Erde

Debatte über Atomausstieg

Angesichts des Klimawandels, steigender Energiekosten und der Abhängigkeit von Energie-Importen hat die Diskussion um die Vor- und Nachteile der Kernenergie wieder an Bedeutung gewonnen. Am Donnerstag (19.03.2009) hat der Bundestag über den Atomausstieg debattiert.

Als Reaktion auf Energie- und Versorgungsengpässe planen eine Reihe europäischer Länder wie beispielsweise Schweden, Polen, Tschechien, Italien, Frankreich und Großbritannien wieder Atomreaktoren zu bauen. Auch in Deutschland ist die Debatte um den Atomausstieg neu entfacht. Während Befürworter der Kernenergie angesichts der geänderten globalen Rahmenbedingungen auf längere Laufzeiten für Atomkraftwerke drängen, wollen Kritiker an dem Konsens zur befristeten Nutzung der Kernenergie festhalten.

Am Donnerstag hat sich auch der Bundestag mit dem Thema befasst. Anlass für die Plenardebatte waren mehrere Anträge von Bündnis 90/Die Grünen sowie eine Große Anfrage der FDP zum Thema Nutzung und Ausstieg aus der Kernkraft, die den Abgeordneten zur Beratung und Abstimmung vorlagen.

Hintergrund ist der im Jahr 2000 zwischen der damaligen rot-grünen Bundesregierung und den Energieversorgungs-
unternehmen vereinbarte Ausstieg aus der friedlichen Nutzung der Kernenergie. Mit dem 2002 in Kraft getretenen Gesetz zur "geordneten Beendigung der Nutzung der Kernenergie zur gewerblichen Erzeugung von Elektrizität" wurde der langsame Ausstieg aus der Atomkraft besiegelt. Es änderte das Atomgesetz von 1959 grundlegend: statt der Förderung der Kernenergie ist nunmehr ihre geordnete Beendigung Zweck des Gesetzes. Demnach ist die Laufzeit für die deutschen Kernkraftwerke auf durchschnittlich 32 Jahre seit Inbetriebnahme befristet. 2021 soll voraussichtlich das letzte Kernkraftwerk vom Netz gehen. Zudem dürfen nach dem Atomkonsens keine neuen Atomkraftwerke in Deutschland gebaut werden.

Gleichzeitig wurde in Deutschland die Förderung und der Ausbau der regenerativen Energien vorangetrieben.

Weltweiter Verbrauch von Primärenergie - zum Vergrößern klicken Sie bitte auf die Grafik!Weltweiter Verbrauch von Primärenergie - zum Vergrößern klicken Sie bitte auf die Grafik!
Mit dem Ende 2007 beschlossenen "Integrierten Energie- und Klimaprogramm" (IEKP) soll der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromversorgung von derzeit rund 14 Prozent (Stand: Februar 2009) bis zum Jahr 2020 auf mindestens 30 Prozent erhöht werden. Dadurch soll die Abhängigkeit von Energie-Importen gemindert, die Versorgungssicherheit gestärkt und ein wichtiger Beitrag zur Senkung klimaschädlicher CO2-Emissionen geleistet werden.

Gerade diese Argumente führen aber auch Befürworter der Atomenergie ins Feld: Die Erzeugung von Kernenergiestrom sei aufgrund seines geringeren Anteils an Treibhausgasemissionen im Vergleich zu fossilen Energieträgern klimafreundlich. Zudem sei die Versorgung mit Uran vor dem Hintergrund der hohen Importabhängigkeit Deutschlands bei Erdöl und Erdgas vergleichsweise sicher: Während sich die fossilen Energiereserven auf eher unruhige Regionen konzentrierten, komme Uran nahezu überall auf der Welt vor. Aufgrund des weltweit steigenden Energieverbrauchs und der begrenzten fossilen Energiereserven könne sich diese Problematik künftig noch verschärfen, argumentieren die Fürsprecher. Demnach seien auch die erneuerbaren Energien kein realistischer Ersatz für die Kernenergie. Sie könnten den wachsenden Energiebedarf allein kaum abdecken und seien nicht grundlastfähig. Die Grundlastversorgung bezeichnet die permanent benötigte Leistung für eine stabile Stromversorgung. 2007 stammten rund 22 Prozent der Bruttostromerzeugung aus Atomkraftwerken - bei der Grundlastversorgung mit Strom betrug dieser Anteil knapp 48 Prozent. Solange es noch keine Speichermöglichkeiten für die gewonnene Wind- und auch Solarenergie gebe, könnten die erneuerbaren Energien keine stabile Stromversorgung garantieren.

Demgegenüber verweisen Kritiker der Atomenergie vor allem auf Probleme der Sicherheit und Nachhaltigkeit, die sich mit dieser Art der Stromerzeugung verbinden: Die Störfälle in den Atommeilern Krümmel und Brunsbüttel 2007 hätten gezeigt, wie sehr die Unfallwahrscheinlichkeit mit dem Alter steige. Zudem stellten die Atomkraftwerke vor dem Hintergrund terroristischer Bedrohung ein hohes Sicherheitsrisiko dar. Auch fehle es an Knowhow und ausreichend qualifiziertem Personal sowohl für den Bau der Werke als auch deren Betrieb und für die Entsorgung - nicht zuletzt ein weiteres großes Sicherheitsrisiko.

Der relative Klimavorteil im Vergleich zu fossilen Energieträgern wiege die schwerwiegenden Umweltprobleme bei Uranabbau und Atommüllentsorgung nicht auf. Je länger die Laufzeiten der Atomkraftwerke seien, desto mehr nehme auch die Problematik der Entsorgung zu. Nach Angaben des Bundesumwelt-
ministeriums gibt es derzeit in Deutschland 6000 Tonnen hochgefährlicher Atomabfälle in Form radioaktivbelasteter Brennelemente. Bis zur Abschaltung des letzten Atomkraftwerkes werden noch weitere 4800 Tonnen dazukommen. Damit einher geht die Frage nach der Endlagerung des Atommülls, die bislang allerdings ungelöst ist. Daher seien die erneuerbaren Energien nicht nur hinsichtlich der Nachhaltigkeit von Bedeutung.


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