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Das Massaker von Srebrenica

Am 11. Juli 1995 fallen serbische Einheiten von General Ratko Mladic in die Kleinstadt Srebrenica ein und töten in den darauf folgenden Tagen etwa 8000 Muslime. Der Massenmord während des Bosnienkrieges hat sich in das öffentliche Bewusstsein eingegraben. Was geschah vor 14 Jahren und was sind die Folgen?

Eine bosnische Muslimin trauert in der Srebrenica-Gedenkstätte in Potocari.Foto: APEine bosnische Muslimin trauert in der Srebrenica-Gedenkstätte in Potocari.
Foto: AP
Srebrenica liegt in einem grünen Talkessel im Osten von Bosnien und Herzegowina, nahe der Grenze zu Serbien. Vor Beginn des Bosnienkrieges 1992 hatte die Kleinstadt etwa 8000 Bewohner. Im Laufe des Konflikts vervielfacht sich diese Zahl: Zehntausende Menschen drängen aus den umliegenden Dörfern nach Srebrenica. Es sind vor allem bosnisch-herzegowinische Muslime, die Schutz vor den Soldaten des Generals Ratko Mladic suchen. Der Befehlshaber der bosnischen Serben zieht den Belagerungsring um die muslimische Enklave immer enger. In Srebrenica wähnen sich die Flüchtlinge in Sicherheit. Die UN hat das Gebiet zur Schutzzone erklärt. Niederländische und kanadische Truppen sollen dafür bürgen. Doch der politische Führer der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, und sein Militärchef Mladic lassen sich nicht aufhalten. Am 11. Juli 1995 nehmen die bosnisch-serbischen Einheiten die Stadt ein und begehen einen schrecklichen Massenmord.

Mehrere tausend Flüchtlinge versuchen durch die Wälder in Richtung bosnisch-muslimisch kontrolliertes Gebiet zu entkommen. Andere Flüchtlinge sehen den Stützpunkt der niederländischen Blauhelmsoldaten als letzte Hoffnung. Deren Basis liegt im sechs Kilometer entfernten Dorf Potocari, das zur Enklave Srebrenica zählt. Am Abend des 11. Juli drängen sich etwa 25.000 Menschen auf dem Gelände der ehemaligen Batteriefabrik, die meisten von ihnen Frauen, Kinder und Alte. Nahrung und Wasser sind knapp. Es herrscht Chaos.

Viele der Flüchtlinge übernachten im Freien. Von Srebrenica rücken die Einheiten von Mladic schon bald nach Potocari vor. Am 12. und 13. Juli beginnen die Soldaten dort Frauen und Männer zu trennen. Sie geben vor, nach Kriegsverbrechern zu suchen. Die etwa 350 Blauhelme auf dem UN-Stützpunkt sind überfordert. Ihnen fehlt das Mandat einzugreifen. So sehen die Niederländer tatenlos zu, wie Mladic seine gezielte "ethnische Säuberung" fortsetzt: Frauen und Kinder werden auf Lastwagen und Bussen abtransportiert und bis kurz vor bosnisch-muslimisch kontrolliertes Gebiet gebracht. Die zurückgebliebenen Männer, die meisten von ihnen im wehrfähigen Alter, werden von Mladics Männern an verschiedenen Orten hingerichtet und verscharrt. Um den Massenmord an den etwa 8000 Menschen zu verschleiern, heben die Täter einige Gräber später wieder aus und verteilen die menschlichen Überreste auf andere Gebiete. Das Umbetten der Leichen findet auch nach Ende des Krieges noch statt.

Auf dem 2003 eingeweihten Gedenkfriedhof in Potocari sind bislang mehr als 3200 Opfer des Massakers beigesetzt worden. An diesem Wochenende (11./12.07.2009) sollen bei der Gedenkveranstaltung etwa 500 weitere beerdigt werden. Noch immer werden neue Massengräber entdeckt. Die Suche nach den Opfern geht weiter.

Die UN deklariert das Massaker an den bosnischen Muslimen als Völkermord. Ende Februar 2007 bewertete der Internationale Gerichtshof die Gräueltaten ebenfalls als Genozid. Einige der Täter hat das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag schon verurteilt. Das Verfahren gegen den Ex-Präsident der bosnischen Serben, Karadzic, läuft noch. Er wurde erst 2008 gefasst. Einer der mutmaßlichen Hauptverantwortlichen lebt weiter auf freiem Fuß: Ratko Mladic. Er wird in Serbien vermutet.

Doch die Schuldigen werden nicht nur in den Reihen der bosnischen Serben gesucht: Vor allem die Führung der niederländischen UN-Schutztruppe trifft immer wieder Kritik. Ihnen wird Tatenlosigkeit vorgeworfen. Sogar von Beihilfe zum Kriegsverbrechen ist die Rede. 2007 erhoben Opfer-Familien Klage gegen den niederländischen Staat und die UN. Im vergangenen Jahr entschied ein niederländisches Gericht jedoch, dass die Vereinten Nationen juristische Immunität genieße. Auch die Klage gegen den niederländischen Staat wurde abgelehnt. Die Hinterbliebenen haben gegen die Urteile teilweise Berufung eingelegt.

Was bleibt, ist auch die neu belebte Diskussion über staatliche Souveränität. Dazu trugen neben dem Fall Srebrenica auch ähnliche Verbrechen in Afrika bei: Der Völkermord in Ruanda mit hunderttausenden Toten oder der Konflikt in der sudanesischen Krisenregion Darfur. Die Fragen, die sich die internationale Gemeinschaft stellt, lauten: Wie kann ein zweites Srebrenica verhindert werden? Wann ist ein militärischer Eingriff nötig?

Zusammengefasst wird die von der UN angestoßene Debatte unter dem Motto "Responsibility to Protect" ("Verantwortung zum Schutz", R2P). Demnach ist eine Einmischung der internationalen Gemeinschaft gefragt, wenn ein Staat nicht in der Lage ist, die eigene Bevölkerung vor Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen zu schützen. Als letztes Mittel wird auch ein militärischer Eingriff nicht ausgeschlossen. Wie man jedoch sicherstellen will, dass der Westen aus rein humanitären Gründen handelt und nicht aus Eigeninteresse, bleibt strittig. Auch wenn das Srebrenica-Massaker Vergangenheit ist, die dadurch mit ausgelöste Debatte ist noch lange nicht beendet.


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