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Kein Ende der Gewalt im Nordwesten Pakistans

Der Nordwesten Pakistans kommt nicht zur Ruhe: Nach eigenen Angaben hat die pakistanische Armee etwa 80 Personen befreit, die am Montag (01.06.2009) von den Taliban entführt worden waren. Nach dem Scheitern eines Abkommens zwischen den Taliban und der pakistanischen Regierung sind die Kämpfe in der Region seit einem Monat wieder entfacht.

Bei den Entführten soll es sich um Schüler und Ausbilder einer Militärschule handeln. Erste Augenzeugenberichte sprachen von mehreren hundert Geiseln, über die genaue Zahl herrschte jedoch Unklarheit. Die islamistischen Taliban hatten diese am Montag in ihre Gewalt genommen. Einen Tag später (02.06.2009) seien sie nun im Bezirk Goryam in Nord-Waziristan nach einem kurzen Feuergefecht von Soldaten befreit worden, wie Generalmajor Athar Abbas mitteilte. Die Terroristen hätten daraufhin die Flucht ergriffen - das Geiseldrama sei beendet, so Abbas. Die Taliban sollen versucht haben, die Geiseln nach Süd-Waziristan zu verschleppen, wo in den kommenden Tagen eine Offensive der pakistanischen Streitkräfte gegen die Islamisten erwartet wird.

Der Nordwesten des Landes, insbesondere die Region um das Swat-Tal, ist seit einem Monat Austragungsort schwerer Gefechte zwischen der pakistanischen Armee und Gruppen der Taliban. Hintergrund ist ein im April 2009 gescheitertes Abkommen, das Pakistans Staatschef Asif Ali Zardari ausgehandelt hatte: Die Taliban sollten ihre Waffen niederlegen und im Gegenzug in der Region Malakand, zu der das Swat-Tal und fünf weitere Distrikte gehören, die Scharia einführen dürfen. Durch die Zugeständnisse an die Militanten wollte die pakistanische Führung die Spirale der Gewalt brechen. Allerdings ging die Rechung nicht auf: Die Taliban brachten vom Swat-Tal aus mehrere Distrikte unter ihre Kontrolle und rückten auch nahe an die Hauptstadt Islamabad heran. Daraufhin griff die pakistanische Armee Ende April mit einer neuen Offensive wieder in das Kampfgeschehen ein. Nach pakistanischen Angaben hatte das Militär am Wochenende Mingora, die wichtigste Stadt im Swat-Tal, von den Aufständischen zurückerobert.

In immer stärkerem Maße ist auch die Zivilbevölkerung von den Kämpfen betroffen. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind im Nordwesten Pakistans mittlerweile über eine Millionen Menschen auf der Flucht. Mehr als 100.000 Pakistani verlassen täglich ihre Heimat. Hinzu kommen 550.000 Flüchtlinge, die bereits bei Kämpfen im August 2008 vertrieben wurden. Unklar ist, wie viele Zivilisten ums Leben kamen und wie viele noch in den Kampfgebieten eingeschlossen sind.

Seit die Taliban Ende 2008 die Kontrolle über das Swat-Tal übernommen haben und hier eine Quasi-Autonomie errichteten, ist die Stabilität Pakistans gefährdet. Bereits seit 2006 ist vermehrt die Rede von einer "Talibanisierung" der nordwestlichen Grenzprovinz und der paschtunischen Stammesgebiete (Federally-Administered Tribal Areas, FATA). Hier setzte sich eine neue Generation von Stammesführern durch, die nicht mehr in Afghanistan kämpften, sondern auch den pakistanischen Staat zum Ziel ihrer Aktivitäten erkoren. Nach der Erstürmung der Roten Moschee in Islamabad 2007, dem Zentrum der radikalen Islamisten, zogen sich die Islamisten in den Nordwesten Pakistans und die angrenzenden Stammesgebiete zurück - Gebiete, über die die pakistanische Regierung seit jeher wenig Kontrolle hat.


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