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80 Jahre "Schwarzer Freitag"

Der 25. Oktober 1929 gilt als dunkelster und folgenreichster Tag der Börsengeschichte. Die Einbrüche an der Wall Street setzten einen Prozess in Gang, der die Weltwirtschaft in eine schwere Krise stürzte.

Besorgte Anleger versammeln sich vor der New Yorker Börse in der Wall Street. Foto: APBesorgte Anleger versammeln sich vor der New Yorker Börse in der Wall Street. Foto: AP
Donnerstag, 24. Oktober 1929, 10.00 Uhr, Wall Street, New York: Die Börse wird von einer Verkaufswelle erfasst. Viele Anleger möchten ihre Aktien loswerden. Allein in der ersten halben Stunde wechseln 1,6 Millionen Aktien ihren Besitzer. Die Panik steigt, die Kurse brechen weg. Aufgrund der Zeitverschiebung zwischen Europa und den USA ist der Tag als "Schwarzer Freitag" in die Geschichte eingegangen.

Dem Börsencrash vorausgegangen war ein enormer Wirtschaftsboom in den 1920er Jahren, die USA erlebten eine beispiellose Konjunkturphase. Investitionen in der Industrie ermöglichten die Einführung modernster Konsumgüter und Technologien, die nun auch für breite Bevölkerungsschichten erschwinglich wurden. Die Industrie baute ihre Produktion bis 1929 massiv aus. Auch der Agrarsektor wuchs deutlich. Im Zuge des Ersten Weltkriegs hatten die USA ihre landwirtschaftliche Produktion ausgeweitet. Sie reagierten damit auf die gewachsene Nachfrage europäischer Staaten, die kriegsbedingt als Produzenten weitesgehend ausgefallen waren.

Der Optimismus der Wirtschaft zeigte sich auch an der Börse. Von 1921 bis 1929 hatte sich der Dow-Jones-Index mehr als verfünffacht. Der Glaube an den anhaltenden Aufschwung der Wirtschaft führte zu umfassenden Aktienspekulationen. Immer mehr Menschen beteiligten sich an den Geschäften des Aktienmarktes. Doch viele Anleger finanzierten ihre Börsengeschäfte mit Krediten, die sie häufig auf Basis überbewerteter Sicherheiten erhalten hatten.

Die positive Entwicklung des Agrarsektors stoppte Mitte der 1920er Jahre. Nachdem die europäischen Staaten ihre landwirtschaftliche Produktion wieder aufgenommen hatten, kam es zu einem Überangebot und damit zu einem Preisverfall. Auch die Industrie hielt zu viele Waren bereit. Der Markt war zunehmend gesättigt. Anfang 1929 setzte eine Rezession ein.

Zunächst waren die Aktien parallel zu den Gewinnen der Unternehmen gestiegen. Doch dann wurde der Boom zur Spekulationsblase. Von der Rezession war an der Börse vorerst wenig zu spüren. Denn trotz sinkender Umsätze und Gewinne stiegen die Kurse zunächst weiter an. Zwar hatte es bereits viele Warnungen gegeben und Anzeichen für das Ende der Konjunktur waren immer deutlicher spürbar. Von den hohen Gewinnen euphorisiert, ließen sich die Anleger aber nicht davon abbringen, weiter in Aktien zu investieren – auch nicht, als der Dow-Jones-Index fiel.

Das Marktgleichgewicht brach auseinander – mit verheerenden Folgen für die Aktienkurse: Am 24. Oktober verfielen die Anleger in Panik – die Blase platzte. Die ersten Verkäufe bewegten die Mehrheit der Anleger dazu, ihre Papiere abzustoßen. Versuche der Börsenleitung, den Handel durch Kaufaufträge zu stabilisieren, scheiterten. Die Anleger waren gezwungen, ihre Wertpapiere mit immer höheren Verlusten zu verkaufen. Es kam zu einer Kettenreaktion: Allein am 24. Oktober verzeichnete der Dow-Jones-Aktienindex einen Kursrückgang von 12,8 Prozent, am 29. Oktober von 11,7 Prozent.

Der "Schwarze Freitag" und der darauf folgende "Schwarze Dienstag" am 29. Oktober markierten den Beginn von Amerikas abruptem Abstieg in Armut und Massenarbeitslosigkeit. Ende 1930 erfasste die Krise auch die Banken. Kunden hoben massenhaft Ersparnisse ab. Von den insgesamt 25.000 US-Banken mussten fast 11.000 geschlossen werden, da sie den Ansturm nicht bewältigen konnten. Die gesunkene Nachfrage und der fehlende Zugang zu Krediten zwangen die Unternehmen zu Massenentlassungen. Auf dem Höhepunkt der Krise stieg die Arbeitslosenquote 1932 auf 23,6 Prozent. Die Industrieproduktion halbierte sich und das Bruttoinlandsprodukt ging um mehr als ein Viertel zurück.

Um sich selbst vor drohender Zahlungsunfähigkeit zu schützen, hatten amerikanische Banken nach den verheerenden Kursstürzen damit begonnen, die an europäische Staaten und Unternehmen vergebenen Kredite zu kündigen und das Geld abzuziehen. Das Deutsche Reich war hier besonders stark betroffen. Die Industrieproduktion ging zwischen 1929 und 1932 um rund 42 Prozent zurück. Regierung und Unternehmen reagierten mit massivem Sozialabbau und Lohnkürzungen. Die Arbeitslosenzahl stieg bis 1932 auf über sechs Millionen und lag im Durchschnitt bei 30 Prozent.


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