Erde

Mehr Hunger, weniger Geld

Während Hunger und Unterernährung immer weiter zunehmen, drosseln Industrienationen ihre Hilfsgelder für die ärmeren Länder. Schuld an der neuen Abwärtsspirale ist die Weltwirtschaftskrise. Das UN-Welternährungsprogramm (WFP) warnt vor einer neuen Form der Armut.

Nach Angaben des WFP werden 2009 mehr als eine Milliarde Menschen an chronischem Hunger und Armut leiden - 100 Millionen mehr als noch im letzten Jahr. Diese Entwicklung könnte die bislang erreichten Erfolge zunichte machen. In den vergangenen vier Jahrzehnten war die Zahl der Hungernden stetig gefallen. Das geht aus einer Studie der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO (Food and Agriculture Organisation) hervor, die Anfang Juni vorgestellt wurde. Damit sind mehr Menschen von Hunger und Unterernährung betroffen als von AIDS, Malaria und Tuberkulose zusammen.

Die Entwicklungen sind dramatisch - vor allem mit Blick auf den aktuellen Etat des UN-Welternährungsprogrammes. Das benötigte und von den Geberländern zugesagte Budget der Organisation für dieses Jahr belaufe sich auf 6,7 Milliarden Dollar (4,7 Milliarden Euro). Einnahmen seien jedoch nur im Wert von 3,7 Milliarden Dollar zu erwarten, gab WFP-Direktorin Josette Sheeran am Mittwoch (29.07.2009) in Washington bekannt. Infolge der Wirtschaftskrise würden immer mehr Länder ihre Finanzhilfen für die armen Länder zurückfahren - viele hielten ihre finanziellen Zusagen nicht ein. Bislang verfüge das WFP nur über 1,8 Milliarden Dollar, weshalb die UN-Organisation ihre Lebensmittelrationen in mehreren Ländern bereits verringern musste. Das Welternährungsprogramm unterstützt die am schlimmsten betroffenen Länder. In diesem Jahr werden dies in 74 Ländern rund 105 Millionen Menschen sein.

Die Abwärtsspirale trifft die Hungernden gleich doppelt: Während auf der einen Seite die Hilfen reduziert werden, steigen die Preise für Lebensmittel. Dabei betont das WFP, dass die Auswirkungen der Wirtschaftskrise nicht zwangsläufig die Ärmsten der Armen treffen, sondern eine neue Gruppe von Menschen in Armut zu stürzen droht: ungelernte Arbeiter im städtischen Raum, die auf Rücküberweisungen (Geldüberweisungen von Migranten in ihre Herkunftsländer) angewiesen sind, sowie Arbeiter im Exportsektor, im Bergbau und im Tourismus. Rückläufige Auslandsüberweisungen, steigende Arbeitslosigkeit sowie sinkende Exporterlöse und Investitionen sind dafür die Hauptursachen. Dies geht aus der WFP-Studie hervor, in der die Organisation die Auswirkungen der Finanzkrise auf die Entwicklungen in fünf Ländern - Armenien, Bangladesch, Ghana, Nicaragua und Sambia - untersucht hat. Die Länder gelten als repräsentativ für viele andere Staaten, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen.

In Armenien seien die Rücküberweisungen aus dem Ausland, die 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und die Haupteinnahmequelle für ein Viertel aller Haushalte ausmachen, im ersten Quartal 2009 im Vergleich zum Vorjahr um ein Drittel gesunken. Viele Haushalte würden bereits jetzt Nahrungsmittel auf Kredit kaufen und riskierten, in eine Schuldenfalle zu geraten. Auch Bangladesch habe mit diesem Problem zu kämpfen. Die Zahl der Arbeitsmigranten ist in den ersten drei Monaten des Jahres um 40 Prozent zurückgegangen, so die Studie. Damit bleiben nicht nur die Rücküberweisungen aus - auch die Situation im Land wird durch den Kampf um Arbeit verschärft.

In Sambia sind die Preise für Nahrungsmittel besonders hoch. Grundnahrungsmittel haben sich gegenüber dem vergangenen Jahr um bis zu zwei Drittel verteuert. Zudem sei der Preis für Kupfer, das Hauptexportgut, drastisch gesunken. Geschätzte 8.000 Arbeitsplätze sind dadurch auch in der relativ wohlhabenden "Copperbelt Province" weggefallen, wo rund 30.000 Menschen im Bergbau tätig sind. Die Arbeitslosigkeit trifft die Bergarbeiter auch in anderer Hinsicht: Viele waren abhängig von ihren Arbeitgebern hinsichtlich Mahlzeiten und medizinischer Versorgung, wie beispielsweise HIV-Medikamenten.

Aufgrund der zunehmenden Armut beginnen die Menschen die Anzahl ihrer Mahlzeiten zu reduzieren und sich billiger, aber weniger gehaltvoll zu ernähren. Zudem wird weniger für medizinische Versorgung ausgegeben. Und auch die Bildung ist von den Auswirkungen der Krise betroffen: In manchen Fällen würden Eltern bereits ihre Kinder von der Schule nehmen. Auch für die Volkswirtschaft vieler Länder stellt der Hunger ein gravierendes Problem dar: Ökonomen schätzen, dass jedes Kind, das an Hunger und Mangelernährung leidet und körperliche und geistige Schäden davonträgt, dadurch fünf bis zehn Prozent seiner potentiellen finanziellen Einnahmen während seines gesamten Lebens einbüßt.


Mehr zum Thema

Hintergrund aktuell (16.10.2008)

Welternährungstag

Der Hunger in der Welt nimmt zu. Mehr als 900 Millionen Menschen leiden an Unterernährung. Steigende Lebensmittelpreise und der wachsende Bedarf an Biokraftstoffen könnten diese Tendenz in Zukunft noch verstärken. Weiter...

Armut

Zahlen und Fakten

Armut

Menschen sind von extremer Armut betroffen, wenn sie in Haushalten mit Einkommen von weniger als 1,90 US-Dollar pro Tag und Kopf leben. 1981 galt dies noch für 44 Prozent der Weltbevölkerung bzw. knapp zwei Milliarden Menschen. Ende 2015 war weltweit weniger als jeder Zehnte von extremer Armut betroffen – rund 700 Millionen Menschen. Weiter...

Franz Nuscheler

Wie geht es weiter mit der Entwicklungspolitik?

Bei aller Kritik muss die Entwicklungspolitik schon aus "wohlverstandenem Eigeninteresse" weitergehen. Darüber hinaus ist sie eine Frage internationaler Gerechtigkeit und Solidarität. Weiter...