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Bombenanschläge in Istanbul

Bei zwei Explosionen sind in Istanbul am Sonntag (27.07.2008) mindestens 17 Menschen getötet worden, weitere 150 wurden verletzt. Die Polizei vermutet die verbotene kurdische Arbeiterpartei (PKK) hinter den Anschlägen. Doch die dementierte die Tat.

Der Anschlagsort im Stadtteil Güngörön in Istanbul, Foto: APDer Anschlagsort im Stadtteil Güngörön in Istanbul, Foto: AP
Die beiden Bombenanschläge ereigneten sich kurz vor 22 Uhr Ortszeit im Stadtteil Güngörön auf der europäischen Seite Istanbuls. Die Sprengsätze waren auf einem belebten Platz in Mülleimern versteckt und detonierten kurz nacheinander. Mindestens 17 Menschen wurden dabei getötet, mehr als 150 wurden verletzt. Es ist der folgenschwerste Anschlag in Istanbul seit fünf Jahren.

Die Regierung geht von einem Terroranschlag aus. Bisher hat sich niemand zu den Anschlägen bekannt. Der türkische Nachrichtensender NTV berichtete, die Sicherheitsbehörden vermuteten die verbotene kurdische Arbeiterpartei (PKK) hinter dem Anschlag. Hierfür gibt es mehrere Verdachtsmomente, jedoch keine Beweise. So ist es laut NTV eine bewährte Methode der kurdischen Terroristen, zeitlich verzögerte Doppelsprengsätze zu zünden. Hinzu kommt, dass die türkische Armee in jüngster Zeit ihre militärische Offensive im Grenzgebiet zum Nordirak ausgeweitet hat, um gegen logistische Stützpunkte und die Rückzugsgebiete der PKK in dieser Region vorzugehen. Erst in der Nacht zum Sonntag hatte die türkische Luftwaffe Angriffe geflogen. Gegen diese Annahme spricht, dass in dem Stadtteil Güngören, in dem sich das Attentat ereignete, sehr viele Kurden wohnen. Die PKK lehnte derweil jegliche Verantwortung für die Tat ab.

Am Montag nach dem Anschlag wurde in Istanbul über weitere mögliche Verdächtige spekuliert: Als weitere Drahtzieher der jüngsten Anschläge kommt auch der türkische "Arm" von Al Qaida in Frage, der den letzten schweren Anschlag in Istanbul auf das amerikanische Generalkonsulat Anfang Juli verübt haben soll. Ebenfalls wird eine Beteiligung der erznationalistischen Gruppe "Ergenekon" diskutiert, die von der Istanbuler Staatsanwaltschaft angeklagt wird, die islamisch-konservative Regierungspartei AKP von Premier Recep Erdogan mittels eines Staatsstreichs von der Macht zu verdrängen.

Unklar ist, ob ein Zusammenhang zwischen den Bombenanschlägen und dem Verbotsverfahren gegen die AKP besteht. Das türkische Verfassungsgericht berät ab Montag (28.07.2008) abschließend über ein Verbot der Regierungspartei. Ihr wird vorgeworfen, eine Islamisierung des Landes anzustreben. Das Verfahren hat in den vergangenen Monaten die Türkei in Atem gehalten und zu einer tiefen Verunsicherung und Spaltung geführt. Hinzu kommen die jüngsten Auseinandersetzungen zwischen dem türkischen Militär und kurdischen Separatisten im Nordirak. Im Februar war die türkische Armee in das Nachbarland einmarschiert, um dort gegen PKK-Stützpunkte vorzugehen. Die PKK hatte daraufhin "Guerilla"-Aktionen in türkischen Städten angekündigt. Die PKK war auch für die Entführung dreier deutscher Bergsteiger Anfang Juli am Berg Ararat im Osten der Türkei verantwortlich. Die Männer wurden knapp zwei Wochen später unversehrt freigelassen.


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