Erde

Pakistan erlebt schlimmste Überschwemmungen in der Geschichte

Starke Monsunregenfälle haben seit Anfang August weite Teile Pakistans überschwemmt. Jeder Zehnte ist inzwischen von den Fluten betroffen. Mindestens 1.400 Menschen kamen ums Leben. Die internationale Gemeinschaft erhöht nun langsam ihre Spendenaufkommen.

Brücken wurden weggespült, Straßen und Häuser zerstört. Millionen Menschen haben ihr gesamtes Hab und Gut verloren und befinden sich auf der Flucht vor den Wassermassen. UN-Angaben zufolge sind inzwischen mindestens 20 Millionen Menschen von der Flutkatastrophe in Pakistan betroffen – jeder zehnte Einwohner Pakistans. Mindestens 1.400 Menschen kamen bislang in den Fluten ums Leben. Mehr als ein Viertel des Landes – von Nordwesten bis zum landwirtschaftlich wichtigen Südwesten – steht unter Wasser. Am stärksten betroffen ist die nordwestliche Provinz Khyber Pakhtunkhwa, die auch Hauptaustragungsort der militärischen Auseinandersetzungen zwischen der pakistanischen Armee und den Taliban ist.

UN-Vertreter schätzen das Ausmaß der Flutkatastrophe größer ein als die Folgen des Tsunami im Indischen Ozean 2004, das Erdbeben in Pakistan im Jahr 2005 und das Beben in Haiti im Januar. Täglich steigt die Zahl der Toten und Verletzten, Seuchenkrankheiten wie Cholera breiten sich aus und fordern weitere Opfer – eine Entspannung der Lage ist nicht in Sicht: Weitere Regenfälle werden vorhergesagt.

Insbesondere in Khyber Pakhtunkhwa sind viele Regionen vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. Rettungskräfte dringen nur schwer zu den Hilfebedürftigen vor, da Brücken und Straßen beschädigt oder zerstört sind. Derzeit fehlt es vor allem an Nahrungsmitteln, sauberem Trinkwasser, medizinischer Versorgung und provisorischen Unterkünften.

UN-Generalsekretär Ban Ki-moon besuchte am Sonntag (15. August) das Flutgebiet und zeigte sich geschockt über die Situation vor Ort: Er habe bereits viele Naturkatastrophen in der Welt gesehen, aber noch keine in diesem Ausmaß. Er appellierte an die internationale Staatengemeinschaft, ihre Hilfeleistungen auszuweiten. UN-Angaben zufolge benötige Pakistan Hilfe in Höhe von 460 Millionen US-Dollar (rund 360 Millionen Euro). Bislang sind etwa 200 Millionen Dollar im zuständigen UN-Büro für die Koordination Humanitärer Angelegenheiten (OCHA) eingegangen. Nach Angaben der zuständigen EU-Kommissarin Kristalina Georgiewa erhöhte die EU-Kommission ihre finanzielle Unterstützung von 40 auf 70 Millionen Euro. Auch die USA, die bislang 90 Millionen Dollar zur Verfügung stellten, wollen ihre Hilfe noch einmal aufstocken. Ferner stellte die Weltbank Pakistan einen Kredit in Höhe von 900 Millionen Dollar bereit.

Die pakistanische Opposition und Bevölkerung üben Kritik am Krisenmanagement des Präsidenten Asif Ali Zardari. Zardari befand sich zu Beginn der Flutkatastrophe auf einer Europareise, die er trotz der sich verschlechternden Situation im Land nicht abbrach. Die betroffenen Gebiete besuchte er erst Mitte August.

Auch von anderer Seite gerät die Regierung in Islamabad unter Druck. Medienberichten zufolge hat die pakistanische Taliban-Organisation Tehreek-e-Taliban Pakistan (TTP) der Regierung das Angebot unterbreitet, 20 Millionen Dollar an Hilfe zu spenden, sollte diese auf US-Hilfe verzichten. Seit Beginn der Katastrophe nutzen die pakistanischen Taliban die Situation, um das Vertrauen der Bevölkerung durch Hilfsmaßnahmen zu gewinnen: Sie wenden sich mit Wohltätigkeitsorganisationen an die Opfer, verteilen Nahrung sowie Medikamente und sammeln Spenden.

Hilfsorganisationen gehen davon aus, dass Pakistan noch jahrelang unter den Folgen der Flut zu leiden hat. Die Wassermassen haben nicht nur Lebensmittelvorräte, sondern auch weite Teile der landwirtschaftlich genutzten Fläche unbrauchbar gemacht: Über 3,2 Millionen Hektar – 16 Prozent der anbaufähigen Fläche – sind zerstört, was die künftige Ernährungssituation im Land gefährden könnte.


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