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Olympia-Proteste gegen China

Vier Monate vor Beginn der Olympischen Spiele weiten sich die Proteste gegen das chinesische Vorgehen in Tibet aus. Nachdem es bereits am Sonntag in London zu massiven Störungen gekommen war, musste am Montag der Fackellauf in Paris unterbrochen werden. Peking verurteilte die Proteste als "abscheuliche Missetaten" tibetischer Separatisten.

Fackelträger Stephane Diagana (r.) bei Protesten in Paris, Foto: APFackelträger Stephane Diagana (r.) bei Protesten in Paris, Foto: AP
3.000 Sicherheitskräfte waren am Montag (7.4.2008) in Paris zum Schutz der Läufer im Einsatz. Sie sollten den Fackelzug über die 28 Kilometer lange Strecke durch die französische Hauptstadt begleiten. Doch schon eine halbe Stunde nach dem Start am Eiffelturm musste der Lauf wegen heftiger Proteste zwischenzeitlich unterbrochen werden. Nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP war es zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei gekommen. Sicherheitskräfte brachten die Fackel daraufhin in einem Bus in Sicherheit. Mit ihren Protestaktionen wollten die Demonstranten auf die Menschenrechtssituation der Tibeter in China aufmerksam machen. Paris war die letzte Station des Olympischen Feuers in Europa. Am Montagabend soll es nach San Francisco weiterreisen. Bereits am Sonntag (6.4.2008) war in London die Ankunft des olympischen Feuers von massiven Protesten begleitet worden. Demonstranten, unter ihnen viele Bürgerrechtler und Tibet-Aktivisten, versuchten den Fackellauf zu behindern. Rund 2.000 britische Sicherheitskräfte kamen zum Einsatz, um die Läufer zu schützen. Nach Angaben der Polizei wurden 37 Personen festgenommen.

Die Führung in China zeigte sich angesichts der jüngsten Protestaktionen unnachgiebig. Peking hatte in der Vergangenheit wiederholt eine "Politisierung der Spiele" moniert und die Staaten entlang des Fackellaufes aufgefordert, Demonstrationen zu unterbinden. Die Proteste in London bezeichnete die chinesische Regierung als Aktionen tibetischer Separatisten, das sportliche Großereignis zu sabotieren. Trotz internationaler Kritik hält die chinesische Regierung an ihrem Vorhaben fest, das Olympische Feuer im Juni auch durch die von Unruhen erschütterte chinesische Provinz Tibet zu tragen. Am Donnerstag (03.04.2008) hatte ein Gesandter des Dalai Lama, dem geistlichen Oberhaupt der Tibeter, China aufgefordert, den Olympischen Fackellauf durch die Krisenregion abzusagen - für die Tibeter würde dies eine weitere Provokation bedeuten.

Als Symbol von Frieden, Freundschaft und Fortschritt soll das Olympische Feuer insgesamt 137.000 Kilometer durch 134 Städte über fünf Kontinente getragen werden - der längste Lauf in der Geschichte der Spiele, die dieses Jahr am 8. August in Peking beginnen. Allerdings wurde die "Reise der Harmonie", wie der Fackellauf von den Olympia-Organisatoren genannt wird, von Beginn an durch die Unruhen in Tibet überschattet. Am Wochenende kam es in den tibetischen Regionen der südwestchinesischen Provinz Sichuan erneut zu Auseinandersetzungen zwischen Tibetern und chinesischen Sicherheitskräften. Nach bisher unbestätigten Berichten sollen dabei bis zu 15 Menschen ums Leben gekommen sein, als Demonstranten die Freilassung zweier festgenommener Mönche aus dem Kloster Tongkor forderten. Seit Mitte März ist der Konflikt um den Status der chinesischen Provinz Tibet eskaliert. Peking hatte die vorerst friedlichen Demonstrationen buddhistischer Mönche für mehr kulturelle Autonomie gewaltsam niedergeschlagen und einen "Volkskrieg gegen den Separatismus" ausgerufen. Das harte Vorgehen löste eine Welle weltweiter Solidaritätskundgebungen für die Tibeter aus.

Die Unruhen haben auch die Frage nach einem möglichen Boykott des sportlichen Großereignisses in China aufgeworfen, das unter dem Motto "Eine Welt - ein Traum" steht. Jacques Rogge, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), zeigte sich angesichts der jüngsten Entwicklungen "sehr besorgt". Der Fackellauf sei zu einer Zielscheibe gewalttätiger Aktionen geworden, was nicht mit den Werten der Olympischen Spiele vereinbar sei. Der IOC-Präsident rief daher zu einer schnellen und friedlichen Lösung der Tibet-Frage auf. Eine Bewegung hin zu einem allgemeinen Boykott sieht er allerdings nicht. Während der französische Außenminister Bernard Kouchner nach wie vor eine Absage Frankreichs an der Teilnahme der Eröffnungsfeier erwägt, hatte Englands Premierminister Gordon Brown dies ausgeschlossen. Auch der Dalai Lama hatte sich wiederholt gegen einen Boykott der Spiele ausgesprochen.


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