Erde

Birma nach dem Zyklon

Die humanitäre Lage in Birma ist katastrophal, die Wut der Bevölkerung wächst. Nur vereinzelt lässt die Militärregierung Hilfskräfte ins Land. Das umstrittene Verfassungsreferendum wurde am Wochenende indes durchgeführt.

Zweigeteilte Satellitenbildaufnahmen von Birma: Unten ist das Ausmaß der Über-schwemmung zu sehen, Foto: APZweigeteilte Satellitenbildaufnahmen von Birma: Unten ist das Ausmaß der Über-
schwemmung zu sehen, Foto: AP
Die Auswirkungen des Wirbelsturms sind katastrophal. Mehr als die Hälfte der 53 Millionen Einwohner Birmas leben in den vom Zyklon "Nargis" verwüsteten Gebieten. Dieser war am Freitagabend (2. Mai 2008) mit Windgeschwindigkeiten von mehr als 200 Kilometern pro Stunde über das Land hinweggefegt. Bis zu 100.000 Menschen könnten in dem Sturm umgekommen sein. Diese Zahl nannte Shari Villarosa, die höchste US-Diplomatin in Birma. Nach Angaben der Organisation "Save the Children in Birma" sind 40 Prozent der Todesopfer Kinder und Jugendliche. Die Militärregierung hatte bisher von 22.000 Toten gesprochen. Die Vereinten Nationen schätzen, dass mindestens eine Millionen Menschen ihr Obdach verloren haben. Und noch immer stehen rund 5.000 Quadratkilometer unter Wasser. Das entspricht der doppelten Fläche des Saarlands.

Inzwischen wächst die internationale Kritik am Krisenmanagement der birmanischen Regierung. Erst am Mittwoch (8. Mai 2008) ließen die Militärmachthaber internationale Hilfsflüge ins Katastrophengebiet zu. Und immer noch warten Mitarbeiter verschiedener Hilfsorganisationen auf Einreisevisa, um vor Ort helfen zu können.

Im ganzen Land fehlt es an Wasser, Nahrungsmitteln, Medikamenten und Zelten. Menschen stürmten in die wenigen Läden, die bereits wieder geöffnet sind. Augenzeugen berichten von ersten Auseinandersetzungen. Die Preise für Lebensmittel - etwa Reis, Speiseöl oder Trinkwasser - haben sich in den letzten Tagen mehr als verdoppelt.

Beobachter rechnen mit weiteren Unruhen, sollte das Militärregime Birma weiterhin von internationaler Hilfe abschirmen. Die Wut in der Bevölkerung wachse, berichtet eine Mitarbeiterin der britischen Botschaft in Rangun. Die Menschen werfen der Regierung vor, sie nicht vor der herannahenden Katastrophe gewarnt zu haben. Um der schlechten Stimmung entgegenzuwirken, täuscht die politische Führung Engagement vor. Laut Medienberichten werden Hilfsgüter aus China und Thailand umgepackt und als Hilfsleistungen der Regierung deklariert.

Trotz der Katastrophe und internationaler Kritik hat die Militärjunta am Samstag (10.05.2008) das Verfassungsreferendum durchführen lassen. Die neue Verfassung ist umstritten, da sie das Militär in Parlament und Regierung mit mehr Machtbefugnissen ausstattet. Birmas Staatsmedien vermeldeten am Wochenende einen Erfolg des Referendums. In einzelnen Regionen habe die Zustimmungsquote zwischen 90 und knapp 100 Prozent gelegen. Politische Beobachter hatten im Vorfeld damit gerechnet, dass zwei Drittel der Wahlberechtigten die Verfassung ablehnen werden. Regimekritiker sprachen von massivem Wahlbetrug und Einschüchterungen seitens der Regierung. "Dieses Referendum war absolut nicht frei und fair", sagte Naing Aung vom "Forum für Demokratie in Birma" gegenüber einer deutschen Tageszeitung.

Das könnte die Lage im Vielvölkerstaat Birma weiter verschärfen. Das Vertrauen der Bevölkerung in die Junta hat stark gelitten, nachdem die Generäle im vergangenen Herbst friedliche Proteste gegen das Militärregime gewaltsam niedergeschlagen hatten. Sollte sich die Lage für die Menschen in den nächsten Wochen nicht spürbar verbessern, könnte die Situation eskalieren, prophezeit der thailändische Politikwissenschaftler Win Min. Auch ein Sturz der Militärregierung, die das Land seit 1962 diktatorisch regiert, wäre dann nicht ausgeschlossen.


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