Erde

Südsudan entscheidet über Abspaltung

Seit Sonntag (9. Januar 2011) stimmt die Bevölkerung Südsudans in einem Referendum darüber ab, ob der Süden des Sudans unabhängig wird oder Teil des vereinten Sudans bleibt. Es ist der Schlusspunkt des Friedensabkommens zwischen der Zentralregierung in Khartum und der südsudanesischen Volksbefreiungsbewegung – 2005 hatten Nord- und Südsudan den langjährigen Bürgerkrieg beendet.

Die Registrierung zur Volksabstimmung im größten afrikanischen Staat ist seit Dezember abgeschlossen. Nach Angaben der südsudanesischen Referendumsbehörde haben sich über 3,7 Millionen der mehr als fünf Millionen Wahlberechtigten für die Abstimmung registrieren lassen. Das Referendum endet voraussichtlich am 15. Januar, erste Ergebnisse werden spätestens Anfang Februar erwartet.

Um einen neuen unabhängigen Staat bilden zu können, muss bei einer Wahlbeteiligung von mindestens 60 Prozent eine einfache Mehrheit für die Unabhängigkeit stimmen. Sollte eine Mehrheit für eine Abspaltung des Südens zustande kommen, soll das Votum nach Ablauf eines halben Jahres gültig werden.

Das Referendum war bereits 2005 in einem Friedensvertrag vereinbart worden: Nach einem seit 1983 andauernden Bürgerkrieg brachte der Vertrag zwischen der Zentralregierung und der südsudanesischen Rebellenbewegung "Sudan People's Liberation Movement/Army" den Sudanesen den lang ersehnten Frieden.

Im längsten Bürgerkrieg des afrikanischen Kontinents ging es auch um die Ölreserven des Landes. Die Regierung des Präsidenten Omar al-Bashir in Khartum versuchte sich mit der Hilfe arabischer Nomadenmilizen den Zugriff auf die Ölfelder zu sichern und erklärte den Konflikt zum "Heiligen Krieg gegen die Christen und die Ungläubigen". Insgesamt kostete der Krieg rund zwei Millionen Menschen das Leben, vier Millionen wurden vertrieben.

Nach dem Krieg regelte das in der kenianischen Hauptstadt Nairobi unterzeichnete Friedensabkommen von 2005 die Verteilung der südsudanesischen Ölressourcen für beide Bürgerkriegsparteien: der Erlös geht seitdem zu gleichen Anteilen an Süd- und Nordsudan.

Die politische Situation in der Region blieb aber äußerst fragil. Gewalt und Armut dominieren weiterhin den Alltag der rund sechs Millionen Einwohner des teilautonomen Südens. Trotz der Präsenz der Friedensmission der Vereinten Nationen UNMIS (United Nations Mission in Sudan) ist die Sicherheit der Südsudanesen weiterhin von Milizen aus dem Norden und dem benachbarten Uganda bedroht. Internationale Beobachter befürchten einen erneuten Krieg in der Region, sollte eine der beiden Seiten das Ergebnis des Referendums nicht akzeptieren.

Seit dem Ende der Kolonialzeit 1956 haben die Sudanesen keinen andauernden Frieden erlebt. In Sudan wurde seither – mit einer Unterbrechung zwischen 1972 bis 1983 – mit unterschiedlicher Intensität Krieg geführt. Konfliktpotential bietet vor allem das starke Macht- und Ressourcengefälle zwischen der Metropole Khartum im Inneren des Landes und der Peripherie.

Der im März 2009 ausgestellte Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) gegen Präsident al-Bashir hat die politische Lage in Sudan zusätzlich verkompliziert. Er soll wegen Kriegsverbrechen und Gräueltaten an der Zivilbevölkerung im westsudanesischen Darfur zur Verantwortung gezogen werden. Im Juli 2010 stellte der IStGH gegen al-Bashir zudem einen Haftbefehl wegen Völkermordes aus. Es ist das erste Mal, dass ein amtierender Staatschef sich vor dem Gericht verantworten soll.

Am Dienstag (4. Januar) kündigte al-Bashir überraschend an, das Ergebnis des Referendums vorbehaltlos zu akzeptieren. Im Gegenzug erwartet der Präsident aber ein Entgegenkommen des Südens. Beide Landesteile sind aufeinander angewiesen, wenn sie einen wirtschaftlichen Nutzen aus den großen Ölreserven ziehen wollen: Der Süden hat das Öl, der Norden hat die dafür nötige Infrastruktur – samt Pipeline. Der Ausgang des aktuellen Referendums entscheidet also auch darüber, ob der Norden des Landes von den Ölreserven im Süden abgeschnitten wird.


Mehr zum Thema

euro|topics – Presseschau

Sorge um Frieden im Südsudan

Am kommenden Sonntag stimmt der teilautonome Südsudan über seine Unabhängigkeit ab. Obwohl Präsident Omar al-Bashir gesagt hat, er würde eine Abspaltung akzeptieren, sorgt sich die Presse um den friedlichen Ablauf des Referendums und die Stabilität in der Region. Weiter...

Flüchtlingscamp im Süden Sudans im März 2014.

Manfred Öhm

Sudan - Darfur

Nachdem mehrere Friedensabkommen und internationale Friedensmissionen den Krieg der darfurischen Rebellen gegen die sudanesische Zentralregierung nicht eindämmen konnten, gerät der Darfur-Krieg langsam in Vergessenheit und das internationale Engagement in eine Sinnkrise. Die Situation vor Ort ist so dramatisch wie lange nicht. Weiter...

Kann Afrika sich eigenständig entwickeln - ohne Hilfe westlicher Ideologien?

Andreas Eckert Conrad / Stefan Mair / Gero Erdmann / et al.

Herausforderungen und Chancen für die Politik

Der afrikanische Kontinent steht vor großen Herausforderungen. Noch immer prägt die koloniale Grenzziehung den Kontinent, Staatsversagen und -zerfall fordern die Politik heraus. Wie wirkt sich der Ressourcenreichtum auf die Entwicklung aus? Welche Rolle spielen internationale Friedensmissionen? Weiter...