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Argentinien als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse

"Cultura en Movimiento – Kultur in Bewegung": Unter diesem Motto präsentiert sich Argentinien in diesem Jahr als Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse, die am Mittwoch (6. Oktober) beginnt. Auch politisch und wirtschaftlich blickt das lateinamerikanische Land auf eine bewegte Geschichte zurück.

Vom 6. bis 10. Oktober findet die Frankfurter Buchmesse statt. Hier treffen sich Verleger, Buchhändler, Autoren, Agenten und Filmproduzenten. Am Wochenende ist die Messe zudem auch für Privatbesucher geöffnet. Insgesamt werden etwa 300.000 Gäste erwartet. In diesem Jahr präsentieren sich mehr als 7.500 Aussteller aus 111 Ländern – knapp die Hälfte davon stammt aus Deutschland. Insgesamt werden mehr als 300.000 Werke vorgestellt, darunter über 100.000 Neuerscheinungen. Die größte deutsche Buchmesse wurde 1949 vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels gegründet und findet jährlich im Oktober in der Messe Frankfurt statt.

Neben Büchern haben digitale Medien wie E-Books aber auch Filme, Spiele und Musik an Präsenz gewonnen. Jedes Jahr werden zudem die Kultur und Werke eines Gastlandes oder einer Gastregion auf der Messe präsentiert. Ehrengast in diesem Jahr ist Argentinien. Unter dem Motto "Cultura en Movimiento – Kultur in Bewegung" werden über 60 argentinische Autoren in Frankfurt erwartet. Insgesamt stehen etwa 300 Veranstaltungen zu Kultur, Literatur und Politik Argentiniens auf dem Programm.

Neben anderen südamerikanischen Ländern feiert auch der Ehrengast Argentinien in diesem Jahr seine 200-jährige Unabhängigkeit. Vor allem Politik und Geschichte des 20. Jahrhunderts waren durch viele tiefgreifende Veränderungen geprägt. Von 1976 bis 1983 wurde Argentinien von einer Militärjunta regiert, die brutal gegen die Opposition vorging: Zehntausende Menschen wurden verschleppt, ohne Prozess festgehalten, gefoltert und ermordet. Nach ihrer Ermordung wurden die Verschleppten an geheimen Orten in anonymen Massengräbern verscharrt oder von Flugzeugen aus in den Rio de la Plata geworfen. Laut offiziellen Angaben erlitten fast 9.000 Menschen dieses Schicksal. Menschenrechtsorganisationen setzen die Zahl der Verschwundenen mit 30.000 sogar noch höher an.

1983 kehrte das lateinamerikanische Land mit der Präsidentschaft Raúl Alfonsíns zur Demokratie zurück. Die darauffolgenden Jahre waren durch häufige Regierungswechsel und große wirtschaftliche Probleme geprägt. Anfang des neuen Jahrtausends fiel das Land in eine tiefe Rezession: die Armutsrate stieg auf gut 50 Prozent der Bevölkerung an, die demokratischen Strukturen drohten zusammenzubrechen und die sozialen Proteste erreichten ihren Höhepunkt.

In den folgenden Jahren gelang es Nestór Kirchner das Land durch eine Reihe von Reformen wirtschaftlich und politisch zu stabilisieren. Seit 2007 wird Argentinien von seiner Frau Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner regiert. Die Kirchners gehören der peronistischen Partei Partido Justicialista (PJ) an, die traditionell landesweit rund die Hälfte der Wählerschaft sammelt. Die PJ entstand in den vierziger Jahren unter dem späteren Präsidenten Juan Perón und hatte zunächst den Charakter einer Arbeiterbewegung. In den 1960er Jahren spaltete sich die Partei in verschiedene Flügel auf. Bis heute prägen die Machtkämpfe der rivalisierenden ideologischen Strömungen innerhalb der PJ die politische Landschaft Argentiniens.

Wirtschaftlich verzeichnete das Land in den vergangenen Jahren hohe Wachstumsraten, die auch durch die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise seit 2008 nur zwischenzeitlich abschwächt wurden. In diesem Jahr prognostizieren Wirtschaftsforscher dem Land Wachstumsraten zwischen 3,5 Prozent und 5 Prozent.


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