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Schwere Unruhen in Westchina

Bei Unruhen in der mehrheitlich von muslimischen Uiguren bewohnten nordwestchinesischen Region Xinjiang sind mindestens 140 Menschen getötet worden, über 800 wurden verletzt. Das berichtet die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua. Anlass für die Proteste war der Tod von zwei uigurischen Fabrikarbeitern Ende Juni.

Chinesischen Medienberichten zufolge war die Situation in Urumqi, der Hauptstadt der autonomen Region Xinjiang, am Sonntag (05.07.2009) eskaliert: Demonstranten hätten Passanten angegriffen, Fahrzeuge in Brand gesetzt und Straßen blockiert. Dabei seien mindestens 140 Menschen ums Leben gekommen, weitere 828 sollen verletzt und einige hundert verhaftet worden sein. Insgesamt sollen sich rund 3000 Menschen an einer zunächst friedlichen Demonstration beteiligt haben. Auslöser der Proteste sei der Tod von mindestens zwei uigurischen Fabrikarbeitern in der südchinesischen Stadt Shaoguan Ende Juni gewesen, so die chinesische Agentur Xinhua. Die Demonstranten forderten die Untersuchung der Todesumstände der Arbeiter. Die Provinzregierung machte uigurische Separatisten für die Gewalt verantwortlich. Nachdem die Präsenz von Polizei und Streitkräften erhöht worden war, hat sich die Situation in der Gebietshauptstadt zunächst wieder beruhigt. Die Botschaft der Volksrepublik China erklärt heute (06.07.2009) auf ihrer Internetseite, es handele sich bei den Unruhen um Sabotageakte.

China - Klicken Sie zum Vergrößern auf die Grafik! Quelle: CIA WorldfactbookChina - Klicken Sie zum Vergrößern auf die Grafik! Quelle: CIA Worldfactbook
Die Uiguren sind eine muslimische Volksgruppe von etwa zehn Millionen Menschen. Mehr als acht Millionen von ihnen leben in der an Pakistan und Afghanistan angrenzenden Provinz Xinjiang im Nordwesten Chinas. Neben den Tibetern und Mongolen zählen die Uiguren damit zu den größten Minderheiten. Wie die Tibeter streben auch sie mehr politische und kulturelle Rechte in der Region an, die sie als Ostturkestan bezeichnen. China hatte Xinjiang 1949 annektiert und 1955 zum "Uigurisch Autonomen Gebiet Xinjiang" ernannt, die Selbstständigkeit existiert allerdings in erster Linie auf dem Papier. Denn gleichzeitig wurde hier die Ansiedlung von Han-Chinesen in der Region vorangetrieben - allein in den vergangenen zehn Jahren kamen mehr als 1,2 Millionen Chinesen nach Xinjiang.

Von Peking wird die Volksgruppe als ethnisch-nationalistische Bedrohung für den chinesischen Staat empfunden Die mehrheitlich muslimische Bevölkerung wird laut einem Bericht von Human Rights Watch in der Ausübung ihrer Religion unterdrückt. Die "Hauptaufgabe" der chinesischen Behörden in Xinjiang besteht laut Bericht darin, Religion zu verwalten und sie der zentralen Aufgabe des wirtschaftlichen Aufbaus, der Einigung des Vaterlands und dem Ziel nationaler Einheit unterzuordnen". Die chinesische Regierung kontrolliere etwa, wer ein Geistlicher sein dürfe, welche Version des Korans akzeptabel sei und welche religiösen Versammlungen abgehalten werden dürften.

Mit dem Verweis auf die territoriale Integrität des Landes geht China besonders hart gegen die so genannten "drei üblen Kräfte" vor, im Einzelnen Separatisten, Terroristen und religiöse Extremisten". Im Januar haben die chinesischen Behörden erstmals offizielle Zahlen über die Verhaftung von Angehörigen der Volksgruppe der Uiguren veröffentlicht, wie die Gesellschaft für bedrohte Völker auf ihrer Website (GfbV) berichtet. 2008 seien in den ersten elf Monaten 1295 Uiguren wegen "Gefährdung der Sicherheit des Staates" oder verbotener religiöser Aktivitäten festgenommen worden. Gegen 1154 von ihnen sei Anklage erhoben worden, einige sollen in Arbeitslager eingewiesen worden sein.

Offiziell begründet China sein rigides Vorgehen gegen die Volksgruppe mit der Gefahr der Ausbreitung des Terrorismus in Xinjiang, insbesondere im Rahmen des internationalen "Kampfes gegen den Terrorismus". Nach Angaben von Amnesty International setzt China zunehmend nun auch Nachbarstaaten wie Kirgisistan, Usbekistan und Kasachstan unter Druck, Uiguren an China auszuliefern, wo ihnen unter anderem die Todesstrafe drohe.

Für die chinesische Regierung ist das Gebiet aber auch in geopolitischer Hinsicht von strategischer Bedeutung. Die Region ist reich an Bodenschätzen wie Kohle, Gold und Uran. Zudem gibt es in dem Gebiet, das fast fünf Mal so groß ist wie Deutschland, große Erdöl- und Erdgasvorkommen: Wurden 1990 in der Region nur sieben Millionen Tonnen Öl gefördert, waren es im vergangenen Jahr laut GfbV bereits über 27 Millionen Tonnen. 2008 wurde Xinjiang zum zweitwichtigsten Erdölproduzenten in China.

Eine uigurische Frau mit Kind passiert ein zerstörtes Auto in der Regionshauptstadt Ürümqi (15.07.2009).

Thomas Heberer

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