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Baltikum – Der Weg zurück in die Unabhängigkeit

Lettland, Litauen, Estland: Nach Jahren der Besatzung erklärten sich vor 20 Jahren die baltischen Staaten unabhängig. Mit ihrem Schritt in die staatliche Eigenständigkeit trugen sie auch zum Zerfall der Sowjetunion bei. Im August 1991 wurde ihre Unabhängigkeit von der EU anerkannt.

Am 4. Mai 1990 entschied Lettland, sich von der Sowjetunion zu lösen und den Weg zurück in die Unabhängigkeit zu beschreiten. Damit folgte das Parlament in Riga dem Vorbild seines baltischen Nachbarn Litauen, das bereits am 11. März die Verfassung der UdSSR formell außer Kraft gesetzt und die "Republik Litauen" ausgerufen hatte. Mit dieser einseitigen Unabhängigkeitserklärung war Litauen auf direkten Konfrontationskurs zu Moskau gegangen. Lettland verabschiedete hingegen wie Estland zunächst nur eine Erklärung, die eine Übergangszeit bis zur vollständigen Unabhängigkeit festlegte. Die Bedeutung der Deklaration war aber dieselbe: Die Rückkehr in die Eigenständigkeit nach fast 50 Jahren sowjetischer Besatzung. Vier Tage nach Lettland erklärte am 8. Mai 1990 auch Estland seine Unabhängigkeit.

Der mit Michail Gorbatschow in der Sowjetunion Mitte der 1980er Jahre einsetzende Wandel hatte politische Freiräume geschaffen. Es war die Zeit von Perestroika und Glasnost. Während die politischen Führungen in Litauen, Lettland und Estland zunächst noch auf der Linie Moskaus blieben, nutzten Kritiker der Sowjetherrschaft Gedenktage wie den Jahrestag der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes (Nichtangriffspakt) für Massenproteste. Vor allem Dissidenten trieben die Oppositionsbewegung voran.

1988 gründeten Oppositionelle in allen drei baltischen Staaten so genannte Volksfronten, um die versprengten Reformkräfte zu bündeln. Die Dachorganisationen wurden vor allem von Esten, Letten und Litauern geführt – die russischsprachige Bevölkerung blieb unterrepräsentiert. Mit den Volksfronten bekamen die kommunistischen Parteien im Baltikum zunehmend Gegenwind zu spüren. Im Gegensatz zu den radikalen Kräften der Opposition verfolgten die neuen Organe zunächst nur eine Demokratisierung im Sinne der Perestroika und keine Wiederherstellung der Unabhängigkeit. Daher stieß ihre Gründung auch nicht auf den Widerstand Moskaus. Doch der Druck der Straße wuchs. Immer wieder fanden Massenproteste statt. Im November 1988 verabschiedete Estland eine Souveränitätserklärung, mit der die nationale Gesetzgebung über die der Sowjetunion erhoben wurde. Nachdem Drohungen aus Moskau für die Republik ohne Konsequenzen blieben, folgten Litauen und Lettland Mitte 1989 dem estnischen Vorbild.

Zum 50. Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes am 23. August 1989 erreichten die Unabhängigkeitsbestrebungen der baltischen Republiken den Höhepunkt: Rund zwei Millionen Menschen bildeten von der estnischen Hauptstadt Tallinn über die lettische Hauptstadt Riga bis in die litauische Kapitale Vilnius die "baltische Kette" – eine über 600 Kilometer lange Menschenkette quer durch das Baltikum. Die Volksfronten demonstrierten damit, dass sie die Massen mobilisieren und die Aufmerksamkeit des Auslands auf ihre politischen Belange lenken konnten. Der Moskauer Führung wurden sie damit endgültig ein Dorn im Auge.

Im Dezember 1989 – die Berliner Mauer war mittlerweile gefallen – sagte sich die kommunistische Partei Litauens von der Moskauer Mutterpartei los. Der Zerfall der Sowjetunion wurde immer sichtbarer. Die Parlamentswahlen Anfang 1990 in allen drei baltischen Staaten wurden zu Referenden über die Unabhängigkeit. Klarer Sieger der Abstimmungen waren die Volksfronten, die sich deutlich gegen die kommunistischen Parteien durchsetzten. Auf dem Weg in die Unabhängigkeit waren die baltischen Nationen damit auf der Zielgeraden angekommen.

Die Litauer stimmten in einer Volksabstimmung am 9. Februar 1991 mit überwältigender Mehrheit für eine Unabhängigkeit. In Estland erklärte der Oberste Rat am 20. August 1991 das Land für eigenständig. Lettland folgte einen Tag später. Damit beschleunigten die baltischen Staaten den Zerfall der Sowjetunion, die ohnehin unter einem wirtschaftlichen Niedergang litt und mit Ablauf des Jahres 1991 aufhörte zu existieren. Bereits im August 1991 erkannte die Europäische Union die Unabhängigkeit der Staaten Lettland, Litauen und Estlands an.


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