Erde

Bologna-Prozess: Einheitliches europäisches Hochschulwesen

Im belgischen Leuven trafen sich am 28. und 29. April die Bildungsminister von 46 Staaten zur turnusmäßigen Folgekonferenz des Bologna-Prozesses. Die Bemühungen zur Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulwesens bis 2010 sollten begutachtet und vorangetrieben werden.

Das einheitliche europäische Hochschulwesen wird kontrovers diskutiert. Foto: iStockphotoDas einheitliche europäische Hochschulwesen wird kontrovers diskutiert. Foto: iStockphoto
Im italienischen Bologna kamen 1999 die Bildungsminister 29 europäischer Staaten zusammen, um eine verständliche und vergleichbare Anerkennung von Studienabschlüssen voranzutreiben. Dem Treffen ging die so genannte Sorbonne-Erklärung aus dem Jahr 1998 voraus in der die Bildungsminister Deutschlands, Frankreichs, Italiens und des Vereinigten Königreichs bekundeten, die Hochschulentwicklung gemeinsam fördern zu wollen.

Ein Jahr später wurde dieses Bestreben auf breiter Basis in der so genannten Bologna-Erklärung verabschiedet. Kernpunkte dieser Erklärung sind die Verständlichkeit und Vergleichbarkeit von Hochschulabschlüssen, die Einführung eines zweistufigen Studiensystems (Bachelor und Master) sowie die Förderung der Mobilität von Hochschulangehörigen.

Auf den Folgekonferenzen, die in zweijährigem Turnus stattfinden, konkretisierten sich die gemeinsamen Bemühungen. Mittlerweile sind an dem Prozess 46 Länder beteiligt, darunter alle EU-Mitglieder, aber auch Staaten wie Aserbaidschan, Russland und der Vatikan. Die Mitgliedschaft am Bologna-Prozess steht allen Ländern offen, die die Europäische Kulturkonvention des Europarats unterzeichnet und sich bereiterklärt haben, in ihrem eigenen Hochschulwesen die Ziele des Bologna-Prozesses umzusetzen.

Für Deutschland haben Bund und Länder die Bologna-Erklärung gemeinsam unterzeichnet. Die Umsetzung der Reformen obliegt ihnen im Rahmen ihrer jeweiligen Zuständigkeiten. Begleitet wird der Reformprozess unter anderem durch die Hochschulrektorenkonferenz, die Kultusministerkonferenz, den Deutschen Akademischen Austauschdienst wie auch durch Studierendenvertretungen und Arbeitgeberverbände.

Das bekannteste Ergebnis des Bologna-Prozesses ist die Umstellung der Studiengänge auf das zweistufige Bachelor- und Master-System. Im Wintersemester 2008/2009 waren bundesweit bereits 76 Prozent der insgesamt 12.300 Studiengänge in Deutschland umgestellt. Der Anteil der Studierenden in Bachelor- und Master-Studiengängen im Wintersemester 2007/2008 lag bei 30 Prozent. In einem umgestellten Studiengang immatrikulierten sich 64,5 Prozent der Studienanfänger.

In Deutschland wird das relativ neue System kontrovers diskutiert. Befürworter betonen insbesondere die starke Praxisorientierung des zweistufigen Systems, die es Studierenden schneller als bisher ermöglichen soll, ins Berufsleben einzusteigen. Die internationale Vergleichbarkeit von Studienabschlüssen soll zudem eine größere Flexibilität auf dem europäischen Arbeitsmarkt fördern. Angesichts der bisherigen praktischen Umsetzung der Bologna-Beschlüsse gibt es aber auch Bedenken.

Von Lehrenden wie auch von Studierenden wird zunehmend der hohe Leistungsdruck kritisiert, der mit der Komprimierung der bisherigen Studieninhalte in das verkürzte Bachelor-Studium einhergeht. Auch werde das Humboldtsche Bildungsideal der Einheit von Forschung und Lehre zunehmend durch die immer stärkere Verschulung des Lehrstoffes verdrängt, so der ehemalige Kulturstaatsminister und Philosophieprofessor Julian Nida-Rümelin. Zudem werde das Ziel des Bologna-Prozesses, Mobilität von Hochschulangehörigen z.B. durch Auslandssemester zu fördern, erschwert, da viele Inhalte über mehrere Semester aufeinander aufbauen, so Anja Gadow vom Freien Zusammenschluss von StudentInnenschaften (fzs).

Auch das unter Gastgeberschaft der Beneluxstaaten in Leuven aktuell stattfindende Folgetreffen der Mitglieder des Bologna-Prozesses, wird die Frage der Mobilität thematisieren. Ein weiterer Schwerpunkt ist der Stand der Umstellung auf Bachelor und Master Studienabschlüsse. Die geplante Umsetzung der Bologna-Erklärung bis 2010 ist nach Meinung der Hochschulrektorenkonferenz nur eine "Durchgangsstation" auf dem Weg zu "Bologna 2020".



Mehr zum Thema

Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 48/2006)

Hochschulreform aus studentischer Perspektive

Rückkehr zur Wissenschaftlichkeit, soziale Absicherung und Chancengleichheit, das fordern die Studierenden von der Hochschulreform. Marktwirtschaftliche Effizienz kann das nicht leisten - die öffentliche Hand ist gefragt. Weiter...

Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 48/2006)

Die deutsche Umsetzung des Bologna-Prozesses

Bis 2010 sollen alle Studiengänge in Deutschland auf Bachelor und Mater umgestellt werden. Gut die Hälfte ist bereits geschafft; beim Rest mangelt es eher an Mitteln denn an Willen. Weiter...