Erde

Gedenken in Japan

Am 6. und 9. August jähren sich die Atombombenabwürfe über den Städten Hiroshima und Nagasaki zum 65. Mal. Zehntausende kamen dabei ums Leben. Bis heute leiden die Menschen an den Folgen der nuklearen Verseuchung. Seit den 1970er-Jahren verbietet der Atomwaffensperrvertrag die Produktion und Weiterverbreitung von Atomwaffen. Dennoch gibt es weltweit schätzungsweise über 23.000 Atomwaffen.

6. August 1945, ca. 580 m über Bodennull, 8.16 Uhr: Über der japanischen Stadt Hiroshima detoniert die Atombombe mit dem Codenamen "Little Boy". Drei Tage später erfolgt der Abwurf der Atombombe "Fat Man" über der Stadt Nagasaki, die damals ein wichtiger Kriegshafen war. Wenige Tage später, am 15. August 1945, gab Japan seine Kapitulation bekannt. Damit war der 2. Weltkrieg beendet. Bei dem Abwurf der Atombombe auf Hiroshima kamen 80.000 Menschen ums Leben, in Nagasaki starben 75.000 Menschen. In den darauffolgenden Wochen starben mehr als 100.000 Menschen an den Folgen der radioaktiven Verstrahlung.

Unter der atomaren Katastrophe leidet Japan bis heute: Jährlich sterben Tausende Menschen an den Folgen der atomaren Verstrahlung. Insgesamt sind es bis heute mehr als 360.000. Seit 1965 stellt ein Gesetz die kostenlose medizinische Versorgung der Opfer der Atombombenanschläge, "hibakusha" genannt, sicher.

Hiroshima etwa einen Monat nach den Atombombenabwürfen am 6. August 1945, Foto: APHiroshima etwa einen Monat nach den Atombombenabwürfen am 6. August 1945, Foto: AP
Zuvor mussten die Opfer die Kosten dafür selbst tragen. Allerdings erhalten nur etwa zwei Prozent der noch rund 240.000 Überlebenden kostenlose medizinische Versorgung. Deshalb kommt es immer wieder zu juristischen Streitigkeiten zwischen dem japanischen Staat und den Betroffenen. Viele Anträge wurden seitens der Regierung abgelehnt, weshalb die Opfer zahlreiche Gerichtsverfahren in die Wege geleitet haben.

Die Atombombenabwürfe markierten den Anfang einer neuen Epoche, geprägt vom Wettrüsten zwischen den beiden Supermächten USA und Sowjetunion. Für Japan spielt die Katastrophe noch immer innenpolitisch, vor allem aber in den internationalen Beziehungen eine Rolle. Insbesondere die nordkoreanischen Tests von Atom- und Langstreckenraketen stellen Japan vor eine diplomatische Herausforderung: Denn der Abschussort und die Reichweiten der nordkoreanischen Raketen rücken auch Japan, das bis heute auf eine atomare Bewaffnung verzichtet, ins Visier.

Das Land lehnt nach den sogenannten "Nicht-Nuklearprinzipien" aus dem Jahr 1967 die Herstellung, den Besitz sowie die Einfuhr von Atomwaffen ab. Zwar haben diese Prinzipien nicht Gesetzescharakter, gelten aber als eherne Grundsätze des ostasiatischen Landes und sind fest im Bewusstsein der Bevölkerung verankert. Eine Mehrheit der japanischen Bevölkerung, insbesondere die akademische Elite, ist pazifistisch geprägt. Dies ist auch ein Grund dafür, warum Artikel 9 der Verfassung bis heute unangetastet ist: Er verbietet nationale Streitkräfte und "für alle Zeiten" den Einsatz von kriegerischen Mitteln zur Beilegung internationaler Streitigkeiten. Außenpolitisch bekommt das Land Rückendeckung von den USA, die im Rahmen des bilateralen Allianzvertrags einen "nuklearen Schutzschirm" garantieren.

Ende 2009 schätzten Experten den weltweiten Bestand an Atomwaffen auf über 23.000 Sprengköpfe. Offizielle Atommächte sind Russland, die USA, China, Frankreich und Großbritannien. Als Atommacht wird ein Staat bezeichnet, der über Kernwaffen verfügt und zugleich die geeigneten Trägersysteme besitzt, die für den militärischen Einsatz der Kernwaffen vonnöten sind. Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea gelten als inoffizielle Atommächte – sie besitzen Kernwaffen, sind aber nicht dem Atomwaffensperrvertrag beigetreten bzw. haben wie Nordkorea im Januar 2003 ihren Ausstieg erklärt.

Der Atomwaffensperrvertrag (offiziell: Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen) ist international von großer Bedeutung. Das 1970 in Kraft getreten Abkommen verbietet den Nichtkernwaffenstaaten, Atomwaffen herzustellen, zu erwerben und weiterzugeben. Zugleich sichert er ihnen Hilfe bei der zivilen Nutzung der Kerntechnik zu. Dadurch soll die Weiterverbreitung von Atomwaffen verhindert werden. Insgesamt 190 Staaten gehören dem Atomwaffensperrvertrag an.Eine wichtige Säule des Nichtverbreitungssystems ist die Internationale Atomenergieorganisation (IAEO), die auch für die Überwachung des Atomwaffensperrvertrages zuständig ist. Durch Inspektionen soll sie verhindern, dass Nuklearmaterial für die zivile Nutzung der Kernenergie zu militärischen Zwecken missbraucht wird.

Zuletzt haben sich die USA und Russland im April 2010 in einem gemeinsamen Vertrag (Strategic Arms Reduction Treaty START – Vertrag zur Verringerung der strategischen Nuklearwaffen) dazu verpflichtet, die Zahl der einsatzfähigen nuklearen Sprengköpfe innerhalb der nächsten sieben Jahre von je 2.200 auf 1.550 zu reduzieren.


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