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Bundeswehr: Offensive in Afghanistan

Es ist die bisher größte Offensive von Bundeswehrsoldaten in Afghanistan: Mit Panzern sowie Mörsern sind seit vergangenem Sonntag (19. Juli 2009) rund 300 deutsche Soldaten an einem Kampfeinsatz im Raum Kundus im Norden Afghanistans beteiligt. Sie sollen vor allem für Sicherheit bei den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen sorgen.

Schützenpanzer Marder bei einer Übung in Deutschland. Foto: APSchützenpanzer Marder bei einer Übung in Deutschland. Foto: AP
Am Mittwoch (22. Juli 2009) erklärte der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Wolfgang Schneiderhan, auf einer Pressekonferenz in Berlin, die Bundeswehr habe gemeinsam mit afghanischen Sicherheitskräften eine Offensive in Nordafghanistan gegen die radikal-islamischen Taliban gestartet. Angaben afghanischer Streitkräfte zufolge hat der groß angelegte Einsatz gegen die Taliban in ihrer Hochburg Chahar Darreh im Südwesten der Stadt Kundus bereits am Sonntag (19. Juli 2009) begonnen.

Die Führung der Operation übernehmen afghanische Sicherheitskräfte. Rund 800 Soldaten der Armee und 100 Polizisten sind im Einsatz. Deutschland beteiligt sich mit 300 Mann der Schnellen Eingreiftruppe QRF (Quick Reaction Force) an der Operation. Nach Angaben des Verteidigungs-
ministeriums sind Mörser im Einsatz, unterstützt von Schützenpanzern vom Typ Marder und Kampfjets der ISAF-Truppen. Bundeswehr-Generalinspekteur Schneiderhan sagte, dies sei "wahrscheinlich der größte" Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan - er soll etwa eine Woche dauern.

Ziel der Kampfhandlungen, so der Oberkommandierende der afghanischen Kräfte, Murad Ali Murad, sei die Sicherstellung des reibungslosen Ablaufs der afghanischen Präsidentschaftswahlen. Diese finden am 20. August statt. Die Wahlen für das Präsidentenamt und die Provinzräte im August markieren einen Wendepunkt beim Aufbau demokratischer Strukturen: Standen die letzten – und ersten freien – Präsidentschaftswahlen im Jahr 2004 noch unter der Organisation der internationalen Gemeinschaft, werden sie 2009 erstmals von den Afghanen selbst vorbereitet und durchgeführt. Große Gefahr geht jedoch von den Taliban aus. Sie drohen offen damit, Wahllokale anzugreifen und potentielle Wähler zu töten.

Der jetzigen Operation ging eine wachsende Zahl von Anschlägen der Taliban voraus. Die unter dem Verantwortungsbereich der Bundeswehr stehende Provinz Kundus hat sich zu einer der gefährlichsten Regionen Afghanistans entwickelt.

Trotz der steigenden Präsenz internationaler Schutztruppen ist der Einfluss der Taliban in den vergangenen Monaten stark angestiegen. "Die Taliban treten militärischer auf", so Schneiderhan. Deswegen müssten alle Möglichkeiten zur Abschreckung der Terroristen genutzt werden. Zudem wird der Norden Afghanistans strategisch immer wichtiger, seit sich die US-Armee und die ISAF-Führung darum bemühen, die gefährdeten Versorgungsrouten für die internationalen Truppen von Pakistan nach Zentralasien zu verlegen.

Verteidigungsminister Franz-Josef Jung zufolge bleibe aber die Ausbildung der Sicherheitskräfte vor Ort eine der wichtigsten Aufgaben der Bundeswehr. Ziel sei weiterhin, dass die afghanische Armee am Ende über 134.000 Soldaten verfügen sollte – bisher seien etwa 80.000 ausgebildet. Ferner übernimmt Deutschland seit April 2002 die führende Rolle im Polizeiaufbau, wobei deutsche Beamte vor allem für die Aus- und Fortbildung ihrer afghanischen Kollegen zuständig sind. Damit, so die langfristige Strategie, soll die afghanische Regierung selbst für Sicherheit in ihrem Land sorgen.

Deutschland beteiligt sich momentan mit mehr als 4.000 Soldaten am ISAF-Einsatz und ist damit der drittgrößte Truppensteller der Mission. Seit Mitte 2006 hat es die Verantwortung für die Operation in der Nordregion. Am 16. Oktober 2008 stimmte der Bundestag der Fortsetzung der Beteiligung deutscher Streitkräfte an dem Einsatz der ISAF unter Führung der NATO und auf Grundlage einer Resolution der Vereinten Nationen zu. Im Rahmen des NATO-Aufklärungseinsatzes sprach sich das Parlament zuletzt für eine Beteiligung deutscher AWACS Streitkräfte (Airborne Warning and Control System) aus.


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