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Pakistan und die Folgen der Flut

Seit knapp einem Monat kämpft Pakistan gegen die schlimmste Überschwemmung in der Geschichte des Landes. Jeder Zehnte ist von der Flutkatastrophe betroffen. Mindestens 1.500 Menschen kamen bislang ums Leben. Der Wiederaufbau des Landes wird Jahre dauern.

UN-Angaben zufolge leiden inzwischen mindestens 17 Millionen Menschen in Pakistan an den Folgen der Flut. Viele Betroffene sitzen auf den Dächern ihrer Häuser fest. Andere versuchen das verbliebene Hab und Gut vor Plünderern zu schützen. Nach Schätzungen der UN sind mindestens acht Millionen Menschen akut auf Hilfe angewiesen. Mindestens 1.500 Menschen kamen bislang in den Fluten ums Leben. Und noch immer ist keine Entspannung in Sicht: Am stärksten betroffen war zunächst die nordwestliche Provinz Khyber Pakhtunkhwa, die auch Hauptaustragungsort der militärischen Auseinandersetzungen zwischen der pakistanischen Armee und den Taliban ist. Hier hat sich die Lage einigermaßen stabilisiert. Inzwischen haben die Wassermassen die südliche Provinz Sindh erreicht.

Ganze Städte sind laut UN-Büro für die Koordination Humanitärer Angelegenheiten (OCHA) evakuiert worden. Insgesamt haben die Überschwemmungen eine Fläche von etwa 160.000 Quadratkilometer verwüstet. Eine Fläche größer als England, die vom Nordwesten Pakistans bis zum landwirtschaftlich wichtigen Südwesten reicht. Die logistische Herausforderung für die Hilfsorganisationen und die pakistanische Regierung ist enorm: Viele Regionen sind vollständig von der Außenwelt abgeschnitten, da Brücken und Straßen beschädigt oder zerstört sind. Hilfskräfte haben es deshalb schwer, zu den Menschen vorzudringen. 800.000 Menschen können nur über Hubschrauber mit Nahrungsmitteln, sauberem Trinkwasser und Medikamenten versorgt werden. Nach Angaben des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) seien weitere 40 Helikopter nötig, um die Menschen in den isolierten Regionen zu erreichen.

Die gesundheitliche Situation der Menschen im Katastrophengebiet verschlechtert sich dramatisch: Immer mehr Menschen erkranken vor allem an den Folgen verunreinigten Trinkwassers. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nennt bisher mehr als 200.000 Fälle von akutem Durchfall, mehr als 260.000 Menschen leiden an Hautkrankheiten und mehr als 200.000 Menschen an Erkrankungen der Atemwege. Rund 3,5 Millionen Kindern drohen wegen verschmutzten Trinkwassers tödliche Krankheiten, wie das UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) mitteilte. Darüber hinaus warnte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor einer Hungerkrise: Die Wassermassen haben nicht nur Lebensmittelvorräte, sondern auch weite Teile der landwirtschaftlich genutzten Fläche unbrauchbar gemacht: Über 3,2 Millionen Hektar – 16 Prozent der anbaufähigen Fläche – sind zerstört, was die künftige Ernährungssituation im Land gefährden könnte.

Die Spendenbereitschaft der internationalen Gemeinschaft ist nur schleppend angelaufen. UN-Angaben zufolge benötigt Pakistan Hilfe in Höhe von rund 460 Millionen US-Dollar (rund 360 Millionen Euro). Davon sind etwa 260 Millionen US-Dollar im zuständigen UN-Büro für die Koordination Humanitärer Angelegenheiten eingegangen.

Nach Angaben des pakistanischen Präsidenten Asif Ali Zardari wird der Wiederaufbau des Landes mindestens drei Jahre dauern. Zardari befürchtet zudem, dass islamische Extremisten durch die labile Situation im Land gestärkt werden könnten. Seit Beginn der Katastrophe nutzen die pakistanischen Taliban die Situation, um das Vertrauen der Bevölkerung durch Hilfsmaßnahmen zu gewinnen. Sie wenden sich mit Wohltätigkeitsorganisationen an die Opfer, verteilen Nahrung sowie Medikamente und sammeln Spenden. Präsident Zardari äußerte zudem die Sorge, dass die Extremisten Kinder entführen und als Kindersoldaten missbrauchen könnten. Einige Experten bezweifeln hingegen, dass die Katastrophe den Taliban in die Hände spielt – diese seien weit weg von den Flutgebieten. Zudem lehne die Bevölkerung die Radikalen mehrheitlich ab, so Christian Wagner von der Stiftung für Wissenschaft und Politik.


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