungsinterview. Schon vor dem Beben galt Haiti als das ärmste Land Amerikas. Zwei Drittel der haitianischen Bevölkerung lebten von weniger als zwei US-Dollar am Tag, 80 Prozent litten an Unterernährung.

Die Hauptstadt Port-au-Prince, und damit das kulturelle, ökonomische und politische Zentrum Haitis, liegt noch immer in Trümmern. Eine Vielzahl internationaler Hilfsorganisationen versorgt die Menschen nach wie vor mit dem Nötigsten: Trinkwasser, Lebensmittel, Latrinen und – seit dem Ausbruch der Cholera im Oktober 2010 – auch mit Chlor und Seife. Bisher sind 150.000 Menschen an der bakteriellen Infektionskrankheit erkrankt, die durch verunreinigtes Trinkwasser oder infizierte Nahrung verbreitet wird. Knapp 3.500 Menschen starben bislang an den Folgen der Krankheit.

Laut UN-Ernährungsorganisation FAO verweigern viele Bauern seit dem Ausbruch der Cholera die Ernte, weil sie eine Ansteckung befürchten, wenn sie mit dem Wasser der Feldbewässerung in Kontakt kommen. Dabei ist Haiti, dessen Fläche nur zu etwa 30 Prozent landwirtschaftlich nutzbar ist, ohnehin stark von Lebensmittelimporten abhängig.

Weiterhin besteht ein politisches Machtvakuum: Seit der chaotischen und von Betrug überschatteten ersten Runde der Präsidentschaftswahlen am 28. November 2010 wartet die Bevölkerung auf einen neuen Präsidenten. Ursprünglich war die Stichwahl zwischen Mirlande Manigat und Jude Célestin für den 16. Januar geplant. Nun wurde sie von der Wahlkommission auf Ende Februar verschoben. Die Oppositionsparteien sehen darin eine bewusste Manipulation des noch amtierenden Präsidenten René Préval, dem viele Haitianer schlechtes Krisenmanagement nach dem Beben vorwerfen.

Die politische Instabilität erschwert vielen Hilfsorganisationen eine langfristige Planung und den gezielten Einsatz der Hilfsgelder. Die Zusammenarbeit mit den haitianischen Behörden sei schlecht, Entscheidungen über Wiederaufbauprojekte blieben aus, so die Chefin der Welthungerhilfe, Bärbel Dieckmann.

Dabei hatte sich die haitianische Regierung unmittelbar nach der Katastrophe in einem Aktionsplan das Ziel gesetzt, Haiti bis zum Jahr 2030 als aufstrebendes Land zu positionieren. Beim Wiederaufbau sollten nicht zuletzt frühere Fehler der Stadtplanung verhindert werden. Der Plan sieht vor, Neubauten sowohl erdbeben- als auch hurrikansicher zu errichten und den Bausektor effektiv zu beaufsichtigen. UN-Stadtplaner Adrian verweist auf einen weiteren zentralen Aspekt: "Wir müssen Grundbedürfnisse vor Ort befriedigen: Schulen und Krankenhäuser bauen, Wasser- und Stromanschlüsse legen." Die in der Hauptstadt Port-au-Prince konzentrierte Infrastruktur soll künftig stärker dezentralisiert werden. Für den ländlichen Raum sind neue wirtschaftliche Entwicklungszentren und Arbeitsmöglichkeiten geplant.


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