Erde

Welternährungstag: Der Hunger nimmt weiter zu

Nie war der Hunger größer: Über eine Milliarde Menschen hungerten im Jahr 2008. Täglich sterben schätzungsweise 25.000 Menschen auf der Welt an den Folgen von Unterernährung. Ursache sind vor allem gestiegene Nahrungsmittelpreise, Naturkatastrophen und die Wirtschaftskrise.

Der diesjährige Welternährungstag am 16. Oktober bringt keine guten Nachrichten: Trotz einer Rekordernte im vergangenen Jahr hat jeder Sechste nicht ausreichend zu essen - damit hat der Hunger in der Welt noch einmal zugenommen. Waren 2007 etwa 900 Millionen Menschen von Unterernährung betroffen, sind es 2008 bereits 1,02 Milliarden. Schätzungen zufolge sterben täglich etwa 25.000 Menschen an den Folgen von Unterernährung. (Quelle: BMZ/Welthungerhilfe). Mehr als 900 Millionen der von Hunger betroffenen Menschen leben in Entwicklungsländern.

Anlässlich des Welternährungstags veröffentlicht das Internationale Forschungsinstitut für Ernährungspolitik (IFPRI) jährlich den Bericht zum Welthunger-Index (WHI). In diesem Jahr misst der WHI erstmals den Zusammenhang zwischen Hunger und der Gleichberechtigung von Frauen und Männern: Dort wo Frauen nicht gleichberechtigt sind, ist laut WHI der Hunger größer. Vor allem ein besserer Zugang zu Bildung und eine höhere Alphabetisierungsquote von Frauen könnten demnach zur Bekämpfung des globalen Hungerproblems beitragen. Die schlechte Ernährungssituation erklären Experten mit den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise - hinzu kommen die extrem hohen Nahrungsmittelpreise in den Jahren 2007 und 2008 und die Zunahme von klimatisch bedingten Überschwemmungen, Dürren und Missernten in vielen Teilen der Welt.

Dabei war die Entwicklung über lange Zeit positiv. Die Lebensmittelpreise waren zwischen 1974 und 2005 um fast 75 Prozent gesunken. In den Entwicklungsländern profitierten davon besonders die Städter, die bäuerliche Landbevölkerung litt jedoch unter dem Preisverfall. Von 2006 bis 2008 stiegen die Preise dann auf ein Rekordniveau.

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Verantwortlich dafür war nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschafts-
organisation der Vereinten Nationen (FAO) zum einen der Anstieg der Produktionskosten: Die hohen Erdölpreise verteuerten vor allem Diesel und Düngemittel. Hinzu kamen Ernteausfälle in deren Folge die Weltgetreidevorräte in kürzester Zeit stark zurückgingen, wie zum Beispiel in Australien. Einige Länder verhängten daraufhin Exportbeschränkungen für Nahrungsmittel, um die Ernährung im eigenen Land sicherzustellen. Dies wiederum begünstigte Spekulationen auf den Finanzmärkten, was zu weiteren Preissteigerungen führte.

Auch die gestiegene Nachfrage nach Biokraftstoffen schafft Probleme, so hat der Anbau von Raps, Soja und Mais zur Erzeugung von Biosprit in den letzten Jahren stark zugenommen. Gleiches gilt für den erhöhten Bedarf von Fleisch- und Milchprodukten in China, Indien und auch Deutschland. Weil zu deren Produktion eine große Mengen an Getreide und Futtermitteln benötigt werden, nimmt auch der Bedarf an Anbaufläche für Futtermittel zu - auf Kosten des Lebensmittelanbaus.

Im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise fielen die Rohstoffpreise wieder und die wichtigsten internationalen Getreidepreise sanken.
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Dadurch entspannte sich die Ernährungslage zwar kurzfristig. Zugleich gingen aber die Investitionsanreize für den landwirtschaftlichen Sektor zurück, was insbesondere die armen Entwicklungsländer trifft. Für die Bauern zieht die weltweite ökonomische Unsicherheit teurere Kredite mit härteren Kreditkonditionen nach sich - eine Tatsache, welche nach Ansicht von Nichtregierungsorganisationen (NGO) ein Umdenken in der gegenwärtigen internationalen Ernährungspolitik erfordere.

Die Welthungerhilfe und die deutsche Sektion der Menschenrechtsorganisation FIAN kritisieren, dass der Fokus der Programme von Weltbank und FAO fast ausschließlich auf der Produktionssteigerung läge. Die Programme würden der Saatgut- und Düngerindustrie als Konjunkturpakete dienen, nicht aber die Situation der Hungernden verbessern.

Sie plädieren deshalb für eine Stärkung des privaten Sektors: Kleinbauern müssten gefördert und die Infrastruktur und Bewässerungssysteme in ländlichen Gebieten ausgebaut werden, um eine ausreichende Nahrungsmittelproduktion vor Ort zu sichern. Vor dem Hintergrund der gewandelten klimatischen Bedingungen müssten bestehende Ackerflächen vor Wind- und Wassererosion und vor chemischer Zerstörung geschützt werden.

Allerdings können auch Erfolge verzeichnet werden: Einige Länder wie Südafrika, Indien und Uganda haben das Recht auf Nahrung von einem bloßen Prinzip zu einem einklagbaren Recht erhoben. So hat etwa der oberste Gerichtshof in Indien nach der Klage einer NGO wegen unzureichender öffentlicher Hungerbekämpfung Sofortmaßnahmen erwirkt: Umgehend mussten Schulspeisungen durchgeführt und Nahrungsmittelhilfe für 15 Millionen Haushalte bereitgestellt werden.


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