Erde

Knapp zehn Milliarden Dollar für Haiti

Eine neue Zukunft für Haiti: Auf Einladung der UN haben sich unter diesem Motto am Mittwoch (31.03.2010) Vertreter von mehr als 150 Staaten auf einer internationalen Geberkonferenz in New York getroffen. Für den langfristigen Wiederaufbau Haitis wollen Staaten und Organisationen rund 10 Milliarden Dollar zur Verfügung stellen. Das ist deutlich mehr als erwartet.

Der Wiederaufbau Haitis hat ein finanzielles Fundament: 59 Staaten und Organisationen haben insgesamt 9,9 Milliarden Dollar für den Wiederaufbau zugesagt. 5,3 Milliarden Euro soll der Karibikstaat in den nächsten drei Jahren erhalten. Ein Großteil kommt mit rund zwei Milliarden Dollar von der Interamerikanischen Entwicklungsbank, Venezuela will 2,12 Milliarden geben, die USA sagten 1,15 Milliarden und die EU 1,65 Milliarden Dollar zu. Eine internationale Expertengruppe hatte die Kosten für den langfristigen Wiederaufbau des Landes auf 11,5 Milliarden Dollar geschätzt. Auch knapp drei Monate nach dem schweren Erdbeben am 12. Januar bestimmen noch immer blaue Zelte und Plastikplanen das Bild Haitis. Allein in der Hauptstadt Port-au-Prince leben 1,3 Millionen Menschen notdürftig in Hütten aus Plastikplanen, in Zelten oder Ruinen. Mindestens 300.000 Menschen kamen bislang ums Leben.

Direkt nach dem Beben leisteten weltweit Staaten und Nichtregierungsorganisationen humanitäre Soforthilfe in Form medizinischer Versorgung, der Bereitstellung von Notunterkünften, Trinkwasser- und Nahrungsmittelhilfen. Der von den Vereinten Nationen eingerichtet Hilfsfond konnte bislang nur knapp die Hälfte der versprochenen 1,4 Milliarden US-Dollar zur Verfügung stellen, Weltbank und Internationaler Währungsfonds knapp eine Milliarde. Unterstützt werden soll die Hilfe durch einen Schuldenerlass durch Weltbank und den Interamerikanische Entwicklungsbank.

Die bevorstehende Regenzeit und Hurrikan-Saison könnten die Lage in Haiti noch einmal verschlechtern. Nach Angaben der Nichtregierungsorganisation Ärzte ohne Grenzen hätten Unterkünfte, Hygiene, Wasser und medizinische Versorgung nach wie vor oberste Priorität. Auch der Leiter der internationalen Hilfsoperationen des Deutschen Roten Kreuzes, Johannes Richert, geht davon aus, dass die Nothilfesituation noch bis Ende des Jahres andauert. Der durch das Beben entstandene Schaden beläuft sich auf etwa 7,9 Milliarden Dollar - 120 Prozent des Bruttoinlandsproduktes im Jahr 2009. Am stärksten betroffen seien Schulen, Krankenhäuser, Straßen, Häfen und Flughäfen - hier wird der Schaden auf 4,3 Milliarden Dollar geschätzt.

Dem akuten Krisenmanagement sollen aber auch Maßnahmen für einen langfristigen Wiederaufbau des Landes folgen, die über die Nothilfe hinaus gehen. Haitis Präsident René Préval hatte dazu auf der Konferenz einen Masterplan zum Wiederaufbau vorgestellt, der in den vergangenen Monaten von über 250 Experten der haitianischen Regierung wie auch internationalen Organisationen ausgearbeitet worden war.

Für diesen Wiederaufbau werden in in den nächsten zehn Jahren etwa 11,5 Milliarden Dollar (etwa 8,38 Milliarden Euro) benötigt, heißt es in dem Entwurf. Die Hälfte dieser Summe soll in den sozialen Bereich fließen, 17 Prozent soll für den Wiederaufbau der zerstörten Infrastruktur und der Häuser ausgegeben werden. 15 Prozent sollen für Umwelt- und Katastrophenschutzmaßnahmen verwendet werden, um künftige Katastrophen vorzubeugen. Auch eine Justizreform soll mit dem internationalen Hilfsgeld finanziert werden. Mit den auf der Geberkonferenz zugesagten 9,9 Millionen Dollar Hilfe, ist der Großteil der benötigten Unterstützung somit gesichert.

Beim Aufbau nach der Katastrophe soll es aber auch darum gehen, frühere Fehler der Stadtplanung zu verhindern. Internationale Organisationen betonen vor allem die Notwendigkeit, die Bevölkerung in die Wiederaufbaupläne mit einzubeziehen und nicht über die Köpfe der Haitianer hinweg zu entscheiden: "Die Haitianer erwarten keine milden Gaben; sie möchten Arbeit, Bildung für ihre Kinder und ein Dach über dem Kopf", sagt der Leiter des Gesamtprogramms der NGO Oxfam in Haiti, Marcel Stoessel. Daher wird auch die Gründung einer unabhängigen Aufbaukommission angeregt, die langfristig ein Wiederaufbauprogramm begleiten und steuern soll.

Ein weiterer Ansatzpunkt des Wiederaufbauplanes stellen der Abbau der großen sozialen Unterschiede in der Bevölkerung, die Etablierung tragfähiger staatlicher Strukturen und die Entwicklung des ländlichen Raumes dar. Weil das Beben vor allem die Metropolen Haitis traf, konzentrierten sich viele Hilfsmaßnahmen zunächst auf den städtischen Raum. Künftig soll die Konzentration der Macht stärker dezentralisiert und im ländlichen Raum neue wirtschaftliche Entwicklungszentren geschaffen werden.

Ein großes Problem ist die Ernährungssituation des Landes, nur etwa 30 Prozent der Fläche können landwirtschaftlich genutzt werden, das Land ist in hohem Maße von Lebensmittelimporten abhängig. Nahrungsmittelimporte und Preisschwankungen auf den internationalen Lebensmittelmärkten treffen Haiti besonders hart. Zuletzt bei der Nahrungsmittelkrise 2008 als sich ein Großteil der Bevölkerung aufgrund der gestiegenen Weltmarktpreise Grundnahrungsmittel wie Reis oder Mais nicht mehr leisten konnte. So hat der haitianische Präsident Préval bereits angemahnt, die Nahrungsmittelhilfen möglichst bald einzustellen, um nicht die nationale Produktion zu gefährden. Auch internationale Organisationen fordern, den lokalen Lebensmittelmarkt in Haiti künftig besser vor den subventionierten internationalen Produkten zu schützen.


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