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G20-Gipfel in Südkorea

"Wachstum teilen jenseits der Krise": Unter diesem Motto steht das Gipfeltreffen der G20-Staaten in Seoul. Am Donnerstag und Freitag (11. und 12. November) treffen sich die Regierungschefs der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) in der südkoreanischen Hauptstadt, um über weitere Reformen des globalen Wirtschaftssystems zu beraten.

Die Staats- und Regierungschefs der führenden Wirtschaftsmächte kommen in Südkorea zu ihrem fünften Weltfinanzgipfel zusammen. Hauptthemen des Gipfels sind die Reform des internationalen Währungssystems, Ungleichgewichte im globalen Handel und die Lösung des internationalen Währungsstreits.

Im Vorfeld des Gipfels wurde vor allem über den Abbau globaler Handelsungleichgewichte diskutiert. Die Delegationen der G20-Staaten haben Medienberichten zufolge bei den seit Montag (8. November) laufenden Vorbereitungsgesprächen keinen Konsens in den strittigen Fragen finden können. Auch um einen Entwurf für das gemeinsame Abschlussdokument werde noch gerungen.

Die Handels- und Währungspolitik ist insbesondere unter den wirtschaftlich stärksten G20-Mitglieder seit längerem umstritten. Vor allem China wird vorgehalten, seine Währung künstlich niedrig zu halten, um sich Handelsvorteile zu verschaffen. Auch die Politik der US-Notenbank steht in der Kritik, ihr wird vorgeworfen den Dollar abwerten zu wollen. International steigt die Sorge, dass künftig auch andere Länder mit den gleichen Mitteln operieren und ebenfalls ihre Währungen abwerten könnten: Ein derartiger Abwertungswettbewerb könnte für starke Absatzeinbrüche bei den Handelspartnern sorgen und die Wirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise weiter verschärfen. Eine gemeinsame Linie bei den globalen Handelsungleichgewichten ist nach Ansicht vieler Beobachter aber nicht zu erwarten.

Die Chancen für eine Einigung auf eine stärkere Regulierung der globalen Finanzmärkte stehen hingegen gut. Aller Voraussicht nach werden die Gipfelteilnehmer die sogenannten "Basel-III"-Regeln beschließen. Hier steht vor allem die Verschärfung der Vorschriften für das Eigenkapital von Banken im Mittelpunkt. Das Regelwerk fordert von den Banken unter anderem größere Kapitalpuffer zum Schutz vor finanziellen Engpässen.

Ebenso wird eine Verabschiedung der Reform des Internationalen Währungsfonds (IWF) erwartet. Bereits im Oktober hatten sich die Finanzminister der G20-Staaten im südkoreanischen Gyeongju auf eine Stimmrechtsreform geeinigt. Aufstrebende Volkswirtschaften wie China, Indien und Brasilien sollen künftig mehr Einfluss beim IWF erhalten.

Die G20 gründete sich 1999 aus insgesamt 19 Staaten und der EU als Reaktion auf die Finanzkrisen in Asien, Brasilien und Russland in den 1990er-Jahren. Mitglieder sind Argentinien, Australien, Brasilien, China, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Indien, Indonesien, Italien, Japan, Kanada, Südkorea, Mexiko, Russland, Saudi-Arabien, Südafrika, Türkei und USA sowie die Europäische Union, vertreten durch die Ratspräsidentschaft und den Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB). Darüber hinaus nehmen IWF und Weltbank teil. Der G20-Vorsitz wechselt unter den Mitgliedern. In diesem Jahr hat ihn Südkorea, 2011 übernimmt Frankreich.

Die G20-Gipfel sollten als Dialog- und Kooperationsforum für globale Wirtschaftsfragen fungieren, die bislang Kernthemen der G8 gewesen waren. Die Etablierung der G20-Treffen soll dem wachsenden Einfluss der Schwellenländer auf die Weltwirtschaft Rechnung tragen. Insgesamt vereinen die 20 Staaten etwa 85 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts (BIP) und zwei Drittel der Weltbevölkerung.

An den G20-Treffen nehmen die Finanzminister und die Direktoren der Zentralbanken der einzelnen Länder teil. Im Zuge der Finanzkrise im Herbst 2008 kam die Gruppe erstmals auch auf Ebene der Staats- und Regierungschefs zusammen. Ziel war ein koordiniertes Zusammenspiel der internationalen Gemeinschaft mit dem Ziel, eine weltweite Depression abzuwenden. Als langfristige Aufgabe vereinbarten die Vertreter der Industrie- und Schwellenländer eine Reform des internationalen Finanzsystems. Beim zweiten Treffen in Pittsburgh wurde die G20 in den Rang eines zentralen Forums für Wirtschafts- und Finanzfragen erhoben.

Für das künftige Verhältnis von G8 und G20 werden derzeit vor allem zwei Szenarien diskutiert: Die G20 könnten sich zum zentralen Forum für Wirtschaftsfragen entwickeln, was auf Dauer zu einer Auflösung der G8 führen könnte. Eine weitere Möglichkeit wäre die Koexistenz beider Gruppen, wobei die G20 schwerpunktmäßig Wirtschaftsfragen koordinieren und die G8 sich auf das Feld der Sicherheits- und Entwicklungspolitik konzentrieren würde.


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